Wie kleine Buchhandlungen leben

Platzhirsch Orell Füssli Thalia steckt in Nöten, die kleineren Buchhandlungen schlagen sich besser durch. Wir stellen die Erfolgsstrategien von vier Buchhandlungen vor.

Bei Sec 52 dominieren die schönen Bücher. Fotos: Doris Fanconi

Bei Sec 52 dominieren die schönen Bücher. Fotos: Doris Fanconi

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Das Buch soll tot sein. Von wegen. Selbst in Amerika und in England feiert es ein Revival. In der Schweiz sind dieses Jahr elf neue Buchhandlungen eröffnet worden. In Zürich ist Mitte Jahr Mille et deux feuilles gegründet und das Traditionshaus Nievergelt auf eine neue Basis gestellt worden. Selbst in Uster wird 2016 eine neue Buchhandlung ihre Türen öffnen. Der Platzhirsch Orell Füssli Thalia sorgt für Schlagzeilen mit Entlassung und Filialschliessung. Dies vermittelt aber ein verzerrtes Bild. Gerade den kleinen Buchhandlungen geht es besser, als man denkt. Entscheidend ist, dass alle vier Buchhandlungen bezahlbare Mietpreise haben.


Mille et deux feuilles
Die Neuste
Wo früher eine Prostituierte im Schaufenster sass, haben Charlotte Nager und Andrea Peterhans in diesem Sommer eine Buchhandlung eröffnet. Sie heisst Mille et deux feuilles und liegt an der Brauerstrasse. In diesem wohl kleinsten und schrägsten Bücherort in ganz Zürich verkaufen Nager und Peterhans an drei Tagen Bücher aus dem Mittelmeerraum. Dabei sind sie spezialisiert auf jene Länder, die heute im Brennpunkt der Geopolitik stehen: Syrien, Libanon, Palästina, Israel, Ägypten und der Balkan. Die Bücher sind nicht nur auf Deutsch und Französisch erhältlich, sondern auch auf Arabisch, Hebräisch und in anderen Mittelmeersprachen. Beide Frauen sind viel gereist, begeistert von diesen Kulturen und können auch viel darüber erzählen. Sie verkaufen nur, was sie selber gelesen haben oder ihnen empfohlen wurde. So wächst das Angebot langsam, Schritt für Schritt. Neben dem Inhalt legen sie auch Wert auf die Gestaltung: «Ein Buch soll auch fürs Auge schön sein», sagt Peterhans. Das Ziel der Frauen ist klar: in naher Zukunft vom Verkauf der Bücher leben zu können. Sie haben es noch nicht erreicht, aber eine Etappe geschafft. Nächstes Jahr werden sie ihre Jobs auf 60 Prozent reduzieren und das Geschäft vier anstatt nur drei Tage offen haben.


Sec 52
Die Eigenwillige
Es gibt Schaufenster von Buchläden, bei denen sich Erwachsene wie Kinder vor Spielzeugläden verhalten. Sie können sich von den ausgestellten Büchern kaum mehr losreissen. Zu dieser Art von Schaufenster gehören diejenigen des Buchladens Sec 52 an der Josefstrasse. Die Auswahl der Titel ändert täglich, und es soll Leute im Quartier geben, die ihren Abendspaziergang an die Josefstrasse verlegen, nur um herauszufinden, was gerade wieder ausgewechselt wurde. Ricco Bilger, seit 33 Jahren Besitzer dieser Buchhandlung, hat sich mit diesem Wechseltrick eine treue Stammkundschaft erarbeitet. Sie geht quer durch alle Schichten. Der Lehrling kommt ebenso hierher wie die Hausfrau, die Schauspielerin oder der Banker aus St. Gallen. Trotz Facebook ortet Bilger den grössten Zuwachs seiner Kundschaft bei den 18- bis 25-Jährigen. «Die Jungen entdecken wieder den Zauber und die Sinnlichkeit von Büchern, die elektronischen Medien abgehen.»

Dass einige Buchhandlungen trotzdem verschwunden sind, führt er auf strukturelle Gründe zurück. «Heute ist es wieder möglich, ein neues Geschäft zu eröffnen.» Entscheidend sei, dass der Laden eine Identität habe. «Es ist doch wie in jedem Gewerbe», sagt Bilger, «wenn die Qualität stimmt, dann läuft der Laden.» Als Bilger Sec 52 vor 33 Jahren eröffnete, befand sich die Lokalität «am Ende der Welt», wie er sich ausdrückt. Heute ist dieses Ende zum Herzen der Stadt mutiert, es liegt mitten im Zentrum des Hipster-Kreises fünf. Deshalb kann ihn kaum etwas erschüttern.

Letztes Jahr wurde gar ein Rekord­umsatz gefeiert. «Dieses Jahr konnten wir trotz des Wegzugs der ZHDK sowie der Aufhebung der Frankenuntergrenze den Umsatz halten», sagt Bilger. Vor wenigen Jahren hat er sich mit einem kompletten Umbau den Traum einer Buchhandlung erfüllt, in der er in buchhändlerischer Eleganz alt werden kann. Das hat er auch fest im Sinn, denn nichts macht ihm mehr Spass, als mit schön gestalteten Büchern und Bildbänden zu verführen.


