Wie Hexen Weihnachten feiern

Sex im Freien und Tänze ums Feuer? Die Weihnacht der Hexen ist weniger spektakulär, als man annehmen mag. Dafür gibt es andere Feste.

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An den Schaufenstern des Ladens im Oberdorf steht «Des Balances AG». Wen das an eine Kosmetikvertretung erinnert, der täuscht sich. Eine zugehörige Homepage macht es klarer: Hier steht ein «Hexenladen».

Im Innern riecht es stark nach einer Mischung aus Räucherstäbchen und erdigen Düften. In den Schaufenstern stehen Feenfiguren, im Ladeninneren reihen sich Bücher zu Magie, Tarot und Übersinnlichem aneinander, ätherische Öle und verschiedenste Kerzen stehen neben Figuren von Gnomen, Totenköpfen oder Engeln. Alles irgendwo zwischen Kitsch und Esoterik angesiedelt.

Zehntausende beschäftigen sich mit Magie

Monika-Jacqueline Maag, die Geschäftführerin, meint, sie habe einige Dinge vor dem Besuch verstaut. «Wenn es um Magie geht, haben die Leute oft das Gefühl, es sei etwas Böses. Aber das hat nur mit Halbwissen und Desinteresse zu tun.» Es sei einfacher etwas nur vom Hörensagen weiterzuerzählen, als sich selbst mit der Materie zu befassen. Maag ist gleichzeitig zurückhaltend und forsch, will nicht zu viel preisgeben. «Ich sage Medienleuten immer das Gleiche, sie interessieren sich auch immer für die gleichen Themen.»

Sie selbst bezeichnet sich zwar nicht als Hexe. Erstens sei Wicca, wie die Hexenreligion heisst, hierzulande keine offiziell anerkannte Religion und zweitens würden sich Hexen mehr mit Naturmagie befassen. Da sich rund 9'000 Menschen beim Newsletter ihrer Homepage angemeldet hätten, gehe sie aber davon aus, dass sich mehrere Zehntausend Menschen in der Schweiz mit Magie auseinandersetzten.

Wenn Tote reden

Sie selbst aber sei hellsichtig, schon seit ihrer Kindheit. «Ich habe etwa im Alter von fünf Jahren plötzlich gemerkt, dass ich Willy Schilling sehe, den ausser mir und meinem Grossvater niemand wahrnimmt.» Der habe ihr eine Botschaft für seine Frau Ida hinterlassen: «Er sagte mir, wo er gewisse Dinge für sie versteckt hatte, die er ihr unbedingt weitergeben wollte.» Zu diesem Zeitpunkt sei Schilling, ein ehemaliger Nachbar, längst tot gewesen. Kritischen Fragen dazu begegnet sie stoisch mit dem Hinweis, sie müsse niemandem etwas beweisen: «Wäre ich schlecht in dem was ich mache, hätte ich nicht so viele Klienten.»

Trotz ihrer «Verbindung zur geistigen Welt», wie sie es nennt, sympathisiert sie mit hexerischen Riten und Gebräuchen. Zumindest die Feiertage haben auch für sie eine Bedeutung. Am 21. Dezember ist es wieder so weit. Am kürzesten Tag des Jahres feiere Maag jeweils das Julfest.

«Eigentlich mache ich alles gleich wie alle anderen, nur hängt bei mir der Christbaum verkehrt rum», sagt Maag lachend. «Heute sagt man das spezielle Aufhängen sei ein Symbol für Weiblichkeit, ich glaube eher, das hat den historischen Hintergrund, dass so der Baum nicht von Ratten angefressen wurde.»

Holz und Ochsenurin

Grundsätzlich hätten alle der acht Hexenfeiertage im Jahr mit einer Form von Geburt zu tun, sei es im Frühling das Erwachen der Pflanzenwelt oder im Sommer das Wachsen erster Früchte. Beim Julfest, einem ursprünglich keltischen Brauch, gehe es um die Wiedergeburt des Lichtes. «Für unsere Vorfahren war das Fest von grosser Bedeutung. Sie hatten viel stärker unter den Bedingungen des Winters zu leiden als wir.»

Besondere Rituale dazu gebe es zwar, würden heute aber nur noch selten praktiziert. «Früher suchte man im Wald ein Julscheit und liess es während zwölf Nächten brennen.» Danach habe man ein Reststück am Pflug befestigt, um sich eine gute Ernte zu sichern. «Die Asche vermischte man schliesslich mit dem Urin eines Ochsen und vergrub sie in der frostigen Erde, um Haus und Vieh zu schützen.»

Schokotrüffel als einzige Droge

Viel verbreiteter sei es noch, dass man Kerzen mit einer bestimmten Symbolik anzünde, die einem dann im Folgejahr Schutz in einem Lebensbereich bieten solle, vom Geschäftlichen bis zu Liebesdingen.

Ansonsten gebe es weder halluzinogene Pilze, noch wilde Tänze ums Feuer, wie es manche von einem Hexenfeiertag erwarten würden. «Die einzige Droge, die es bei uns gibt, sind Schokoladentrüffel nach Rezept meiner Grossmutter», sagt Maag und lacht. Das Julfest sei familiär und besinnlich, es werde festlich gegessen, «wie bei jedem in der Weihnachtszeit».

Allerdings sei das Julfest auch nicht der wichtigste Feiertag für die Wicca-Angehörigen. Viel grösser sei Beltane, das wir in unseren Breitengraden auch als Walpurgisnacht kennen. «In England gibt es da tatsächlich grossangelegte Feste, auch mit Sex im Freien, zur Feier der reifenden Natur.» Hier in der Schweiz allerdings nicht. Und sie selbst habe so was noch nie mitgemacht. «Wie gesagt, ich bin ja keine Hexe.»

Erstellt: 12.12.2011, 12:38 Uhr

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