Hintergrund

Wie schwer darf der Schulthek sein?

Eltern klagen, dass 13-Jährige 8 Kilo Bücher in die Schule tragen müssen. Das ist zu viel, sagt auch ein Experte. Eine Lösung wären Ablagekästchen im Schulhaus. Doch bis zu deren Einbau kann es 16 Jahre dauern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Michel Schumacher spricht von einem «massiven Missstand». Seine 13-jährige Tochter geht seit August ins Sekschulhaus Buhnrain in Zürich-Seebach. Und an zwei bis drei Tagen in der Woche muss sie aufgrund der Fächerkombination einen Schulthek schleppen, der über 8 Kilo wiegt. Anders als in der Primarschule kann die Schülerin ihre zu Hause nicht benötigten Lehrmittel nicht unter die Schulbank legen, da der Unterricht an der Oberstufe je nach Schulstunde in verschiedenen Räumen stattfindet.

Schumacher hat sich an die Schulleiterin gewandt mit der Bitte, Spinde einzurichten. Doch diese habe abgewunken und erklärt, sie habe es auch schon versucht und sei wegen Bedenken des Denkmalschutzes gescheitert. Nun sagt Schumacher, seine Tochter klage über einen verspannten Rücken und schlafe deswegen schlecht. Regelmässige Massagen hätten inzwischen etwas Linderung gebracht.

Nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts

Chiropraktor Marco Vogelsang wundert sich nicht über den Bericht Schumachers. 50 Prozent der Schulkinder klagten über Rückenschmerzen, weiss Vogelsang. Jeder zehnte Schüler müsse deshalb Medikamente nehmen. Die Ursache ist nicht nur der schwere Rucksack, sondern auch das lange Sitzen vor dem Computerbildschirm und schlechte Ernährung. Und auch wenn jedes Kind anders gebaut ist, rät Vogelsang, den Schülerrücken nicht mit mehr als 10 bis 12 Prozent des Körpergewichts zu beladen. 8 Kilo für ein Kind von 40 oder 50 Kilo sei eindeutig zu viel. Nur gut die Hälfte davon sei zumutbar.

Während langer Zeit galt die Faustregel von zehn Prozent. In Deutschland war die Zahl gar in einer DIN-Norm festgehalten. Doch als ein Professor der Universität des Saarlandes den Wert, der noch aus dem Ersten Weltkrieg stammte, infrage stellte und meinte, mehr Gewicht – er spricht von bis zu einem Drittel des Körpergewichts – würde die Rückenmuskulatur stärken, wurde die Norm 2010 gekippt. Rückenspezialist Vogelsang bedauert dies und hält nicht viel von der Neuausrichtung. «Das Schadensrisiko ist grösser als ein allfälliger Gewinn», meint er.

Eine Studie mit 500 Schülerinnen und Schülern, die Vogelsang 2008 zusammen mit dem Schweizer Fernsehen durchgeführt hat, ergab, dass im Brustwirbelbereich eine Einschränkung der Beweglichkeit eintritt, sobald das Gewicht auf dem Rücken regelmässig 17 Prozent des Körpergewichts überschreitet. Für Vogelsang sind Garderobenkästchen oder Rollkoffer die Lösung, wobei den Rollern die Treppen in den Weg kommen.

Lieber Rucksack als modische Tasche

Die Zürcher Schulärztin Susanne Stronski Huwiler erinnert sich, dass die Schulgesundheitsdienste die 10-Prozent-Regel ebenfalls von ihren Merkblättern für Schulranzen und Rucksäcke gestrichen haben. In persönlichen Beratungen ist für sie eine Bandbreite von 8 bis 15 Prozent immer noch aktuell, sagt sie. Das hänge von der Konstitution des Kindes ab.

Wichtiger als Prozentzahlen seien aber die Anwendung des gesunden Menschenverstands und eine gute Rückenmuskulatur. Ebenfalls wichtig ist laut Stronski Huwiler, dass der Rucksack ergonomisch gut gebaut ist und dem Kind angepasst wird. Am ungünstigsten ist es, wenn ein unsportliches Kind mit dem Auto zur Schule gefahren wird und einen schweren Thek dann nur die Treppe hochträgt. Ein Problem sei auch, dass viele Teenager statt Rucksäcken lieber modische Taschen tragen, die den Rücken einseitig belasten. Einen Tipp hat Stronski Huwiler an alle Eltern, die sich über das Gewicht der Schulsachen enervieren: Die tägliche Entrümpelung des Rucksacks.

Grosses Pech für die Seebacher

Vater Schumacher beteuert, aus dem Schulthek seiner Tochter alles Unnötige entfernt zu haben. «Er war immer noch acht Kilo schwer.» Nach dem Misserfolg bei der Schulleitung hat sich Schumacher, der sich inzwischen in den Elternrat der Schule Buhnrain hat wählen lassen, vor den Herbstferien an Schulvorstand Gerold Lauber (CVP) gewandt. Seine Bitte: den Missstand während der Ferien beheben. Doch Lauber vertröstete den Vater – bis 2023.

Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei den zahlreichen involvierten Ämtern ergaben, dass die Buhnrainler viel Pech haben. Ihr Schulhaus wird als letztes in der Stadt Garderobenkästchen erhalten.

Garderobenkästchen wurden weggespart

Lauber unterstützt die Idee, in allen 29 Oberstufenschulhäusern der Stadt Spinde für die Schüler einzurichten. Im März 2007 hat die Konferenz der Schulpräsidenten einen entsprechenden Antrag formuliert. Das Hochbaudepartement – damals noch unter der Leitung von Kathrin Martelli (FDP) – erhielt den Auftrag, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Die Planung sah vor, mit dem Einbau von Garderobenkästchen 2009 zu beginnen. Doch aus Spargründen verschob der Stadtrat das Projekt zweimal.

So stand die Studie erst 2012. Umsetzungsbeginn: 2013. Tatsächlich sind die Planungen für die noch ausstehenden Oberstufenschulhäuser angelaufen. Sukzessive werden diese in den nächsten Jahren mit Garderobenkästchen ausgestattet, wie Heike Isselhorst vom Hochbaudepartement sagt. Das Buhnrain in Seebach muss aber aufgrund eines weiteren finanziell motivierten Entscheids noch lange warten: Schulhäuser, bei denen Gesamtinstandsetzungen innerhalb der nächsten zehn Jahre geplant sind, kommen erst dann in den Genuss der Ablagen. Und im Buhnrain ist just 2023 eine Gesamtsanierung geplant.

Elf von 29 Schulhäusern haben Spinde

Die Gründe für den Entscheid sind auch denkmalschützerischer Art. Die meisten Schulhäuser stehen im Inventar der schützenswerten Bauten, was bedeutet, dass sie nur unter Auflagen verändert werden dürfen. Und die Feuerpolizei verlangt, dass alle Fluchtwege mindestens 1,2 Meter breit sind und die Kästchen aus nicht brennbarem Material gebaut werden.

Auch provisorische Kästchen treffen auf Skepsis. Zudem könne bei einem Provisorium, das zehn Jahre lang steht, nicht mehr von einem Provisorium gesprochen werden, wie Patrick Pons vom Schul- und Sportdepartement sagt. Zumal ein solches auch von der Feuerpolizei und der Denkmalpflege kaum begrüsst würde. «Wir würden lieber heute statt morgen alle Oberstufenschulhäuser mit Spinden ausrüsten», beteuert er.

Alle neuen Oberstufenschulhäuser erhalten standardmässig Garderobenkästchen. Die Bilanz per heute: Von den 29 Sekschulhäusern sind elf bereits ausgerüstet. Elf weitere werden in den nächsten Jahren vorgezogen, davon vier im nächsten Jahr. Sieben erhalten die Kästchen erst im Rahmen der Instandsetzungen bis 2023.

Aufruf zu Tragdispensen

Familienvater Michel Schumacher hat nicht viel übrig für diese technokratischen Argumentationen und ist enttäuscht über Schulvorstand Lauber. «Die Ämter tragen ihr Hin und Her buchstäblich auf dem Rücken der Kinder aus», kritisiert er. Schumacher plädiert für unbürokratische Lösungen. So sollen die Lehrpersonen statt der Schüler die Schulzimmer wechseln. Dann könnten die Jugendlichen ihre Sachen unter ihrer Bank verstauen. Oder die Spinde könnten in den Katakomben eingerichtet werden statt in den Gängen – zumindest temporär. Geschieht nichts, will er die Eltern der Buhnrain-Schüler, von denen er viele hinter sich weiss, aufrufen, bei Ärzten Tragdispensen einzuholen, um Druck zu erzeugen.

Wie es auch funktionieren könnte, hat übrigens der Klassenlehrer der Tochter Schumachers bereits skizziert. Kürzlich schrieb er den Eltern, dass er sich um eine einfache Ablagemöglichkeit im Schulzimmer bemühen werde.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.10.2013, 12:21 Uhr

Artikel zum Thema

Sind die Übergewichts-Kampagnen für die Katz?

Hintergrund Trotz millionenschwerer Präventionskampagnen ist immer noch jeder sechste Schüler in der Schweiz zu schwer. Gesundheitsförderer legen den Fokus nun vermehrt auf «Problemschulen». Mehr...

Mama-Papa-Taxis gefährden die Schulkinder

Hintergrund Eltern verursachen ein Verkehrschaos, wenn sie ihre Kinder im Auto zur Schule fahren. Appelle zum Schulanfang gegen den privaten Fahrdienst stossen aber meist auf taube Ohren. Mehr...

«Der schlimmste Albtraum»

Apple stellt heute Abend (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab 18.30 Uhr) mit grosser Wahrscheinlichkeit das verkleinerte iPad vor. Mit dem Gerät dürfte der Konzern den Konkurrenten den Wind aus den Segeln nehmen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...