Wien als Vorbild für Zürich?

60 Prozent der Wiener leben in subventionierten Wohnungen. Wie das funktioniert und ob das auch in Zürich denkbar wäre.

In 120 Jahren liess die Stadt über 400'000 subventionierte Wohnungen bauen: Wien aus der Luft.

In 120 Jahren liess die Stadt über 400'000 subventionierte Wohnungen bauen: Wien aus der Luft. Bild: Robert Jäger/Keystone

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Ein kleines Restaurant in Wien Leopoldstadt. «Jetzt is ois im Oasch», sagt der Kellner zur Begrüssung. Er hat offensichtlich nicht mehr mit hungrigen Gästen gerechnet. Nach kurzer Zeit wird dennoch Schopfbraten mit Serviettenknödel serviert. Nein, nicht serviert, sondern auf den Tisch geknallt. «Mahlzeit!» Das Fleisch schmeckt hervorragend.

Als der Kellner vom Besuchsgrund des Gastes erfährt, erhellt sich seine Miene. «Sozialer Wohnungsbau in Wien? Des nenn i a Gschichtl!» Er wird gesprächig. Seit kurzem wohne er selbst in einem Gemeindebau. Endlich, müsse er sagen. Zuvor habe er jahrelang auf einer Warteliste versauert. Am Ende brauche es Beziehungen.

Nach und nach gesellen sich weitere Einheimische an den Tisch. Jeder hat seine eigene Wohngeschichte zu erzählen. Der Stimmungspegel steigt, es werden Schnäpse serviert. Der Gast notiert: «Das günstige Wohnen ist Teil unserer DNA.» Ein Satz, den ihm ein älterer Mann ins Ohr geschrien hat. 60 Prozent der Wiener leben vergünstigt – entweder in einem der 2300 Gemeindebauten oder in einem Genossenschaftsbau. Das ist Europarekord.

Paläste für das Proletariat

Puchsbaumplatz; im Arbeiterquartier Favoriten. Der Ort gehört nicht zu den Wiener Sehenswürdigkeiten, da ausser ein paar geschichtskundigen Einheimischen kaum jemand von seiner Bedeutung weiss. Nicht einmal der Bus oder die U-Bahn machen hier halt. An diesem Ort, der im Grunde nichts zu bieten hat ausser einem kleinen Park und einem sehr annehmlichen Pissoir unter Denkmalschutz.

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Dennoch ist es ein wichtiger Ort. Unweit des Urinals liess die Stadt 1886 die ersten Arbeiterhäuser erbauen. Zu jener Zeit war die Wohnsituation im überbevölkerten Wien miserabel. Es gab viele Notquartiere mit schlechter Infrastruktur. Die mangelhafte Hygiene machte die Menschen krank. Die kleinen Häuser am Puchsbaumplatz waren der Auftakt für eine Umwälzung, die Wien bis heute prägt. In 120 Jahren liess die Stadt über 400'000 subventionierte Wohnungen bauen. Mit dem Ende der Monarchie ab 1920 ging es richtig los: Paläste für das Proletariat statt für das Grossbürgertum. Heute ist Wien gemäss Mercer-Ranking die lebenswerteste Stadt der Welt, direkt vor Zürich. Die Differenz bildet unter anderem der günstige Wohnraum für die Mittelschicht.

Infografik: Vergleich Wohnen in Wien und Zürich

Das kann Neid erwecken, im besseren Fall Interesse. Die Zürcher SP hat im vergangenen Jahr den Wiener Vizebürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) eingeladen. Das Motto des Anlasses: «Mehr Wien für Zürich». Die Stadtzürcher FDP hingegen stellt Wien als abschreckendes Beispiel dar. «Alle Probleme, die wir in Zürich haben, zeigen sich in Wien noch stärker», sagte Parteipräsident Severin Pflüger im November zum «Tages-Anzeiger». Die Frage, ob Zürich mehr verwienert werden soll oder nicht, prägt den aktuellen Wahlkampf.

Einmal drin, nie mehr raus

U-Bahnlinie 4, Endhaltestelle Heiligenstadt. Hier, entlang der Geleise, erstreckt sich der Karl-Marx-Hof über einen Kilometer. 1933 wurde er fertiggestellt, bis heute ist er der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt. Er steht symbolisch für das Rote Wien. Ein Gebäudekomplex, konzipiert für die Ewigkeit: «Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen», sagte der damalige SPÖ-Bürgermeister Karl Seitz. Er sollte recht behalten. Die SPÖ-Vorherrschaft in Wien dauert mittlerweile mehr als 70 Jahre, der soziale Wohnungsbau dient als Erfolgsgarant.

Der Karl-Marx-Hof. Foto: ullstein bild via Getty Images

Rentnerin Renate wohnt seit zwölf Jahren im Karl-Marx-Hof. «Hier bleib i, bis i de Patschn streck» – wie es auf Wienerisch heisst, bis sie sterbe. 450 Euro bezahlt sie für 2,5 Zimmer und einen riesigen Balkon mit Weitblick. Sie verlasse das Gelände höchstens noch für grössere Einkäufe. Sie lebe nicht in Wien, sie lebe im Karl-Marx-Hof.

