Wie man Velofahrer ins Parkhaus lockt

Der «Velopalast» unter dem HB steht halb leer. Ein Vergleich mit anderen Städten zeigt, was es braucht, um die Veloabstellplätze zu füllen.

Um die unterirdischen Veloabstellplätze zu füllen, spielt der Preis eine Rolle – aber auch der Zugang. (Video: Lea Blum und Sacha Schwarz)

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Zürcherinnen und Zürcher mögen es oberflächlich. Zumindest jene, die ihr Velo am Hauptbahnhof parkieren wollen. Auf den kostenlosen Abstellplätzen auf dem Europaplatz stehen die Räder kreuz und quer. Um jeden Pfosten ist ein Velo gekettet. Unter dem Platz dagegen: Leere. Die «Luxusvelostation», die landesweit grösste Velogarage mit 1600 Plätzen und ein Symbol der Veloförderung, ist schlecht besucht.

Zu wenige Velofahrerinnen und Velofahrer sind bereit, pro Tag 2 Franken oder 180 Franken fürs Jahresabo auszugeben. Die Auslastung der Station beträgt lediglich 50 bis 55 Prozent, wie die NZZ kürzlich berichtete. Die Station, betrieben vom AOZ-Projekt «Züri rollt», schreibt Defizite. Anders, als es die Stadt bei der Eröffnung vor zwei Jahren versprochen hatte.

Der Preis allein ist nicht entscheidend für den Erfolg einer Velogarage.

Andernorts in der Stadt bezahlen Velofahrer gern für einen bewachten Abstellplatz. Die oberirdische kostenpflichtige Velostation beim Landesmuseum ist ebenso ausgelastet wie die Veloboxen an anderen städtischen Bahnhöfen – mit Ausnahme von Affoltern und Seebach. Velofahrer sind also gewillt, für einen sicheren oberirdischen Veloparkplatz mit 24-Stunden-Zugang 120 beziehungsweise 100 Franken auszugeben.

Die Stadt sieht am Europaplatz Handlungsbedarf und prüft Preisanpassungen. Politiker fordern die Aufhebung der 1500 oberirdischen Gratisparkplätze (siehe unten). Ein Vergleich mit anderen Velo-Parkhäusern zeigt: Tatsächlich ist die Station teurer als andere. Doch der Preis allein ist nicht entscheidend für den Erfolg einer Velogarage.

Zugang muss einfach sein

Die Velostadt Bern bietet vier Stationen in Bahnhofsnähe. Obwohl alle gleich teuer sind (1 Franken pro Tag, 150 Franken pro Jahr), variiert die Auslastung der Stationen enorm. Zwei sind voll bis sehr gut ausgelastet. Zwei haben eine mässige bis tiefe Auslastung.

Für Michael Liebi, Leiter der Berner Fachstelle Fuss- und Veloverkehr, ist die Lage ausschlaggebend. «Entscheidend sind eine sichere und direkte Zufahrt zur Station sowie ein effizienter Zugang zum Bahnhof.» Wer etwa in der Schanzenbrücke, der Station mit der schlechtesten Auslastung, parkieren will, muss zweimal eine Hauptstrasse kreuzen, per Velo und zu Fuss.

Bern plant derzeit ein neues Gesamtkonzept mit 10'000 Abstellplätzen. Dann dürften auch Gratisangebote in Velostationen diskutiert werden, wie sie das Stadtparlament fordert. Bern orientiert sich dafür an den Niederlanden, wo es Ansätze mit flexibleren Preismodellen in Stationen gibt. Oft sind dort die ersten 24 Stunden gratis.

«Preissensible» Velofahrer

Die Stadt Luzern hat im Sommer in der bewachten Velostation Ost von einer Tagespauschale auf das Gratismodell umgestellt. An der Auslastung von 65 Prozent hat der Wechsel bisher nicht viel geändert. Für Martin Urwyler ist der Grund für die tiefe Auslastung klar: «Die Velostation liegt schlecht.» Velofahrer müssten am Ziel vorbeiradeln und über einen stark frequentierten Knoten zum Veloparkhaus fahren. Das sei physisch wie auch psychologisch schlecht.

Auch die Stadt Luzern prüft einen Ausbau des unterirdischen Parkplatzangebots: «Und dann ist es schon das Ziel, all diese Plätze zu füllen.» Inwiefern diese Parkplätze dann auch kosten sollen, ist noch nicht klar.

Dass der Preis eine Rolle spielt, zeigt sich am Pilotprojekt Smartmo der SBB. Dieses bietet vor dem Eingang zum Luzerner Bahnhof 50 Veloplätze, die sich per App reservieren lassen. Die Bilanz nach zwei Monaten Betrieb ist durchzogen. Urwyler: «Die Nutzer sind preissensibel.»

In Basel sind unterirdische Gratisparkplätze bereits heute Realität. Dominik Näff, Geschäftsführer der Parkhäuser Basel-Stadt, sagt: «Die 800 Plätze, die gratis sind, sind täglich übervoll.» Aber: Auch die weiteren 800 kostenpflichtigen Plätze seien zwischen 90 und 100 Prozent ausgelastet.

