«Wir bilden Ärzte wie vor 100 Jahren aus»

Der Zürcher Medizinprofessor Johann Steurer schlägt eine radikale Lösung gegen den Ärztemangel vor.

Johann Steurer, Professor für Innere Medizin, macht sich für ein kürzeres Medizinstudium stark.Foto: Urs Jaudas

Johann Steurer, Professor für Innere Medizin, macht sich für ein kürzeres Medizinstudium stark.Foto: Urs Jaudas

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Dem Kanton Zürich fehlen Fachärztinnen und -ärzte, viele wandern aus dem Ausland ein. Politiker verlangen mehr Geld für hiesige Studienplätze. Sie aber wollen lieber das Medizinstudium umkrempeln. Wieso?
Mehr Geld können wir natürlich immer brauchen. Aber wir sollten auch überlegen, ob das Studium noch zeitgemäss ist. Grundsätzlich denke ich, wir könnten den Bedarf an Fachärztinnen und Fachärzten heute decken, wenn wir sie gezielter ausbilden würden. Das Medizinstudium mit der weiteren Ausbildung zum Facharzt dauert mit rund zwölf Jahren unglaublich lange und kostet den Staat enorm viel Geld. Sechs Jahre davon investiert die angehende Ärztin in die Grundausbildung. Darin lernt sie einen Grossteil des Wissens nur für die Prüfungen. Sie wird es nie wieder brauchen. Das halte ich für falsch.

Was ist Ihre Idee?
Das Medizinstudium um einige Jahre zu kürzen. Die Studentinnen und Studenten sollten sich spätestens nach einem allgemeinen Grundstudium von drei Jahren für eine Fachrichtung entscheiden – wie Gynäkologie, Innere Medizin, Hausarzt.

Um die Studienjahre zu kürzen, müsste man Fächer streichen. Was ist heute überflüssig?
Es braucht die meisten Fächer. Aber nicht alle angehenden Ärztinnen und Ärzte brauchen dasselbe Wissen. Eine Gynäkologin muss sich mit Hormonen besser auskennen als ein Augenarzt. Deshalb müsste man die Fächer neu bündeln. Im dreijährigen Grundstudium würde man allgemein Wichtiges lernen, wie Anatomie, Grundlagen der Physiologie oder den Umgang mit Patientinnen. In der späteren Fachausbildung, einem Master, käme dann das spezifische Wissen hinzu. Mit einem radikal neuen Studium wäre es auch möglich, die Bedürfnisse der Gesellschaft besser aufzufangen.

«Mit einem radikal neuen Studium müsste und könnte man vorschreiben, von welchen Fachspezialisten es wie viele braucht.»

Inwiefern?
Man müsste und könnte vorschreiben, von welchen Fachspezialisten es wie viele braucht. So gäbe es in einem Jahr zum Beispiel zwei Dutzend Ausbildungsplätze für Augenärzte und 400 für Allgemeinmediziner. Auf diese könnten sich alle mit einer abgeschlossenen Grundausbildung bewerben. Die Gesellschaft könnte so steuern, wie viele Ärzte sie in welcher Fachrichtung braucht, um die medizinische Grundversorgung zu sichern.

Was soll das bringen? In erster Linie wird so lediglich die Freiheit der angehenden Mediziner eingeschränkt.
Wir brauchen nicht von allen Fachärzten mehr. Wir müssen zum Beispiel keine weiteren Schönheitschirurgen ausbilden.

Ein Studium neu zu denken, dauert Jahre. Wieso ist diese Veränderung nötig?
Im Grunde genommen bilden wir die Ärztinnen und Ärzte in Zürich heute aus wie vor 100 Jahren. Damals war die Medizin viel weniger spezialisiert. Ein Arzt musste ein allumfassendes Wissen haben. Doch heute brauchen wir diese Superdoktoren nicht mehr. In der Schweiz gibt es inzwischen in der Medizin über 40 Fachrichtungen.

Wäre es nicht einfacher, im Kanton Zürich den Numerus clausus aufzuheben und alle Medizin studieren zu lassen, die wollen? So gäbe es bald genügend Ärzte.
In Zürich bewerben sich jährlich Tausende von Frauen und Männern für die Numerus-clausus-Prüfung. Wir brauchen aber nie und nimmer so viele Ärztinnen und Ärzte. Die Selektion muss sowieso stattfinden. Die Frage ist nun: Geschieht sie vor dem Studium mittels Prüfung wie im Kanton Zürich? Oder während der ersten Studienjahre wie in Lausanne? Persönlich bevorzuge ich den Numerus clausus.