Das offizielle Wien führt interessierte Gäste gerne hierher. Zu bestaunen gibt es riesige Grünflächen, eine Wäscherei, Bäder, Kindergärten, Bibliothek, Arztpraxen und Geschäftslokale. Eine autarke kleine Stadt in der Stadt. Die sozialistische Regierung wollte nicht nur günstigen Wohnraum schaffen, sondern einen besseren Menschen: den gebildeten Vorzeige-Sozialisten. Weg von Individualismus und Einzelgängertum hin zu mehr Gemeinschaftssinn.

Wie viel davon übrig geblieben ist, ist fraglich. Wer es einmal, wie Renate, in einen guten Gemeindebau geschafft hat, zieht so schnell nicht wieder aus. Der Eintritt ist beschwerlich. Er läuft über das Wiener-Wohnticket, welches nur erlangt, wer seit zwei Jahren an derselben Adresse in Wien lebt. Dadurch erhält der Lack des Roten Wiens erste Kratzer: Mittellose Zuzüger – Flüchtlinge, Austauschstudenten, Gastarbeiter – profitieren kaum. Für sie hält die Wiener Sozialpolitik keine Geschenke bereit.

Aus Syrien in den Gemeindebau

Wie wichtig günstiger Wohnraum für die unterste Schicht wäre, zeigt sich in einem Gemeindebau im Norden Wiens: Die Kriegsflüchtlinge Amir und Samira (Namen geändert) servieren arabischen Kaffee und Wiener Krapfen. Das syrische Paar lebt hier mit seinem Baby seit gut einem Jahr – zur illegalen Untermiete. Amir, der einem Hilfsjob nachgeht, bezahlt monatlich gut 400 Euro für 2,5 Zimmer. «Die Wohnung ist unser grosses Glück», sagt Samira.

Die tiefe Miete gibt der Familie die Möglichkeit, in ein Fernstudium zu investieren. Samira hat einen universitären Abschluss, doch der wird in Österreich nicht anerkannt. «Ich muss hier nochmals von vorne beginnen. An dieser Wohnung hängt unsere Existenz.» Aber eben: Eigentlich dürften sie von diesem Angebot gar nicht profitieren. Ihre syrischen Freunde hatten weniger Glück. Sie wohnen auf engstem Raum in WGs, die sie mit Mühe auf dem privaten Immobilienmarkt fanden. Die Wohnungen sind in der Regel teurer und kleiner.

Eine Abschaffung des Wiener Gemeindebaus verlangt niemand – das wäre politischer Selbstmord. Es profitieren Wähler aus allen Lagern, FPÖ-Anhänger ebenso wie Grüne und ÖVP-Mitglieder. Die Partei Neos stellt die Sozialbaupolitik noch am ehesten infrage. Gemeinderat und Landtagsabgeordneter Stefan Gara empfängt in seinem Büro, direkt neben dem Wiener Rathaus. «Die Wohnpolitik ist nicht so sozial, wie von der Stadt propagiert.» Es würden die Falschen profitieren. Gara fordert nebst einer Entschärfung des Baurechts, dass gut verdienende Bewohner von Gemeindebauten höhere Mieten bezahlen müssen. Dabei erhält er Sukkurs von der neuen rechtsgerichteten Landesregierung, die «mehr Gerechtigkeit im sozialen Wohnbau» fordert. Viele in Wien schreckt dies auf, den Neos spielt es in die Hände. «Es braucht ein regelmässiges Einkommensmonitoring», sagt Gara. Der Mittelstand – «die linke Boheme» – habe es sich in Gemeindebauten gemütlich gemacht, während günstige Wohnungen für untere Einkommensschichten fehlen würden. In Wien herrscht somit dasselbe politische Paradoxon wie in Zürich: Die subventionierte Sozialpolitik der roten Stadtregierung wird von marktgläubigeren Parteien als asozial bezeichnet.

«Wir schützen den Mittelstand. Ein zweites London wollen wir nicht.»Daniel Glaser, Amt für Wohnbauförderung

Die SPÖ wehrt sich gegen Einkommenschecks. Auch das unbefristete Mietverhältnis will sie nicht antasten. Wohnungen können so über Generationen an Familienmitglieder weitergegeben werden – unabhängig von der sozialen Situation der neuen Mieterschaft. «Das werte ich als Sozialmissbrauch», sagt Gara. «Die SPÖ schützt ihre eigene Klientel.»

Die Lohnobergrenze einzelner Personen für einen Einzug im Gemeindebau liegt bei knapp 3200 Euro. Das ist mehr, als der durchschnittliche Wiener monatlich verdient. Die grosszügige Auslegung ist von der Regierung gewollt. «Wir müssen auch den Mittelstand schützen», sagt Daniel Glaser vom städtischen Amt für Wohnbauförderung. Das Schicksal der breiten Masse soll nicht den Immobilienspekulanten überlassen werden. «Wir wollen kein zweites London», sagt Glaser. Günstiges Wohnen sei ein Grundrecht, das unangetastet bleiben soll.

