Wers richtig macht, findet eine Wohnung

Herrscht in Zürich wirklich Wohnungsnot? Die Vermieter zweifeln und kritisieren die sogenannte Leerwohnungsziffer.

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Die Meldung des kantonalen Statistischen Amts tönte Anfang August alarmierend: Obwohl im Kanton Zürich gebaut wird wie nie zuvor, sind leere Wohnungen kaum zu finden. Der Leerwohnungsbestand sank im Kanton auf 3980 (0,61 Prozent). Und in Zürich von 180 im Vorjahr auf 57 (0,09 Prozent respektive 0,03 Prozent). «Die Stadt Zürich ist praktisch vollständig ausgemietet», schrieb das Statistische Amt. Wenn man sich das vor Augen führt: In der Stadt nur 57 leere Wohnungen für all diese vielen Leute, die eine Bleibe suchen? - Das wirkt dramatisch und erweckt den Eindruck, in Zürich gäbe es so gut wie kein Wohnungsangebot.

Statistisch wenig aussagekräftig

Das sei ein trügerischer Eindruck, meint Sandra Burlet vom Schweizer Hauseigentümerverband (HEV): «Die Leerwohnungsziffer ist ein ungeeignetes Mass, um den Markt zu beschreiben.» Wechsel gäbe es ja trotzdem. Theoretisch betrachtet, sagt Burlet, müsste es bei einem perfekt funktionierenden Markt, wenn sich also Angebot und Nachfrage genau treffen, gar keine Leerwohnungen mehr geben. Der Hauseigentümerverband kritisiert deshalb die mangelnde Aussagekraft dieser Ziffer. Als Leerwohnungen definiert sind jene Wohnungen, die am Stichtag unbesetzt, aber bewohnbar sind, und die zur dauernden Miete von mindestens drei Monaten oder zum Kauf angeboten werden. Nicht aufgeführt werden in dieser Statistik die Wohnungen, die - wie im Normalfall - bis zu einem bestimmten Monatsende bewohnt werden und ab Monatsanfang wieder vermietet sind.

Auch wenn sich die Leerwohnungsziffer also durchaus mit der Beobachtung von Wohnungssuchenden deckt, die beim Besichtigungstermin auf Heerscharen anderer Bewerber treffen - über das tatsächliche Mass der «Wohnungsnot» in Zürich kann man statistisch nur wenig Gesichertes sagen. Silvan Tatovsky vom Statistischen Amt des Kantons Zürich räumt ein, dass mit dem Leerwohnungsbestand das komplexe Bild nicht umfassend beschrieben werden könne, der Indikator zeige aber dennoch die Tendenzen schön auf.

2003 hat der frühere Zürcher Nationalrat Rolf Hegetschweiler (FDP) eine Motion eingereicht mit dem Begehren, diese Ziffer mit zweckdienlicheren Kenngrössen zu ersetzen. Denkbar wären etwa ein Liquiditätsmass (Wie viele Wohnungen wechseln die Hand?) oder eine Vermarktungsdauer (Wie lange wird für freie Wohnungen inseriert?). Der Bundesrat stimmte der Kritik grundsätzlich zu, war aber der Ansicht, es bestehe «kein Spielraum für die Einführung neuer Statistiken». Das Bundesamt für Wohnungswesen gab in diesem Zusammenhang Studien zu Alternativmethoden in Auftrag, die 2006 veröffentlicht wurden.

Wie das Internet den Markt verändert

Dass die Leerwohnungsziffer niedrig ist, hängt laut Burlet auch mit dem Internet zusammen: «Früher musste man leere Wohnungen in der Zeitung inserieren. Nur schon bis man Antwort bekam, brauchte das Zeit.» Das Internet beschleunigte den Prozess: Kaum erscheint eine Wohnung auf dem Immobilien-Portal Homegate, treffen innert Minuten erste Nachfragen ein. Deshalb ist auch das Risiko geringer, dass eine Wohnung längere Zeit unbesetzt bleibt und von der Statistik erfasst wird. Den Eindruck einer Wohnungsnot verstärkt das Internet auch anderweitig: Mussten Suchende früher täglich die Zeitung durchforsten, abonnieren sie heute ein zugeschneidertes Mail bei den einschlägigen Internet-Immobilienbörsen. Alle sind sofort über den Markt informiert. An Besichtigungsterminen stehen also umso mehr Leute Schlange. Was gäbe es für ein prägnanteres Bild von Wohnungsnot, als das Gedränge bei einer Besichtigung? Bei grossen Bewerberzahlen ist die Entscheidung für die Vermieter nicht einfach: Haben sie 50 Anträge ohne Tadel, aufgrund welcher Kriterien sollen sie entscheiden? Branchenkenner sagen, dass manche Wohnungssuchende mittlerweile hohe Prämien aussetzen, um den Zuschlag für eine Wohnung zu kriegen. Die Anzahl Bewerber pro Wohnung wäre insofern auch eine denkbare Kennzahl für den Zustand des Wohnungsmarkts, wenn sie sich valide erheben liesse.

Manche Suchende weichen lieber auf Internetmailings aus, die einem kleinen Kreis vorbehalten bleiben, etwa auf den Mailservice von Ron Orp. Laut Romano Strebel von Ron Orp sei die Zahl der Wohnungsangebote auf ihrer Website in den letzten Jahren konstant geblieben, die der Nachfragen leicht angestiegen. Auch er weiss jedoch von teilweise exorbitanten Prämien zu berichten. Beim Immomailing Naloo heisst es als Bedingung um ein Inserat zu platzieren: «Keine Wohnungen, die auch auf Homegate o. ä. ausgeschrieben sind.» Es scheint also, dass sich im Internet-Wohnungsmarkt-Nischen etablieren. Reduziert sich dadurch die Zahl der Mitbewerber, reduziert sich - so gesehen - auch die «Wohnungsnot».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2008, 08:22 Uhr

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