Wie Zürcher wirklich wohnen wollen

Eine neue Studie gibt erstaunliche Aufschlüsse darüber, welche Ansprüche Zürcherinnen und Zürcher an die eigenen vier Wände stellen. Vielen ist ein Balkon wichtiger als die Grösse der Wohnung.


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Seit der deutlichen Annahme der Vorlage «Bezahlbare Wohnungen für Zürich» ist der Stadtrat gefordert: Bis 2050 muss jede dritte Wohnung in Zürich einer Genossenschaft gehören. Um dieses Ziel zu erreichen, ist unter anderem bauliche Verdichtung notwendig. «Künftig wird es weniger Wohnfläche pro Kopf geben», betonte Stadtrat André Odermatt unlängst vor den Medien.

Doch wie wichtig ist den Zürcherinnen und Zürchern die Grösse ihrer Wohnung tatsächlich und welche Prioritäten setzen sie bei der Wohnungswahl? Eine neue Studie liefert erstmals Zahlen zu dieser Thematik (siehe Box).

Rund 30 Prozent würden auf Wohnfläche verzichten

Und die Zahlen lassen darauf schliessen, dass die Bewohner von Zürich durchaus bereit sind, Abstriche in Kauf zu nehmen. 28 Prozent der Befragten sind grundsätzlich bereit dazu, auf Wohnfläche zu verzichten, 42 Prozent würden dies nur unter Druck tun. Lediglich ein Drittel der Umfrageteilnehmer geben an, auf keinen Fall auf Wohnfläche verzichten zu wollen.

Als optimale Grösse wird eine Wohnfläche von 60 bis 100 Quadratmeter angegeben. Hier ist die Nachfrage deutlich höher als das Angebot. Bei Wohnungen zwischen 120 und 150 Quadratmetern besteht hingegen ein leichter Angebotsüberhang.

Bei der Frage, unter welchen Bedingungen man in eine kleinere Wohnung umziehen würde, geben 66 Prozent eine gute verkehrstechnische Erschliessung der neuen Wohnung an, für 65 Prozent wäre ein günstigerer Mietzins wichtigster Grund für den Wechsel. Die zentrale Lage ist für 46 Prozent der Befragten entscheidend. Für gut ein Drittel ist wichtig, dass die neue Wohnung im selben Quartier liegt wie die bisherige.

Balkon ist wichtiger als Wohnungsausbau

Interessante Daten liefert die Studie auch über die wichtigsten Kriterien bei der Wohnungswahl. Die Grösse der Wohnung rangiert hier im Mittelfeld. Nur gerade für 18 Prozent der Befragten ist sie sehr wichtig. Viel wichtiger ist den Befragten der private Aussenraum. So geben gut 60 Prozent an, dass sie grossen Wert auf einen Balkon oder eine Dachterrasse legen.

Erstaunlich ist hingegen, dass nur gerade für 40 Prozent der Umfrageteilnehmer entscheidend ist, eine günstige Wohnung zu haben. Punkto Ausstattung der Wohnung geben sich die Befragten genügsam. Lediglich 9 Prozent geben an, dass ihnen ein hoher Ausbaustandard sehr wichtig ist.

Die Frage nach dem Huhn und dem Ei

«Die Resultate belegen, was ich täglich erlebe», kommentiert Felicitas Huggenberger, Geschäftsleiterin des Mieterverbands Zürich, die Zahlen. Häufig werde Mietern mit der Begründung gekündigt, die Wohnung müsse saniert oder umgebaut werden, weil sie nicht mehr dem heutigen Standard entspreche. «Die Mieter selbst sagen aber einhellig, dass ihnen die Wohnungen vollauf ausreichen würden. Sie würden keine grösseren Wohnungen brauchen und auch der Bad- und Küchenausbau sei gut genug.» Es sei eben die Frage nach dem Huhn und dem Ei, meint Huggenberger: «Die Vermieter gehen immer davon aus, dass die Ansprüche an die Wohnungen steigen. Die Mieter selbst sind aber sehr wohl zufrieden mit dem, was sie haben.»

Verdichtetes Wohnen sei aber auf jeden Fall wichtig für die weitere Entwicklung in der Stadt Zürich. «Die Frage ist wie», gibt Huggenberger zu bedenken. Im Moment werde alte Bausubstanz abgerissen und durch neue Häuser ersetzt, in denen grössere und somit teurere Wohnungen entstehen. «Das kann nicht sein. So werden die Mieter unter dem Deckmantel des Verdichtens verdrängt», so Huggenberger. «Neu gebaute Wohnungen müssen auch bezahlbar sein und das wäre zwangsläufig der Fall, wenn sie weniger Fläche haben. Zudem braucht es bei Altwohnungen einen besseren Preisschutz. Gerade bei Neuvermietungen, bei denen missbräuchliche Mieterhöhungen gang und gäbe sind.»

Anreize schaffen für den Wohnungswechsel

Ein Hauptproblem in der Stadt sei zudem, dass mit den laufend steigenden Mietzinsen der Anreiz für den Wechsel in eine kleinere Wohnung fehle, selbst wenn man weniger Platz beanspruchen würde. «Weshalb sollte man in eine teurere, kleinere Wohnung wechseln, wenn man in einer günstigen, grossen Wohnung lebt?», fragt die Mietexpertin.

Dass bei den Befragten die Energieeffizienz einer Wohnung höher gewichtet wird als die Grösse der Wohnung, erstaunt Huggenberger ebenfalls nicht. «Ich glaube, bei Zürcherinnen und Zürchern ist Umweltschutz und Ökologie schon lange ein Thema.» Schliesslich hätten sie auch der 2000-Watt-Gesellschaft zugestimmt. «Hinzu kommt die Kostenfrage: Energieeffizient gebaute Wohnungen verursachen weniger hohe Nebenkosten.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2011, 11:06 Uhr

Wichtiger Aussenraum: Zürcher Mieter legen grossen Wert auf einen eigenen Balkon. (Bild: Keystone )

Die Studie

Die Studie «Städtische Dichte aus Überzeugung – und Interesse» wurde vom Büro Zimraum erstellt. Verfasserin ist Joëlle Zimmerli. Die Daten der Studie beruhen auf einer standardisierten schriftlichen Befragung. Angeschrieben wurden 4000 zufällig ausgewählte Haushalte innerhalb der Stadt Zürich, 362 haben an der Befragung teilgenommen. Die Studie ist mit der Unterstützung der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) entstanden. (tif)

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