«Wie ergattere ich diese Wohnung?»

Die eineinhalb Zimmer mit Limmatsicht an der Schipfe 39 sind heiss begehrt, die Konkurrenz ist gross. Nach der Besichtigung rechnet die Stadt mit 60 Bewerbern. Ein paar Tipps für Aspiranten.

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Bettina Bauer steigt gedankenversunken die Treppe hinunter und geht an der Warteschlange vorbei. Sie hat die kleine Wohnung an der Schipfe 39 als eine der Ersten angeschaut, ihre Augen funkeln, als sie an die eineinhalb Zimmer denkt: «Sie sind toll.» Trotzdem zerbricht sich die 33-Jährige den Kopf: Sie hat keine Ahnung, was sie tun kann, um diese Wohnung zu ergattern – und befindet sich damit in bester Gesellschaft. Fast 100 Frauen und Männer haben gestern Mittag die Wohnung an begehrter Lage mit Blick auf Limmat und Hafenkran besichtigt. Lange vor der Türöffnung standen sie bereits auf der Warteposition. Bettina Bauers Mutter kam eigens eine Stunde früher, um ihrer Tochter einen Platz an der Spitze der Schlage zu sichern. Und die meisten Besucherinnen haben beim Verlassen des Hauses den lachsfarbenen Anmeldezettel der Stadtverwaltung in der Hand.

Auch die Studentin Nora Steiner will die Wohnung «unbedingt» haben und sieht ihre Freundin etwas ratlos an. Gemeinsam rätseln sie darüber, wie sie ihre Chancen erhöhen. Am liebsten hätte sie mehrere Anmeldezettel mitgenommen und verschwinden lassen, sagt sie scherzend. Natürlich hat sie sich auch überlegt, den städtischen Mitarbeiter in ein Gespräch zu verwickeln, damit er sich beim Auswählen an sie erinnert.

Bewerbung wie für einen Job

Gestern hätte es vielleicht gewirkt. Der Beamte, der die Wohnung gezeigt und Zettel verteilt hat, ist auch beim Auswählen dabei – allerdings nicht nur er. Mindestens zwei Leute bestimmen die Mieterinnen. Meist ein Verwalter und ein Vorgesetzter. Die Stadt legt viel Wert darauf zu betonen, dass beim Auswahlverfahren Regeln und Kriterien gelten – wohl weil sie jüngst wegen der betuchten Mieter in Kritik geraten ist, die in günstigen Stadtwohnungen leben.

Das Verhältnis zwischen Lohn und Wohnungsmiete der Bewerber darf nicht tiefer als 1:3 und nicht höher als 1:4 sein. Der Preis für die Schipfe-Wohnung ist 1429. Wer also weniger als 4200 Franken im Monat verdient, hat genauso wenig Chancen wie jemand mit einem Monatslohn von mehr als 5700 Franken. Wer dazwischen liegt, allein wohnt und kinderlos ist, bleibt an der Schipfe 39 im Rennen.

Bewerbung muss auffallen

Die städtische Liegenschaftenverwaltung gibt auf dem Internet für jede ausgeschriebene Wohnung Bedingungen bekannt – mal sind Allein­stehende gesucht, mal Familien mit zwei Kindern. Zudem gilt stets die knapp 20 Jahre alte Vermietungsverordnung der Stadt. Da diese in die Jahre gekommen ist, will sie Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) überarbeiten und dieses Jahr vor den Gemeinderat bringen.

Das klingt schön geordnet – und lässt vieles offen. Schliesslich erwartet die Verwaltung für die Schipfe-Wohnung 60 Bewerbungen. Und viele dieser Interessenten werden die wichtigsten Regeln und Kriterien erfüllen. Ein junger Mann hat sich deshalb im Freundeskreis erkundigt, bevor er die Wohnung besichtigt hat. Er sagt: «Ich habe von niemandem gehört, der allein aufgrund des Anmeldezettels und des blanken Betreibungsauszugs eine Wohnung bekommen hat.» Die meisten schicken Zusatzblätter ein. Darauf sind – wie auf einem Lebenslauf – ein Bild, Kontaktinformationen, Referenzen und die Hausratsversicherung gelistet. Einige schicken ein ausführliches Motivationsschreiben mit.

Geld geht postwendend zurück

Jürg Keller, Vizechef der Liegenschaftenverwaltung, macht keinen Hehl daraus, dass «eine schön gemachte Bewerbung» gut ankommt. Deswegen werde aber niemand vom «Kriterien-nicht-erfüllt»- zurück auf den «Ja»-Stapel gelangen. Manchmal seien die Bewerbungen auch ausgefallen: Interessenten haben schon Lieder eingeschickt, Schokolade und Banknoten. Letzteres kommt schlecht an: «Geld schicken wir zurück.»

Bettina Bauer hat wohl gute Chancen auf den «geeignet»-Stapel. Als Mitarbeiterin eines Kinderhilfswerks verdient sie «nicht sehr viel», würde allein einziehen und ist freundlich. Das sind gute Voraussetzungen, welche die Konkurrenz aber auch hat. Laut Keller ist deshalb weiter entscheidend, ob sie die unterschiedlichen Mieter im Haus ergänzt, ob sie «ein Härtefall ist», also bald aus ihrer jetzigen Wohnung ausziehen muss, auf dem freien Wohnungsmarkt benachteiligt ist oder einen grossen Bezug zum Quartier hat. Bei vielen ähnlichen Bewerbungen – und auch das verheimlicht Jürg Keller nicht – zählt das Gefühl des zuständigen Mitarbeiters.

Der Rat zum Schluss: Erst genau abklären, wen die Stadt sucht. Dann den Anmeldezettel sorgfältig ausfüllen und in einem Schreiben mit Bild erzählen, wieso man die richtige Person ist. Ab dann hilft vor allem eins: Glück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2014, 06:39 Uhr

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