Wie war der Kinderumzug? «Cool!»

Ausgerechnet zum 150-Jahr-Jubiläum zeigte sich das Wetter am Kinderumzug garstig wie lange nicht mehr. Die Kinder nahmen es gelassen: Marschieren gibt warm.

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«Also wenn ich Petrus wäre, ich würde mich schämen.» Dieser Satz stand vor genau zehn Jahren schon einmal im «Tages-Anzeiger»: als es das letzte Mal am Kinderumzug kalt und grau war. Ob sich Petrus wirklich geschämt hat, ist nicht überliefert – Tatsache aber ist, dass danach neunmal hintereinander die Sonne schien, als die Kinder in ihren Trachten durch die Stadt zogen. Nur ein einziger Hagelschauer trübt die Bilanz.

Deshalb sei der Satz hier wiederholt: Als Petrus würde ich mich schämen. Vielleicht hilft es ja für die nächsten Jahre. An diesem Sonntag jedenfalls zieht eine garstige Bise durch die Stadt. Das ist vor allem für jene bitter, die weit hinten im Umzug mitlaufen: Manche müssen über eine halbe Stunde warten, bis es losgeht. Jasmin (11) klappern die Zähne: «Das Wetter könnte nicht schlimmer sein.»

Die Chäfer hatten alle Hände voll zu tun

Nina (11) hingegen fand es gar nicht so tragisch: «Wenn es zu heiss ist, schwitzt man nämlich total in diesem Kleid.» Sie weiss das aus Erfahrung. Trägt sie immer dasselbe Kostüm? «Ja, also manchmal ist es eins vom Werktag, manchmal vom Sonntag.» Auf die Frage, was sie denn eigentlich für eine Tracht trage, muss sie passen: «Äh . . . Weggen oder so?» Ihre Freundin Ladina (11) weiss es: «Wir tragen ist die Zürcher Werktagstracht.»

Um die Kinder herum wuselten Eltern, Göttis, Grossmütter. Die Chäfer – so nennt man die Umzugsbegleiter, erkennbar an Marienkäfer-Krawatte oder -Halstuch – hatten alle Hände voll zu tun. Hier noch rasch Schuhe binden, dort eine Pelerine zurechtrücken, Handschuhe anziehen. Und gleichzeitig darauf achten, dass die Kinder beisammenbleiben, nicht zu früh loslaufen und Platz machen, wenn sich eine Kutsche in Bewegung setzt.

Das Leiden der Musiker

Endlich geht es los. Ein letztes Winken, tschüss Mami, tschüss Papi, und selbst die Kleinsten marschieren mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit los. Nur ein etwa fünfjähriger Junge will plötzlich nicht mehr mit. Er klammert sich schreiend ans Hosenbein des Vaters. Der macht gute Miene zum Trotzanfall und läuft eine Weile tapfer mit. Mit Erfolg: Eine Viertelstunde später beinelt der Kleine strahlend ohne Vater, dafür an der Hand eines ebenso winzigen blonden Mädchens im Umzug mit.

Die Kinder haben die Kälte jetzt längst vergessen. Sie sind stolz. Aber es hilft auch, dass kein Kind gemessen schreiten kann – oft rennen sie mehr, als dass sie gehen, und das gibt warm. Die Leidenden sind die Grossen, vor allem die Musiker. Nicht nur, weil sich die Instrumente kaum stimmen lassen bei dieser Temperatur. Die feuchten Notenblätter kleben aneinander. Trommeln klingen dumpf. Die Blechbläser frieren an den Fingern, weil das Metall eisig wird. Die Holzbläser müssen ihre Instrumente unter Plastikhüllen stecken. Fragt man die Kinder nach dem Umzug, wie es gewesen ist, antworten sie ohne jede Ironie: «Cool!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2012, 20:52 Uhr

Sechseläuten-Umzug

Heute am Sechseläuten-Montag findet der Zug der Zünfte statt. 3500 Zünfter und Gäste ziehen ab 15 Uhr vom Bahnhofplatz über die Bahnhofstrasse zum Bürkliplatz, zurück wieder über Bahnhofstrasse, Rudolf-Brun-Brücke und Limmatquai zum Sechseläutenplatz, wo um 18 Uhr der Böögg in Brand gesetzt wird.

Der erste Umzug vor 150 Jahren war nur für Knaben

1862 wurde in Zürich zum Sechseläuten erstmals ein Jugendumzug durchgeführt, der aber nur Knaben offenstand. Beim zweiten Umzug fünf Jahre später durften auch Mädchen mitmachen.

Ursprung des Umzugs ist ein Brauch, über den erstmals im 18. Jahrhundert berichtet wurde und der dem Sechseläuten seinen Namen gab. Wenn am Ende des Winters die Kirchenglocken wieder um sechs statt um fünf Uhr zum Feierabend läuteten, zündeten die Jungen auf verschiedenen Plätzen der Stadt Freudenfeuer an. Schon damals verbrannten sie Strohpuppen, welche den Winter darstellten, aber auch aktuelle Probleme wie die Grippe oder sogar das Defizit der Stadt.

Mit der Zeit ging der Brauch in vielen Quartieren verloren, nur im Kratz-Quartier – dem heutigen Fraumünster-Quartier – hielt er sich bis 1867. Schon damals füllten die Krätzler Knaben ihren Böögg mit Feuerwerkskörpern. Gleichzeitig war es zu jener Zeit üblich, dass zu Sechseläuten die Mädchen als weiss gekleidete «Mareili» und Buben als «Bööggen» durch die Stadt zogen und um Gaben baten – ein Brauch, der die Not vieler armer Familien linderte.

Breitere Kostümpalette

In den Umzug der Zünfte eingegliedert wurde der Kinderumzug 1896. Die Kostümpalette war zu jener Zeit viel breiter: Neben Trachten waren Märchenverkleidungen und Clowns sehr beliebt. Lange Jahre fand der Kinderumzug nur bei schönem Wetter statt.

Schon in den 50er-Jahren nahmen bis zu 2000 Kinder teil, 1962 waren es über 3500. Ganz so viele waren es gestern nicht, aber dennoch sprechen die Organisatoren von einem Rekord: 3047 Jungen und Mädchen liefen mit. (leu)

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