Buchnievergelt
Die Übernommene
Die Buchhandlung Nievergelt ist in Oerlikon eine Institution. Ausgerechnet im 127. Jahr ihrer Existenz hat jedoch die Familie letztes Jahr beschlossen, sich aus der Buchhandlung zurückzuziehen und das Haus zu verkaufen. Die Meldung verunsicherte die Mitarbeitenden, denn wenn ein Haus die Hand wechselt, dann ist das in der Regel mit einer Mietpreiserhöhung verbunden, und bei den dünnen Margen im Buchhandel ist das gleichbedeutend mit einem Todesurteil.

So weit kommt es nicht. Die Familie löste das Problem, indem sie dem Käufer der Liegenschaft einen fairen Preis in Aussicht stellte, wenn die Buchhandlung mindestens fünf Jahre am gleichen Ort bleiben kann. Dina Küttel, seit über einem Jahr bei Nievergelt tätig und seit 1. Juli dieses Jahres Geschäftsleiterin, ist überglücklich, dass alles so gut herausgekommen ist. «Das Haus wurde von ­einer Pensionskasse übernommen», sagt sie. «Sie ist sogar bereit, einen zweiten Eingang zu schaffen, um mehr Laufkundschaft zu generieren.»

Die Institution Nievergelt bleibt Oerlikon somit erhalten, nur der Name hat eine Änderung erfahren. Buchnievergelt heisst sie nun. Im Innern sieht mit den grasgrünen Sesseln alles noch gleich aus. Auch das Sortiment hat sich nicht verändert. Es reicht von Krimis über Belletristik zu Hör-, Koch- und Kinderbüchern. Pädagogik ist genauso vertreten wie Sport. Eine Spezialisierung wird es nicht geben. Unsere Kundschaft will alles am gleichen Ort finden», sagt Küttel. «Wir können nur dank des breiten Angebots überleben», betont auch Geschäftsleiter Richard Bhend.

Mit der Eröffnung der neuen Bahnhofsunterführung im nächsten Jahr erhält Buchnievergelt Konkurrenz von Orell Füssli. Das löst keine Panik aus. «Das wird unser Geschäft zusätzlich ankurbeln», sagt Küttel. Der neue Bahnhof wird mehr Laufkundschaft bringen. Küttel ist überzeugt, dass der alte Slogan «z Oerlike gits alles» wieder topaktuell geworden ist. Mit einer geduldigen Pensionskasse im Rücken lasse es sich daher ruhig schlafen.


Buchhandlung im Volkshaus
Die Linke
Die Buchhandlung im Volkshaus hiess bis vor wenigen Jahren Buchhandlung am Helvetiaplatz. Dann erhielt diese Ecke mit der Renovation des Restaurants Volkshaus eine neue szenige Nachbarschaft, und sie hat den Namen angepasst. Die Kundinnen und Kunden der beiden Besitzer Tommy Egger und Martin Bosshard sind keine Trendsurfer. Sie kommen aus dem Quartier und aus traditionell linken Kreisen.

Es überrascht daher nicht, dass gleich links beim Eingang Zeitungen und Zeitschriften aufliegen wie «Lettre – Europas Kulturzeitung» oder «Reportagen», das Magazin, das diese Form des Journalismus wieder zelebriert. Der Laden ist spezialisiert auf Bücher aus Literatur, Politik und Psychoanalyse. Die Fussballbücher im Untergeschoss sind das Steckenpferd von beiden Geschäftsinhabern. Auf der Galerie wird das Sortiment durch eine beachtliche Auswahl an Theater- und Kunstbüchern ergänzt.

Der aufgeschlossene Egger und der eigenwillige Bosshard kennen sich seit Jahrzehnten. Sie haben früher bei Orell Füssli gearbeitet. Bosshard hat die Genossenschaftsbuchhandlung 1992 übernommen. Egger stiess 2000 als Geschäftsleiter hinzu. Dann verkleinerten sie das Sortiment und spezialisierten sich. Innerhalb von zehn Jahren gelang es ihnen, den Umsatz zu verdoppeln, schwarze Zahlen zu schreiben und das Lager abzubauen. Egger ist mit dem Resultat zufrieden. Den Erfolg führt er auf die Stammkunden zurück, die persönliche Beratung, die Lesungen, den Service: «Kein Weg ist uns zu weit. Die ­bestellten Bücher bringen wir zum Teil eigenhändig zu unseren Kunden.»

Die Buchhandlung ist mehr als ein Geschäft. «Es ist ein Treffpunkt, wo die Leute vorbeikommen, um mit jemandem zu reden.» Für Egger ist sie auch ein Spiegel der Gesellschaft. «Beim Einkaufen wird deutlich, wofür die Leute sich wirklich interessieren.» Der Renner im Weihnachtsgeschäft sind vegane Kochbücher. «Sie stehen für eine Lebensweise, die viele anstreben, auch wenn sie es nicht schaffen», vermutet Egger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2015, 21:39 Uhr

Mille et deux feuilles verkauft Bücher aus den Mittelmeerländern.

Buchnievergelt setzt auf ein breites Sortiment.

Die Buchhandlung im Volkshaus will auch ein Treffpunkt sein.

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