Im Wiener «Ghetto»

Tatsächlich blieb Wien von Mietexplosionen, wie sie auch in gewissen Zürcher Quartieren vorkamen, weitgehend verschont. Dies widerspricht der Aussage des Stadtzürcher FDP-Präsidenten Pflüger, der die Wiener Gemeindewohnungen als Preistreiber sieht: Das Angebot im privaten Markt werde dadurch verknappt, die Mieten würden nach oben gedrückt. «Das Gegenteil ist der Fall», sagt Glaser, «in Wien müssen sich die Privaten ein Stück weit dem tiefen Preisniveau anpassen.» Ein weiterer Pluspunkt sei die soziale Durchmischung: Die hohe Einkommensgrenze soll vermeiden, dass sich Ghettos und soziale Brennpunkte bilden; Wohnbrachen, in denen sich Arme nur noch mit Armen abgeben. «Das ist uns mehr oder weniger gelungen», sagt Glaser.

Doch es soll sie auch in Wien geben, die sogenannten Ghettos. Gemeindebauten, die ausländische Delegationen nicht zu sehen bekommen, wenn sie von der Regierung durch die Stadt geführt werden. Direkt vor der U-Bahn-Station Rennbahnweg steht seit den 70er-Jahren die Plattenbausiedlung Trabrenngründe. Eine düster wirkende Überbauung mit farbigem Anstrich – eine Art Antidepressivum gegen die vorherrschende Tristesse. Wer den österreichischen Boulevardzeitungen glaubt, begibt sich hier in Gefahr. Über Raubüberfälle, Messerstechereien und Einbrüche wurde in den vergangenen Jahren berichtet. «Die Bewohner versuchen ihre Adresse zu verschweigen», sagt eine Frau, die in Wien aufgewachsen ist. «Insbesondere dann, wenn sie sich auf eine Stelle bewerben.»

Vorbild Wien: Ein Tram fährt über die Schwedenbrücke, die über den Donaukanal führt. Foto: Gaetan Bally/ Keystone

Am Nachmittag scharen sich Jugendgruppen im weitläufigen Park. Aus einem Ghettoblaster schallt Hip-Hop-Musik, hier und da wird eine Bierdose geöffnet. Ein junger Mann mit Bomberjacke läuft weg, als man ihn anspricht: «Ich wohne hier nicht.» Auch sein Kollege will nichts mit der Siedlung zu tun haben. Elisa und Rosa, zwei ältere Frauen, sind gesprächiger. Beide wohnen ihr halbes Leben am Rennbahnweg. «Die Medien übertreiben. Uns gefällt es hier», sagt Rosa. Der Ausländeranteil habe zugenommen, das mache ihr ein wenig Sorgen. Doch sie habe hier alles, was man zum Leben brauche: Einkaufsläden, Restaurants, grosse Grünflächen und einen guten Verkehrsanschluss. So sind sie konzipiert, die grossen Gemeindebauten in Wien, selbst die mit schlechterem Ruf. Von einer Ghettobildung wie etwa in Paris ist auch diese Siedlung weit entfernt.

Noch zehrt die aktuelle Regierung vom Erbe ihrer Vorgänger. Doch der Wohnraum in der Innenstadt wird knapp, die letzten Brachen werden zurzeit überbaut, und die Mieten steigen – wenn auch vergleichsweise moderat. Jedes Jahr ziehen über 20'000 Menschen nach Wien. Seit 2004 hat die Regierung keine Gemeindebauten mehr erstellt. Sie habe es «verpennt», sagen einige Einheimische.

Doch nun soll die Wiederbelebung erfolgen. Mitte Dezember setzte Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) zum Spatenstich an. Bis Ende 2020 verspricht er rund 4000 Wohnungen an 28 Standorten. Die Miete ist bei 7,5 Euro pro Quadratmeter gedeckelt, halb so teuer wie auf dem freien Markt. «4000 Wohnungen reichen nirgends hin», sagt Robert. Der Informatiker sitzt im Gasthaus in Leopoldstadt, wo weiter gute Stimmung herrscht. Er warte seit drei Jahren vergeblich auf eine Gemeindewohnung. Mit den Neubauten betreibe die Regierung vor allem Wahlkampf, Symbolpolitik. «Is ja klar.» Dennoch wird er weiter SPÖ wählen. Für die «rechten Hardliner» der neuen Landesregierung sei kein Platz. «Nicht in Wien», sagt Robert und stimmt ein Lied der Band Wanda an:

«Einmal willst du leben in Rom, einmal willst du nach Berlin, einmal willst du leben auf Hawaii, sterben wirst du leider in Wien, da g’hörst du hin.»

Sterben sei okay, sagt Robert. «Besser jedoch im Gemeindebau.»



«Wo bleiben die Velowege?»

Politwirren, Hooligans und Verbrechen. Reporterin Rafaela Roth zeigt das Zürcher Jahr 2017. (Video: Lea Koch, Nicolas Fäs)


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.01.2018, 19:30 Uhr

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