Wer ist der Mann, der im Fall Mörgeli ermittelt?

Staatsanwalt Andrej Gnehm wird von verschiedenen Seiten angefeindet, aber er führt nicht zum ersten Mal eine heikle Untersuchung mit prominenten Akteuren. Entsprechend gelassen reagiert er auf die Anwürfe.

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In der laufenden Untersuchung rund um die Vorgänge am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich steht ein Mann besonders in der Kritik: Staatsanwalt Andrej Gnehm. Ihm wird vorgeworfen, während der Untersuchung der mutmasslichen Amtsgeheimnisverletzung das Augenmass verloren und das Verhältnismässigkeitsprinzip verletzt zu haben. Laut einem Gutachten, das der Universitätsrat in Auftrag gegeben hat, hätte sich Gnehm beim Herausgabe­ersuchen auf die Verarbeitung von Daten von verdächtigen Personen beschränken sollen.

Auch Eberhard Wolff und seine Ehefrau Iris Ritzmann, beide Mitarbeiter am Medizinhistorischen Institut, kritisierten Gnehms Methoden. Die Untersuchung habe zu lange gedauert. Die Verhaftung wie Schwerverbrecher im Beisein der beiden minderjährigen Kinder in den frühen Morgenstunden durch sechs Polizisten und die Nacht im Gefängnis seien unverhältnismässig gewesen. Gnehm hat Ritzmann inzwischen wegen Amtsgeheimnisverletzung angeklagt. Das Verfahren gegen den Ehemann wurde eingestellt, Wolff erhält eine Genugtuung.

«Besondere Untersuchungen»

Wer ist dieser Andrej Gnehm? Der 38-Jährige arbeitet seit rund sechs Jahren bei der Staatsanwaltschaft I in der Abteilung «Besondere Untersuchungen». Diese Abteilung befasst sich mit Fällen von besonderer politischer Bedeutung – wie beispielsweise im aktuellen Fall Mörgeli – und führt die Untersuchen gegen höhere Mitarbeitende bei Gerichten, Verwaltung und Strafverfolgungsbehörden. Zuvor war Gnehm beim Bezirksgericht Zürich und während vier Jahren auf der allgemeinen Staatsanwaltschaft in Winter­thur tätig gewesen.

Offenbar arbeitet Gnehm in der Abteilung «Besondere Untersuchungen» sehr effizient und zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Denn gibt man seinen Namen in der Mediendatenbank ein, wird er immer wieder mit Fällen erwähnt, die Schlagzeilen machten: so im Fall der beiden Stadtpolizisten von Schlieren, die einen betrunkenen Schrebergärtner kontrollieren mussten und dabei den Mann brutal verprügelten. Gnehm forderte für die beiden Polizisten eine bedingte Strafe von 18 Monaten, das Gericht verurteilte sie zu 16 Monaten. Auch als die Staatsanwaltschaft überprüfte, ob sich die Sterbehilfeorganisation Dignitas der Verleitung und Beihilfe zur Selbsttötung schuldig gemacht hatte, wurde Gnehm diese Aufgabe übertragen. Der Fall ist noch hängig.

Gnehm führte zudem die Untersuchung gegen die Behörden von Bonstetten, denen ein Mitverschulden an der Tötung eines kleinen Jungen durch seinen Vater angelastet wurde. Das Verfahren wurde von Gnehm eingestellt – zu Recht, wie später das Bundesgericht bestätigte. Man könne der Behörde keine fahrlässige Tötung nachweisen.

Gnehm sollte verhaftet werden

Ebenfalls eine Einstellungsverfügung ­erliess Gnehm im Zusammenhang mit dem Nötigungsvorwurf der beiden Nervous-Bar-Betreiber Jens Gloor und Carlos Carotta gegen die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Die Männer lagen mit der Stadt jahrelang im Clinch wegen der Schliessung ihrer Bar.

Als zwei Anhänger des türkischen Nationalisten Dogu Perinçek, darunter der Europa-Vertreter der türkischen Arbeiterpartei, in Winterthur den Völkermord an den Armeniern leugneten und damit gegen die eidgenössische Antirassismusstrafnorm verstiessen, war Gnehm erneut gefordert. Er erreichte eine Verurteilung, welche vom Bundesgericht bestätigt wurde. Im diesem Zusammenhang war Gnehm in der Türkei zeitweise zur Verhaftung ausgeschrieben.

Ob Gnehm im Fall rund um das Medizinhistorische Museum korrekt gehandelt hat, werden am Ende die Gerichte zu entscheiden haben. Dies hindert die linken und grünen Parteien allerdings nicht daran, Gnehm bereits jetzt in ­ihrem eigenen politischen Süppchen zu garen. In einer SP-Erklärung im Kantonsrat vom letzten Montag war von einem «verbissenen Vorgehen» die Rede. Gemeint war das jüngste Ermittlungs­begehren der Staatsanwaltschaft gegen Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP). Nur: Gnehm war im Zusammenhang mit der Einleitung des Ermächtigungsverfahrens gar nicht involviert.

Mitglied der SVP

Andrej Gnehm ist Mitglied der SVP, was von linker Seite argwöhnisch beäugt wird. Dass sich die Parteimitgliedschaft auf die Art und Weise, wie Gnehm die Strafuntersuchung geführt hat, ausgewirkt hat, darauf gibt es keine Hinweise. Dagegen spricht auch der Umstand, dass rund die Hälfte der Staatsanwälte – die ordentlichen Staatsanwälte – von Parteien portiert und auf einer gemeinsamen Wahlliste den Stimmberechtigen ­zur Wahl vorgeschlagen wird. Zudem: Eine unverdächtige Kontrolle ausserhalb der Politik stellen die vom Strafver­fahren direkt betroffenen Akteure dar. Denn gegen fast jede einzelne Entscheidung eines Staatsanwalts kann Beschwerde beim Zürcher Obergericht erhoben werden.

Gnehm selber begegnet seiner ungewollten Prominenz relativ gelassen. Auf die Frage, wie er damit umgehe, ins politische Sperrfeuer geraten zu sein, sagt er: «Dies ist ärgerlich und bemühend, denn die Politik ist bei der täglichen Arbeit eines Staatsanwalts schlicht ein Nicht-Thema.» Den Vorwurf, er sei im Fall Iris Ritzmann/Eberhard Wolff unverhältnismässig vorgegangen, weist Gnehm klar von sich. Die Untersuchung sei in Anbetracht ihres Umfangs sehr zügig geführt worden. Den auf ihm lastenden Druck gleicht Gnehm in der Freizeit durch die Zeit mit seiner Familie und mit Tauchen in den hiesigen Seen aus. Hätte er gerne einen ruhigeren Job? «Nein, mein Job ist nach wie vor mein Traumberuf.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2014, 10:58 Uhr

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