«Wer zur Meinungsbildung ein Plakat braucht, ist unmündig»

Die Kleberaktion des Geschichtslehrers, der ein Zeichen gegen den Kampagnenstil der SVP setzen wollte, erhitzt die Gemüter der Tagesanzeiger.ch-Leser. Besonders empört sich einer.

Zugepflastert: Zürcher Hauptbahnhof während der Plakataktion der SVP.

Zugepflastert: Zürcher Hauptbahnhof während der Plakataktion der SVP. Bild: Keystone

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«Es ist vollkommen verfehlt, dass der ‹Tages-Anzeiger› diesem linken Sandalenträger, der offensichtlich die demokratische Auseinandersetzung scheut, eine zusätzliche Plattform bietet.» SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti ist empört. Vielleicht gar mehr als der «Sandalenträger» selbst, jener Geschichtslehrer nämlich, der aus «individueller Verantwortung» die SVP-Wahlplakate im Zürcher Hauptbahnhof während der letzten Street-Parade überklebte.

«Die individuelle Einschätzung dieses Mannes ist doch völlig irrelevant. Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft und da hat man die Regeln zu akzeptieren», sagt Zanetti. Über Hintergründe, Beweggründe oder gar den Stil der eigenen Plakate mag der SVP-Politiker nicht diskutieren.

«Vorbildlich»

Aber nicht nur bei Zanetti löst das Porträt über Lüthi einiges aus. Auch die Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet diskutieren angeregt über die Kleberaktion.

Viele Leser sprechen dem Geschichtslehrer Mut und sogar ihre Bewunderung aus: «Er hat auf demokratische Art und Weise auf die schändlichen Plakate reagiert, ohne sie zu beschädigen. Und das ist vorbildlich», findet Herbert Berger. Urs Reinli fasst sich kurz: «Danke, Herr Lüthi. Schön, dass es Menschen wie Sie gibt.»

Aber die Kleberaktion stösst auch auf Kritik: Emotional sei Lüthis Engagement ja durchaus nachvollziehbar, sagt Mike Keller. «Aber er hat die SVP einer Zensur unterzogen, was er als Geschichtslehrer ja kaum tolerieren kann.» Schliesslich gebe es genügend andere Möglichkeiten, seine Meinung kundzutun.

Zanetti zitiert Luxemburg

Für Thomas Metzger ist der Fall klar: «Es geht nicht an, dass man die Meinung von anderen, wenn sie einem nicht passt, einfach überklebt.» Thomas Meili will politische Plakatwerbung gleich ganz verbieten: «Mündige Bürger bilden sich ihre Meinung nicht aufgrund von Politwerbung. Wer zur Meinungsbildung ein Plakat braucht, ist unmündig.»

Der SVP-Politiker Claudio Zanetti schliesst das Gespräch über politisches Engagement und Sachbeschädigung mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit einem Zitat von Rosa Luxemburg: «Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.»

(lcv)

Erstellt: 19.04.2012, 17:01 Uhr

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