«Wer austeilt, muss auch einstecken können»

SP-Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen will so weitermachen wie bisher. Kritik an ihrem Führungsstil weist sie zurück.

An der sogenannten «Haschgasse» in Zürich zeigt die SP-Stadträtin, warum sie Cannabis legalisieren will. Video: Lea Blum

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Die erste Wahlumfrage der NZZ fiel für Sie vernichtend aus: Sie wären abgewählt. Wie kam das bei Ihnen an? Nehmen Sie das ernst?
Das ist ein Dämpfer und beschäftigt mich. Nun nutze ich die kommenden Wochen, um aufzuzeigen, wofür ich mich einsetze: dass alle Menschen gut behandelt werden, ob sie nun alt sind oder noch Kinder – oder Krankheiten haben, deren Therapie sich finanziell nicht lohnt.

Sie wollen das Gesundheits- und Umweltdepartement behalten?
Ja, hier möchte ich weiterarbeiten. Tue ich es nicht und gerät das Departement in rechte Hände, werden Teile der städtischen Gesundheitsversorgung an Hirslanden verkauft. So hat es die SVP im Gemeinderat gesagt.

Speziell bedenklich muss für Sie sein, dass laut der Umfrage selbst die SP-Wählerinnen Sie nur zur Hälfte wählen wollten.
Das gibt mir in der Tat zu denken. Deshalb will ich nochmals aufzeigen, wofür ich und meine Partei stehen.

Liegt es nicht daran, dass Sie auch parteiintern wegen Ihres teils rüden Umgangstons umstritten sind?
Ich arbeite seit vielen Jahren für diese Partei und für die Stadt Zürich und habe bewiesen, dass es mir um die Sache geht. Aber klar: Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Ihr Führungsstil – wenig Vertrauen in die Mitarbeitenden, ständige Meinungswechsel – wurde oft kritisiert. Wärs da nicht angezeigt, sich Hilfe von aussen zu holen?
Selbstverständlich habe ich mich führungsmässig beraten lassen und weiterentwickelt, das gehört zum Job. Ich kann Ihnen sagen: Ich habe heute ein Team, in dem es wunderbar läuft. Wer bei 7000 Mitarbeitenden und den gigantischen Herausforderungen im Gesundheitswesen keine unbequemen Entscheide trifft, hat wohl nicht geführt.

Die vielen Abgänge in Ihrem Kader sind mit ein Grund, dass Ihre Spitälerstrategie viel zu spät kam und wenig konkret war, weshalb der Gemeinderat sie zurückwies.
Die Abgänge waren in einem ganz spezifischen Bereich . . .

Nämlich?
In der zentralen Verwaltung. Ansonsten haben wir hohe Kontinuität. In der Politik ist schneller oft nicht geschwinder. Meine Einschätzung war, dass eine Vorlage zur Verselbstständigung der Stadtspitäler gleichzeitig mit jener zum EWZ nicht sinnvoll ist. Dessen Ausgliederung wurde dann auch prompt vom Gemeinderat versenkt.

Das Elektrizitätswerk lässt sich nicht mit einem Spital vergleichen. Sie wussten, dass die Spitäler mehr Flexibilität brauchen, und hätten als SP-Stadträtin den links dominierten Gemeinderat davon überzeugen können. Doch Sie waren mutlos.
Politik mit der Brechstange bringt nichts. In Zürich waren Rechtsformänderungen immer hochgradig umstritten.

Nachdem der Gemeinderat Druck gemacht hat, ist es jetzt so weit: Der Stadtrat will die Stadtspitäler verselbstständigen. Welches ist aus Ihrer Sicht die beste Rechtsform?
Für realistisch und sachdienlich halte ich die öffentlich-rechtliche Anstalt.

Wie bei den Spitälern wirft Ihnen die FDP auch bei den Alterszentren vor, die Entwicklung zu verschlafen: Die Stadt Zürich habe in absehbarer Zeit zu viele Plätze in Alterszentren.
Wir haben sehr viele Anmeldungen für städtische Alterszentren. Wir werden deshalb die Gesamtzahl der Plätze noch einige Jahre konstant halten. Zwar können dank des stark ausgebauten ambulanten Angebotes vier Fünftel der Bevölkerung über achtzig zu Hause leben. Doch gibt es in Zürich immer mehr alte Menschen, und immer mehr von ihnen wohnen allein. Wenn sie dies nicht mehr schaffen, sollen sie sich auf Unterstützung verlassen können.

Die Alterspolitik habe für Sie höchste Priorität, sagten Sie zu Beginn Ihrer Stadtratstätigkeit. Was haben Sie in acht Jahren konkret für die alten Menschen erreicht?
Ein verlässliches Angebot von Alterswohnungen, Alterszentren und Pflegezentren sowie vor allem einen Ausbau der ambulanten Leistungen. Und wir gehen mit der Zeit, indem wir spezialisierte Einrichtungen schaffen, zum Beispiel für unterschiedliche Demenzerkrankungen. Besonders stolz bin ich auf den Geriatrieverbund, in dem Erkenntnisse aus der Altersforschung sofort in die Praxis umgesetzt werden. Ich möchte den Verbund weiter ausbauen, auch Spitex und Alterszentren sollen mitmachen und profitieren.


Ihre Strategie ging nicht auf Zur Leistungsbilanz der SP-Stadträtin.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2018, 19:32 Uhr

Steckbrief

Claudia Nielsen (SP)

Geboren 1962 in Südafrika
Ausbildung Promovierte Ökonomin, Mediatorin
Berufliche Stationen
Forschung Universität Zürich
Parteisekretärin der SP Stadt Zürich
Selbstständige Ökonomin, Büro für Schnittstellen, Mediation
Geschäftsführerin Oikocredit Deutsche Schweiz
Verwaltungsratspräsidentin Alternative Bank Schweiz
Diverse Aufsichtsgremien von Stiftungen und Genossenschaften
Politische Stationen SP-Gemeinderätin (1994–2010), dreimal Präsidentin einer Spezialkommission
Seit 2010 Stadträtin, Vorsteherin des Gesundheits- und Umweltdepartements
Familie Verheiratet
Haustier Keines
Auto Keines
Vereinsmitgliedschaften Diverse; von Amnesty International bis Kaufmännischer Verband Zürich
Verwaltungsratsmandate Kernkraftwerk Gösgen AG (von Amtes wegen)

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