Wie ich mir drei Minuten Liebe kaufte

Der Zürcher Daniel Hellmann erfüllt in seinem Zelt sämtliche Wünsche. Ein Selbstversuch.

Jeder Wunsch ist verhandelbar: Daniel Hellmann in der Zürcher Gessnerallee. (Video: Anja Metzger)

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Wer Daniel Hellmanns Zelt betritt, der weiss nicht, mit welcher Gefühlslage er es wieder verlässt. Belustigt, nachdenklich, wütend, erschüttert, befriedigt, ermutigt – alles ist möglich. Der Opernsänger und Theaterschaffende inszeniert sich derzeit mit seinem Wanderprojekt «Full Service» als kompromissloser Dienstleister. «Meine Grenzen liegen da, wo andere sie nicht erwarten. Bei mir ist jeder Wunsch verhandelbar», sagt Hellmann.

Ein pinkfarbenes Werbeplakat dient potenziellen Kunden als Inspirationshilfe: «Ich singe eine Opernarie für dich. Ich babysitte dein Kind. Ich weine mit dir. Ich lecke deine Brustwarzen. Ich erkläre dir den Nahostkonflikt...» Darüber steht eine Telefonnummer mit dem Hinweis «Reservier dir noch heute eine Dienstleistung!». Genau deshalb bin ich hier.

Das billige Dekor eines Striplokals

Ein Blick in Hellmanns Verrichtungsbox im Theaterhaus Gessnerallee vermittelt mir einen Vorgeschmack. Das zebragemusterte Zelttuch und der rote Samtteppich erinnern an das Dekor eines Striplokals. Über dem Eingang prangt in leuchtenden Buchstaben «Full Service», aus dem Innern strömt warmes Licht. Ein mobiler Elektroofen und ein paar Sitzkissen bieten einen Hauch von improvisiertem Komfort.

Hellmann läuft durchs Foyer und umwirbt die Party- und Theatergäste. «Kommt in mein Zelt. Ihr werdet es nicht bereuen!» Ein älteres Ehepaar studiert die Serviceideen aufmerksam: «Ich lasse mich von dir an einer Hundeleine spazieren führen. Ich lasse mich von dir mit Eiern bewerfen. Ich gebe dir eine Samenspende.» Nach reiflicher Überlegung lehnt das Paar dankend ab: «Grundsätzlich finden wir die Idee gut. Aber das ist nicht unsere Welt.»

Dreiminütige Romanze

Ich wage den Selbstversuch und trete vor. «Was darf es denn sein?», fragt Hellmann. Den Gedanken, ihn nackt in die danebenliegende Sihl springen zu lassen, verwerfe ich seiner Gesundheit und meinem Gewissen zuliebe. Mir ist klar, dass es etwas Ungewohntes sein soll. Nichts, mit dem ich meine Grenzen überschreite, aber auch nichts, das mir sonderlich angenehm wäre. Eine neue Erfahrung? Definitiv. Da mir erotische Gefälligkeiten zu weit gehen, entscheide ich mich für die Kompromissvariante: eine Liebeserklärung von einem Mann! Zum ersten Mal in meinem Leben.

Wir setzen uns an einen kleinen Holztisch und regeln die Formalitäten. Drei Minuten soll die Romanze dauern. Diese Zeit müsste reichen, um über gewohnte Liebesfloskeln hinauszukommen. Wäre sie ausschweifender, könnte dies den Spannungsbogen unseres Dates strapazieren. Wir einigen uns darauf, dass auf Worte keine Taten folgen sollen.

Wir werden uns einig

Anstelle meines Körpers soll Hellmann meine Seele berühren: Für fünf Franken extra baut der professionelle Bassbariton eine Gesangseinlage ein. Die gesamte Dienstleistung ist mir 12 Franken wert. Hellmann verlangt 20. Nach etwas Feilschen einigen wir uns auf 15 und besiegeln das Geschäft per Handschlag.

Als ich das Zelt betrete, brennt Kerzenlicht. Wir sitzen uns im Schneidersitz gegenüber, und er fixiert mich mit forderndem Blick. «Als du den Raum betratst, habe ich gleich eine Verbindung gespürt», sagt Hellmann und greift zu meinen Händen. Er macht mir Komplimente wegen der Stimme, den Augen und holt schliesslich zum finalen Schlag aus: ein altes französisches Liebeslied.

Die nächste Kundin wartet bereits

Seine Stimme gefällt, die Komplimente ebenso. Wie abgesprochen, endet der Service nach gut drei Minuten. Das letzte Knistern verfliegt, als Hellmann – ganz Profi – mich auf seine Webseite hinweist, wo ich seine Dienstleistung per Sternenabgabe bewerten kann. Ist das nun Liebe? Natürlich nicht. Was bleibt, sind Sympathie und der Respekt vor grosser Improvisationskunst.

Als ich aus dem Zelt trete, wartet dort eine Frau gesetzten Alters. Sie wird die Nächste sein, die sich bedienen lässt. Ihre Augen verraten grosse Vorfreude, doch ihren Wunsch möchte sie für sich behalten. Hellmann begrüsst die Frau und schenkt ihr auf Knopfdruck ein warmes Lächeln. Preis: drei bis vier Franken pro Minute. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.02.2015, 06:15 Uhr

«Full Service»: Ein künstlerisches Experiment

Daniel Hellmann (29) ist Opernsänger, Performer, Tanz- und Theaterschaffender und lebt in Zürich und Berlin. Sein Projekt «Full Service» versteht er als «künstlerisches Experiment». «Mich interessiert, wie und weshalb unsere Gesellschaft den Wert einzelner Dienstleistungen festlegt», sagt Hellmann. Dafür kapitalisiere er sämtliche seiner Services. Bei den bisherigen neun Auftritten verdiente der Künstler insgesamt rund 1200 Euro. Für ihn sei es das «Austesten und Überschreiten von Grenzen», das ihn antreibe. Wozu sei er als Performer bereit, wozu die Teilnehmer? Wer habe wie viel Geld und wie viel Macht? Hellmann trat mit seinem Projekt schon in Städten wie New York, Genf oder Lugano auf. Nächste Stationen sind Berlin, Lausanne, Luzern oder San Francisco. Am kommenden 19. März kehrt Hellmann mit «Full Service» nach Zürich zurück.

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