Mit 1 Franken pro Tag und 120 Franken pro Jahr ist die Station im Vergleich zur Zürcher «Luxusvelostation» deutlich günstiger. Das Preismodell deckt indes die Kosten nicht. Für den laufenden Betrieb würde es, so Näff, erst mit einer Verdoppelung der Tagespreise knapp reichen.

Kostendeckend? Schwierig!

Ob sich öffentliche Velokeller überhaupt kostenneutral betreiben lassen, ist zweifelhaft. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht der Stadt Winterthur aus dem Jahr 2017. Dessen Bilanz: «Eine Velostation lässt sich allein mit den Erträgen aus den Dienstleistungen für Velofahrerinnen und Velofahrer nicht kostendeckend betreiben.»

Die Winterthurer Spezialisten haben ihr Angebot mit jenen anderer Städte verglichen, die ihre Velostationen teilweise organisatorisch anders aufgestellt haben. Auch da lautet das Fazit: Betreute Velo-Abstellplätze sind unabhängig von ihrer Organisation über die Erträge aus den Velo-Kerndienstleistungen nicht kostendeckend. Selbst die Velo­station Burgdorf, wo die Betreiber pro Tag 2 Franken für und das Jahresabo rekordverdächtige 200?Franken verlangen, schafft das nicht.

Viele kennen die Station nicht

Spricht man am Hauptbahnhof mit Velofahrern, wird schnell offensichtlich, woran es hapert. Viele Gelegenheitspendler kennen die vor zwei Jahren eröffnete Station gar nicht. Oder: Die oberflächliche Lösung ist für sie schneller und bequemer. Kommt dazu: Sie sorgen sich auch nicht, dass ihr Rad geklaut werden könnte.

Es sind vor allem die regelmässigen Pendler, die ein Jahresabo gekauft haben und das Veloparkhaus schätzen. Sie wollen einen garantierten Platz, einen trockenen Sattel und weniger Wartungsarbeiten am Rad. Die Mehrzeit fürs unterirdische Abstellen planen sie deshalb gerne ein. Beim Lösen eines Tagestickets würden aber auch sie zögern – «dafür hat es oben einfach noch zu viele Gratisparkplätze», sagt einer.


Politiker fordern Aufhebung der Gratisparkplätze

Stadtzürcher Politiker zeigen sich wenig überrascht vom Leerstand im «Velopalast» beim Europaplatz. «Das war zu befürchten», sagt SVP-Verkehrspolitiker Stephan Iten. Wenn Velofahrer zwischen einer gebührenpflichtigen Garage und oberirdischen Gratisplätzen wählen können, sei der Fall klar. Iten bezweifelt, dass eine Preissenkung etwas bringe. «Wenn die Stadt schon einen Prunkpalast für Velofahrer hinstellt, müsste sie die Gratisparkplätze an der Oberfläche abbauen.» Das sei auch beim historischen Parkplatzkompromiss so gewesen.

Auch FDP-Gemeinderat Andreas Egli führt den Leerstand auf die Gratisparkplätze zurück. «Das System wurde kaputtgemacht.» Dass es die oberirdischen Gratisveloplätze noch gebe, hänge mit einem Vorstoss des grünen Gemeinderats Markus Knauss zusammen. Dieser hatte deren Erhalt vor zwei Jahren gefordert. Egli: «In diesem Moment waren die 14 Millionen entwertet.» Um im geplanten Veloparking beim Bahnhof Stadelhofen Leerstände zu verhindern, dürfe die Stadt dort möglichst keine Gratisparkplätze anbieten.

Rekord-Parking in Utrecht

Markus Knauss kontert: «Die Veloförderung muss der Stadt etwas wert sein.» Jetzt gelte es, das Parkingmodell unter dem Europaplatz «pragmatisch weiterzuentwickeln». Auch wenn ein höherer Komfort etwas kosten dürfe, hält er den Preis von 180 Franken für zu hoch: Auch im reichen Zürich sei die Zahlungsbereitschaft nicht unendlich. Klar ist für Knauss: «Wir sind auf unterirdische Anlagen angewiesen, weil oberirdisch der Platz fehlt.» Dass eine grosse Anzahl Abstellplätze für die Veloförderung wichtig sei, zeige etwa das Beispiel beim Hauptbahnhof der niederländischen Stadt Utrecht. Sie hat den weltweit grössten unterirdischen Veloparking eröffnet – mit 12'500 Plätzen.

SP-Präsident Marco Denoth stellt fest: «Das HB-Veloparking ist für viele Nutzerinnen und Nutzer zu teuer. Es sollte gratis werden.» Dann würde die Anlage genutzt, und es könnten oberirdische Parkplätze abgebaut werden. Auch mit Blick auf das Veloparking beim Stadelhofen sollte die Stadt ein Gratisangebot prüfen, findet Denoth.

GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim dagegen hält die heutigen Preise in der HB-Velostation für gerechtfertigt. Es brauche wohl Zeit, bis die Velofahrenden das Angebot akzeptierten. Eine verbesserte Auslastung verspricht er sich vom Velotunnel unter dem Bahnhof. Dann könnten auch Velofahrende von der anderen Seite des HB das Angebot nutzen. Der Velotunnel dürfte allerdings frühestens 2024 eröffnet werden. (mth)

Erstellt: 01.12.2019, 21:40 Uhr

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