Wieso keine Sonderplätze für Behinderte in Tram und Bus?

In vielen Ländern sind in den öffentlichen Verkehrsmitteln Sitzplätze für Behinderte, Rollstuhlfahrer und Schwangere reserviert. Weshalb nicht in Zürich? Die VBZ haben eine überraschende Erklärung.

So haben die Wiener das Problem gelöst: Piktogramm in den Strasenbahnen.

So haben die Wiener das Problem gelöst: Piktogramm in den Strasenbahnen. Bild: PD

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Der Fall der älteren Dame mit Rollator, die in einem voll besetzten Bus keinen Sitzplatz angeboten bekam, hat bei den Leserinnen und Lesern zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Viele nehmen vor allem die Jungen in Schutz, welche stets hilfsbereit seien. Andere wiederum bestätigen, dass die Zeiten für ältere Personen und Schwangere härter geworden sind.

Wieder andere verweisen aufs Ausland. In Paris fahre kein Chauffeur ab, bevor «alle und alles ‹eingepackt› sind und jede/jeder den Sitzplatz hat, den sie/er benötigt», schreibt John Gabriel. Auch in den USA wüssten die Leute, dass der Bus stehen bleibt, bis alle Passagiere mit Krücken sitzen, meldet Saram Gion. Deshalb stehe immer jemand ungefragt auf. «Als ich wieder gesund war, habe ich die Krücken fast schon vermisst.» Leser Arthur Simon meint: «In Australien wäre der Bus nicht losgefahren.»

Neue Piktogramme!

Viele Leserinnen und Leser verlangen Piktogramme und speziell bezeichnete Sitze für gewisse Personengruppen – wie im Ausland. Werner Zimmermann berichtet etwa: «In São Paulo gibt es in jedem öffentlichen Transportmittel für Alte (über 60!), Behinderte, Schwangere und Personen mit Kleinkindern auf den Armen reservierte Sitze.» Rainer Klotzbücher macht darauf aufmerksam, dass im Nachkriegsdeutschland «in allen Strassenbahnen und Bussen meistens die vorderen Sitze mit dem Schild ‹Vorzugsweise reserviert für Behinderte› oder so ähnlich» versehen waren.

Genau hier knüpft VBZ-Sprecher Andreas Uhl an, als ihn Tagesanzeiger.ch/Newsnet fragte, weshalb es in Zürich keine Spezialsitze gebe. «Das hat auch einen historischen Hintergrund. Speziell reservierte Sitzplätze entstanden meist in Ländern, die Kriegsversehrte hatten», hat Uhl festgestellt. «Mit diesem kleinen Privileg wollte man das Leid der Menschen lindern, die für das Land gekämpft und teilweise Gliedmassen verloren hatten.»

Nie ein Thema

Die Schweiz wiederum sei glücklicherweise von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont geblieben. Deshalb seien derartige Flächen bei den VBZ nie ein Thema gewesen, so Uhl. Speziell bezeichnete Sitze gab es hier aus anderen Motiven. Die Limmatbus AG habe einmal einen vorderen Sitz mit «Nur für Frauen» angeschrieben. Dies sei aber aus der Überlegung geschehen, dass Frauen aus Sicherheitsgründen am Abend gerne in Sichtweite des Chauffeurs sässen. Dieses Konzept habe sich – anders als in Parkhäusern – aber nicht durchgesetzt.

Uhl nennt noch andere Gründe für den Verzicht auf Sondersitze. «Unsere Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man Schwächere freiwillig privilegiert», sagt er. Das klappe eigentlich ganz gut, so seine Einschätzung, «da die meisten eine gute Kinderstube genossen». Dass einige Nachhilfe brauchten, räumt Uhl ein. Auch dass der Respekt vor dem Alter in anderen Ländern grösser sei als in der Schweiz.

Nicht auf Rollator sitzen

Der VBZ-Sprecher weist zudem auf Umsetzungsprobleme hin. Piktogramme zu montieren oder Sitze speziell zu kennzeichnen, wäre technisch mühelos möglich. Doch stellten sich die Fragen, wie viele Sitze reserviert würden, wer sich genau dorthin setzen dürfte (Ü-65? Schwangere ab welchem Monat?) und wer dies durchsetzt. «Es kann nicht sein, dass Chauffeure diesbezügliche Streitereien schlichten müssen», stellt Uhl klar. Auch habe er Mühe mit der Vorstellung, dass gewisse Passagiere eine Art Verbotszone zu gewärtigen hätten oder dass gar Sitze leer blieben. «Das ist nicht unsere Doktrin.»

Vom verschiedentlich aus der Leserschaft geäusserten Tipp, sich auf die Sitzfläche des Rollators zu setzen, raten die VBZ dringend ab, da diese Anlage äusserst wacklig und die Sturzgefahr zu gross ist. Der Rollator soll arretiert und in eine Ecke gestellt werden. Und die Person soll sich auf einen freien Platz setzen, lautet der Rat der VBZ.

Erstellt: 09.05.2014, 17:04 Uhr

Die sechs eisernen Regeln

Viele ältere Personen haben sich aufgrund des Artikels «Rentnerin mit Rollator musste im Bus stehen» beim «Tages-Anzeiger» gemeldet. Ihnen war wichtig mitzuteilen, dass sie gute Erfahrungen gemacht haben und ihnen gerade Junge und Secondos stets ihre Sitzplätze anbieten. Leserin Heidi Zellweger (70) aus Zollikerberg, die selbst auf einen Rollator angewiesen ist, hat sich gar die Mühe gemacht, die sechs eisernen Regeln niederzuschreiben, welche gehbehinderte Rentner beachten sollten:

1. Termine und Unternehmungen so vereinbaren, dass sie – wenn Sie den ÖV benutzen wollen – ausserhalb der Stosszeiten liegen. Das ist das A und O!

2. Sollte dies wegen nicht steuerbarer Gründe unmöglich sein, dann im Voraus ein Taxi oder einen karitativen Fahrdienst benutzen.

3. Immer genügend Zeit für den Weg einplanen – besonders bei Umsteigesituationen, damit eventuell auf einen Niederflurwagen gewartet werden kann. Wartende Passagiere um Hilfe bitten. Das darf man immer.

4. Nachdenken vor dem Einstieg und die richtige Türe (mit Kennzeichen für Rollstuhl) benutzen!

5. Nie alte Menschen fragen, ob sie den Sitzplatz frei machen würden.

6. Sich immer an Junge wenden. Grundsätzlich Danke sagen!

Mit diesem Konzept habe sie in den letzten drei Jahren äusserst gute Erfahrungen gemacht, schreibt Frau Zellweger und schliesst ab: «Wie in allen Lebenslagen: Zuerst denken, und dann handeln.» (pu)

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