«Wer mit dem Velo bei Rot fährt, schaut nicht auf die Strafe»

Die SVP will härtere Strafen für Velorowdys. Verkehrspsychologe Markus Hackenfort sagt, warum die Umsetzung schwierig ist – und was er sinnvoller fände.

Velofahrer verhielten sich in der Stadt immer rücksichtsloser, sagt Gregor Rutz von der SVP: Ein Fahrradfahrer fährt beim Limmatquai bei Rot über die Ampel.

Velofahrer verhielten sich in der Stadt immer rücksichtsloser, sagt Gregor Rutz von der SVP: Ein Fahrradfahrer fährt beim Limmatquai bei Rot über die Ampel. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Bei Rot über die Ampel, schnell die Abkürzung übers Trottoir, fahren ohne Licht: Velorowdys würden sich insbesondere in den Städten zunehmend um die Vorschriften foutieren, sagt der Zolliker SVP-Nationalrat Gregor Rutz. Mittels einer Motion fordert er deshalb vom Bund eine härtere Gangart, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. So sollen zum Beispiel die Bussen erhöht und Velos zwecks Identifizierung mit einer Fahrzeugplakette versehen werden. Velofahrer sollen bei schweren Vergehen auch mit Lenkverboten, Fahrkursen oder gar dem Entzug des Velos bestraft werden können.

Herr Hackenfort, die SVP fordert ein repressiveres Vorgehen gegen fehlbare Velofahrer. Ist das sinnvoll?
Es ist zumindest eine nachvollziehbare Reaktion, dass man höhere Strafen fordert, wenn man viele Regelverletzungen feststellt.

Sogar im oft als Vorbild zitierten Kopenhagen sind die Bussen für Velofahrer verdoppelt worden: Über ein Rotlicht fahren kostet dort 150 Franken, bei uns sind es nur 60.
Die hohe Strafe allein bringt nicht viel. Sanktion setzt Kontrolle voraus. Man muss deshalb auch bereit sein, mehr in die Kontrollen zu investieren.

Werden die Verkehrsregeln besser beachtet, wenn es mehr Kontrollen gibt?
Das stimmt grundsätzlich schon, ein erhöhter Kontrolldruck führt zu erwünschterem Verhalten. Aber will man tatsächlich Hunderte Polizisten mehr auf der Strasse haben, die nur Velofahrende kontrollieren? Kommt hinzu, dass die Durchsetzung häufig sehr schwierig ist. Schon wenig sportliche Velofahrerinnen und Velofahrer sind unglaublich schwer zu fassen. Ich weiss das aus Erfahrung: Wir machen regelmässig Untersuchungen, bei denen wir versuchen, Velofahrende anzusprechen. Und sie zeigen wenig Verständnis für die Bestrafung.

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Müssen Velorowdys härter bestraft werden?




Warum?
Regelübertretung ist situativ. Grundsätzlich verhalten sich Velofahrer dort regelwidrig, wo sie das Gefühl haben, dieses Verhalten sei ungefährlich. Sie fahren etwa nur über Rot, wenn sie glauben, es sei sicher. Entsprechend wenig Verständnis haben sie dafür, wenn sie von der Polizei mit Bussen belegt werden.

Was sollte man stattdessen tun?
Wenn Velofahrerinnen und Velofahrer die Situation immer richtig einschätzen würden, wäre Fehlverhalten weniger häufig. Doch Studien zeigen, dass rund die Hälfte der Unfälle mit Beteiligung eines Velofahrers von diesen selbst verursacht werden. Das Problem ist, dass sie mit ihrer Einschätzung über die Gefährlichkeit oft falsch liegen. Wir müssen darüber aufklären, wo die gefährlichen Orte sind und welche Handlungen gefährlich sind. Das wissen die Leute häufig nicht.

Wo müsste diese Aufklärung stattfinden?
Unsere Untersuchungen zeigen, dass sie ortsspezifisch erfolgen muss. Es braucht konkrete Botschaften an Kreuzungen, an denen häufig Unfälle passieren. Wegen der Fehlurteile der Velofahrerinnen und Velofahrer muss man ihnen dort signalisieren: Passt hier auf.

«Vermutlich verhält es sich mit den Velorowdys wie mit den Rasern: Es gibt sie, aber so fürchterlich viele sind es auch wieder nicht.»

Haben Sie persönlich auch das Gefühl, dass es immer mehr Velorowdys gibt, die sich um die Regeln foutieren?
Ich glaube nicht, dass es mehr gibt. Vermutlich verhält es sich mit den Velorowdys ähnlich wie mit den Rasern: Es gibt sie, aber so fürchterlich viele sind es dann auch wieder nicht. Und unsere Studien zeigen, dass die wenigen Rowdys lammfromm werden, wenn sie an die Kreuzung kommen, die sie für gefährlich halten. Das hat viel mit Einschätzung zu tun, und nach meiner Auffassung muss man eher da ansetzen und weniger bei der Strafe. Wer mit dem Velo über Rot fährt, schaut nicht auf die Höhe der Strafe.

Auch nicht, wenn einem das Velo weggenommen werden könnte, wie Gregor Rutz es fordert?
Auch dann nicht. Einen Tag später haben sie sowieso ein neues.

Was sagen Sie Leuten, die Angst vor Velofahrern auf dem Trottoir haben?
Velofahrer auf dem Trottoir ärgern auch mich. Aber auf der anderen Seite muss man davon ausgehen, dass viele nicht wissen, dass auf dem Trottoir fahren eine der gefährlichsten Tätigkeiten überhaupt ist. Das erschliesst sich intuitiv nicht. Viele denken: Im schlimmsten Fall touchiere ich jemanden. Und wenn Leute zu Fuss unterwegs sind, dann fahre ich besonders vorsichtig. Die grösste Gefahr rührt aber daher, dass andere Verkehrsteilnehmende keine Velofahrer auf dem Trottoir erwarten. Das ist das Hauptproblem, etwa beim Abbiegen.

Infografik: Bussenkatalog

Was kann Zürich von anderen Städten lernen?
Ich bin gerade an einer Konferenz in Münster, einer typischen Velostadt. Noch bekannter sind Kopenhagen oder Amsterdam. In diesen Städten wird häufig mit ortsspezifischen Signalisationen und Bodenmarkierungen gearbeitet. Und natürlich mit vielen separaten Fahrspuren.

Was heisst das für Zürich?
Zürich hat zwei Probleme. Erstens sind die Möglichkeiten für das Tiefbauamt und die Dienstabteilung Verkehr in Zürich baulich stark eingeschränkt, Velostreifen sind nicht überall machbar. Hinzu kommt ein sehr dichtes Tramnetz. Zweitens haben wir in Zürich die kritische Masse an Velofahrerinnen und Velofahrern noch nicht erreicht. Ab einer gewissen Zahl wird das Velofahren sicherer, weil Autofahrer ständig mit ihnen rechnen. Wenn ich mit dem Auto durch Münster, Amsterdam oder Kopenhagen fahre, dann denke ich beim Abbiegen immer daran, dass Velofahrende da sein könnten. In Zürich ist das nicht so – oder noch nicht. Doch hier sind immer mehr Menschen mit dem Velo unterwegs. Die Situation könnte sich darum schon in wenigen Jahren verbessern.

Erstellt: 01.10.2019, 11:09 Uhr

Markus Hackenfort ist Professor für Verkehrs-, Sicherheits- & Umweltpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

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