Wie aus Mädchen Ingenieurinnen werden

Die Frauenquote unter den Ingenieuren ist sehr tief. Studentinnen an der ETH Zürich wollen das ändern und haben Schülerinnen aus der ganzen Schweiz in ihre Labors eingeladen.

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Gertie ist eine blaue Lampe, und sie kann Gefühle ausdrücken. Die Roboterlampe steht in einem Labor an der ETH Zürich und ist auf Freude, Erschrecken, Angst und Trauer programmiert. Insgesamt siebzig junge Frauen aus der ganzen Deutschschweiz beobachten am Schülerinnentag an der ETH, wie sich die blaue Lampe je nach Emotion anders bewegt. Der Schülerinnentag wurde von Studentinnen des Verbands Limes (Ladies in Mechanical & Electrical Studies) aus eigener Initiative organisiert. Gertie soll die jungen Frauen zum Ingenieurstudium an der ETH motivieren. Eine Roboterlampe zu bauen ist nämlich keine Hexerei. Gertie wurde von einem Maschinenbau-Studenten erfunden und mit einem 3-D-Drucker hergestellt.

Frauenmangel

Von biologischen Materialien wie menschlicher Haut über Lithium-Ionen in Batterien bis hin zu optischen Materialien für Solarzellen: Das Forschungs- und Berufsfeld für Ingenieure ist breit. Und in der Schweiz sind sie gefragter denn je. Doch wollen nur wenige Frauen Ingenieurin werden. Im Departement Maschinenbau liegt gemäss ETH-Statistiken der Frauenanteil bei 8,8 Prozent, in der Elektrotechnik studieren 10,5 Prozent Frauen.

Lisa Poulikakos, Präsidentin von Limes, hat den Schülerinnentag mit organisiert und ist begeistert von ihrem Studium: «Das Fach Maschinenbau ist toll. Es gibt viele junge Frauen, die sich für den Ingenieursberuf eignen.» Das Problem sei aber, dass die meisten gar nicht wissen, was Ingenieure heute für Möglichkeiten hätten. Die Studentinnen von Limes wollen deshalb ein Vorbild sein. Während überall von Frauenquoten die Rede ist, setzen sie den Akzent auf Ermutigung durch ein weibliches Netzwerk.

Farbkristalle und Fruchtblasen

Die Idee stiess auf Anklang. Der erstmals organisierte Schülerinnentag vom vergangenen Mittwoch war ausgebucht. «Ich finde Technik spannend», sagt Priscilla, Gymnasiastin aus Zürich. Ihre Kollegin Natascha möchte herausfinden, was das überhaupt sei, Elektrotechnik und Maschinenbau. Die anwesenden jungen Frauen interessieren sich alle für Naturwissenschaft und technische Fragen. Viele wissen schon, dass sie an der ETH studieren wollen, haben sich aber noch nicht für ein Fach entschieden.

Interessiert folgen die Schülerinnen den Demonstrationen der Forscherinnen. Im Labor für Nanoelektronik erklärt Doktorandin Anna-Lena Deppenmeier, wie sie Farbkristalle produziert. Die Fläschchen mit der Kristalllösung leuchten knallig-bunt. Der Stoff soll für die Entwicklung von LED-Leuchten eingesetzt werden. Auch in Lea Nowacks Doktoratsprojekt geht es um die praktische Anwendung von Nanotechnologie: Sie experimentiert mit Lithium-Ionen, um die Speicherkapazität von Batterien zu verbessern. «Wir brauchen neue Technologien», sagt Kristina Shea, Professorin für Produkteentwicklung an der ETH Zürich. «Ingenieurinnen arbeiten immer auch an Lösungen für gesellschaftliche Themen.» Die gesellschaftliche Relevanz hat auch Lisa Poulikakos zum Maschinenbau-Studium motiviert: «Ich möchte etwas Positives in der Gesellschaft bewirken und die erneuerbaren Energien weiterentwickeln.» In ihrem Masterstudium beschäftigt sich Poulikakos mit optischen Materialien für Solarzellen. Viele aktuelle Bereiche in der Industrie wie die Biotechnik seien gerade für Frauen spannend. Nicht nur, wenn es um die Fruchtblase geht: Arabella Mauri erforscht letztere im Labor für Biomechanik. Die Doktorandin geht der Frage nach, wie biologische Materialen funktionieren – zum Beispiel eben die Haut, die sie gerade einem Zugversuch unterzieht. Es ist die Haut von der Fruchtblase.

Falsches Image

Angesichts der vielfältigen Berufsmöglichkeiten und Karrierechancen: Warum studieren nicht mehr Schweizerinnen Maschinenbau oder Elektrotechnik? «Ich weiss nicht, warum das so ist», sagt Professorin Kristina Shea. In England und den USA, wo sie herkommt, liege der Frauenanteil bei den Ingenieuren bei 25 bis 30 Prozent. Die Tatsache, dass der Frauenanteil in der Schweiz niedriger ist, liege möglicherweise an gesellschaftlichen Vorurteilen, die hier noch immer wirksam sind, meint Shea. Das Wichtigste sei jedoch, die Frauen in ihrer Berufswahl besser zu unterstützen und zu informieren. Sie betont zudem: «Die klassische Maschinenindustrie gibt es nicht mehr.» Viele Frauen hätten ein falsches Bild von Maschinenbau (wir berichteten), stellten sich dabei Autos oder grosse Maschinen vor. Dabei geht es heute auch um Energiefragen, Kommunikations- und Nanotechnologie und Materialentwicklung.

So sagt Mirjam, Schülerin aus Luzern: «Ich wusste vorher gar nicht, was Ingenieure machen.» Anaïs aus Zürich sagt: «Ich kann mich noch nicht für ein Studienfach entscheiden. Aber ich finde es faszinierend, Sachen zu verstehen und zu entwickeln.» Anaïs und ihre Kollegin Siri besuchen das Freifach Elektronik, das an der Kantonsschule Wiedikon angeboten wird. Siri, die eine Alternative zu ihrem Wunschstudium Medizin kennen lernen möchte, meint: «Es ist schon toll, wenn man das Ergebnis seiner Arbeit sieht.» Eine andere Schülerin zögert noch und fragt: «Muss ich schon mal eine Maschine gebaut haben, um Maschinenbau studieren zu können?» Die Antwort von Professorin Shea: «Nein. Man muss einfach probieren. Ausprobieren, wie ein Kind.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.01.2013, 22:14 Uhr

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