Wieso?
In Kantonen, wo während der ersten zwei Jahre selektioniert wird, herrscht ein grosser Konkurrenzdruck. Wir hingegen können uns mehr oder weniger auf die Ausbildung jener konzentrieren, welche die hohe Einstiegshürde geschafft haben.

«Ein deutlich kürzeres Medizinstudium käme auch der Familiengründung entgegen.»

Die Anzahl ausländischer Mediziner im Kanton Zürich hat in den letzten Jahren markant zugenommen. Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli denkt nun darüber nach, die Zulassung für bestimmte Fachgebiete zu beschränken. Was halten Sie davon?
Der Kanton kann diese Zahl festlegen. Ob sie vor dem Gesetz besteht, wird sich zeigen. Aber es ist schon bedenklich, wie viele Fachleute wir in die Schweiz holen, obwohl es hier genügend Ärzte gäbe.

Von welchen Bereichen sprechen Sie?
Zum Beispiel von der Schönheitschirurgie, der Orthopädie oder der Kardiologie. Psychiater hingegen kommen weniger.

Werden die Ärztinnen und Ärzte im Ausland angeworben, oder kommen sie selbst her, weil die Bedingungen hier besser sind?
Beides ist der Fall. Wenn man Assistenten oder Oberärzte will, die man hier nicht findet, sucht man sie im Ausland. Aber für einige Mediziner ist es auch lukrativer, in der Schweiz zu arbeiten als in ihrer Heimat.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie besagt, dass jeder siebte Arzt, jede siebte Ärztin aus dem Beruf aussteigt. Häufige Gründe sind die Familienplanung und die langen Arbeitstage. Was könnte die Situation verbessern?
Ein deutlich kürzeres Studium hätte diesbezüglich einen Vorteil; die angehenden Ärztinnen und Ärzte hätten ihre Ausbildung mit Ende 20 beendet, nicht erst wenn sie älter sind als 30. Das käme der Familiengründung entgegen. Die anspruchsvollste Zeit als Assistenzarzt wäre bereits vor dem ersten Kind beendet.

Mit Kosten bis zu einer halben Million Franken ist das Medizinstudium sehr teuer. Deshalb stand auch schon die Forderung im Raum, Ärzte, die den Beruf wechseln, sollen dem Staat einen Teil davon zurückzahlen. Was halten Sie davon?
Die Forderung ist heikel. Sie bevorteilt vermögende Studierende. Wer es sich finanziell leisten kann, lässt es allenfalls eher darauf ankommen. Gymiabgänger mit weniger Geld würden aber wohl eher verzichten.

Erstellt: 19.11.2019, 06:22 Uhr

Zur Person

Johann Steurer (65) ist Professor für Innere Medizin an der Uni Zürich. Sein Spezialgebiet ist die praxisorientierte Forschung und der Wissenstransfer. Steurer stammt aus Österreich und lebt seit 40 Jahren in Zürich, wo er als junger Arzt am Universitätsspital eine Stelle bekam. Jahrelang leitete Steurer das Horten-Zentrum der Uni, ein Institut, das sich mit praxisnaher Forschung auseinandersetzt. Er gilt als einer der am besten vernetzten Professoren der Inneren Medizin. Er wirkte auch im Bildungsnetzwerk, an dem sich verschiedene Universitäten beteiligen, mit. Ende Januar 2020 wird Steurer pensioniert. (meg)

Mehr ausländische Fachärzte

Der Kanton Zürich ist für ausländische Ärztinnen und Ärzte ein beliebter Arbeitsort geworden. Das zeigen aktuelle Zahlen, die der TA vor kurzem veröffentlicht hat. So haben sich die Zulassungen für Fachärzte aus dem Ausland seit 2010 um ein Vielfaches erhöht – von 330 auf 1400. Mediziner orten einen Grund dafür im hiesigen Ärztemangel. Politiker auf verschiedenen Ebenen fordern deshalb mehr Geld und Studienplätze für Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz. Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) denkt zudem über eine Zulassungsbeschränkung für ausgewählte Fachbereiche nach. (meg)

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