Winken statt dreinreden

Die Occupy-Aktivisten benutzen an ihren Versammlungen Handzeichen, um einen Konsens zu finden. Damit soll verhindert werden, dass die Lautesten das Gespräch dominieren.

Reden ohne Worte soll Gleichberechtigung sicherstellen: Die Handzeichen der Occupy-Aktivisten.

Reden ohne Worte soll Gleichberechtigung sicherstellen: Die Handzeichen der Occupy-Aktivisten. Bild: TA-Grafik lea

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Bei der VBZ-Haltestelle Stauffacher schüttelt eine ältere Dame verwundert ihren Kopf. Sie beobachtet eine Gruppe von Menschen, die vor der Kirche St. Jakob im Kreis steht, ihre Arme in die Höhe halten und mit den Händen winken. «Was machen denn diese Leute?», fragt die Seniorin und beugt sich zu ihrer Kollegin.

Was die Damen beobachten, sind nicht die kultischen Handlungen einer Sekte, sondern ein tägliches Ritual der Occupy-Bewegung. Die Aktivisten protestieren gegen das Finanzsystem, sie mussten vor wenigen Tagen ihr Zelt-Camp vom Lindenhof an den Stauffacher zügeln. Um sieben Uhr abends besprechen sie an öffentlichen Vollversammlungen Pläne, Ideen und Organisatorisches. Die Gespräche verlaufen dabei nach eigenen Regeln. Für Leute, die das erste Mal an einer Vollversammlung teilnehmen, sei das ungewohnt, erklärt Flurina Marugg. Die Studentin engagiert sich in der Mediengruppe. Mühe bereitet vielen Vollversammlungsnovizen, andere ausreden zu lassen. Wer sich nämlich zu einem Thema äussern will, muss dies mit Handzeichen anmelden. Auch eine zustimmende oder ablehnende Haltung wird nonverbal mitgeteilt.

Es braucht weitere Zeichen

Sechs verschiedene Zeichen kennen die Aktivisten bislang. Bald soll ein weiteres dazukommen: ein Daumen, der nach unten zeigt. In den Kolosseen des Römischen Reichs bedeutete dies den Todesstoss für Gladiatoren, bei den Aktivisten der Occupy-Bewegung kommt der Daumen bei der Konsenssuche ins Spiel. Damit sollen Bedenken gegenüber einem Vorschlag ausgedrückt werden.

Wer mit dem erzielten Resultat nicht zufrieden ist, dem bleibt zurzeit nur das Veto mit geballter Faust. «Ich wäre froh, wenn wir Kritik ein wenig differenzierter vortragen könnten», sagt Marugg. Vetos gebe es bei fast jeder Vollversammlung. Wer die Veto-Faust erhoben hat, muss seine ablehnende Haltung begründen. Anschliessend folgt eine Diskussion und allenfalls resultiert daraus eine Kompromisslösung. Ein Moderator leitet die Diskussion.

Konsensfisch bringt die Lösung

Ist es anstrengend, so lange zu diskutieren, bis endlich ein Konsens gefunden ist? «Ja», sagt Marugg, «doch am Ende ist die Lösung tragfähiger, weil alle dahinterstehen können.» Marugg nimmt ein Blatt Papier, um den Diskussionsablauf in Form eines Fisches zu zeichnen, der «Konsensfisch». Die Diskussion beginnt bei der Schwanzflosse («Thema erklären»), geht weiter zum Rumpf («Meinungen und Wünsche offenlegen»), die Rückenflossen werden als «Stöhnphase» bezeichnet, im Kiemenbereich werden «Lösungsvorschläge entwickelt». Aus dem Fischmund dringt schliesslich die Lösung. «Die Luftblasen sind der gemeinsam erarbeitete Konsens, zu dem alle Ja sagen können; oder zumindest damit leben können», steht auf einem Flyer geschrieben. Flurina Marugg hat die neue Gesprächskultur mittlerweile verinnerlicht: «Ich bin manchmal richtig schockiert, wenn ich in eine Diskussion gerate, in der sich alle gegenseitig ins Wort fallen.»

Die Zürcher Occupy-Bewegung hat die Gesten nicht selber kreiert, sondern vom amerikanischen Pendant in New York übernommen. Im Zuccotti Park nahe der Wall Street startete die Bewegung, die mittlerweile in vielen Ländern präsent ist. Doch die Handzeichen stammen laut Marugg aus einer noch weiter zurückliegenden Zeit: der Frauenbewegung der 70er-Jahre. Damals hätten in den Kommunen und Gemeinschaften öfters die Männer die Frauen überstimmt und durch lautes Sprechen den Ton angegeben. Das liessen sich die Frauen nicht länger bieten und führten neue Gesprächsregeln ein – die Handzeichen.

Kirche will Stellung nehmen

Nachdem die Polizei das Occupy-Camp auf dem Lindenhof am Dienstag geräumt hatte, richteten sich die Aktivisten in den vergangenen Tagen auf Einladung der Kirchgemeinde Aussersihl rund um die Kirche St. Jakob beim Stauffacher ein. Im Gegensatz zum Lindenhof campieren die Aktivisten hier nicht mehr auf öffentlichem, sondern auf privatem Grund. Die neue Fläche ist allerdings viel kleiner, sodass nur ein paar wenige Zelte Platz haben. Dazu zählt das grosse Küchenzelt. Reklamationen sind laut Stadtpolizei und VBZ bisher keine eingegangen. Die Haltestelle Stauffacher ist eine der wichtigsten auf dem Streckennetz. 26'000 Passagiere steigen hier täglich ein und aus.

Am Samstag, 26. November, erklären die Verantwortlichen der Kirchgemeinde um 19 Uhr öffentlich, warum sie den Aktivisten Gastrecht gewähren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2011, 10:03 Uhr

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