«Wir gehen immer an die Grenze des Lichts»

Bei der Beleuchtung der Stadt ist nicht nur das Licht wichtig, sagt Stephan Bleuel, Projektleiter für den Plan Lumière. Nach zehn Jahren tritt er ab und erklärt, welche markanten Gebäude nicht optimal erstrahlen.

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Zürich gibt sich enorm viel Mühe, ein gutes Lichtkonzept zu entwickeln. Warum ist das so wichtig?
Zürich soll nicht nur am Tag, sondern auch am Abend und in der Nacht attraktiv sein. Auch dann sind Menschen unterwegs, deshalb muss der Stadtraum nicht nur eindrücklich beleuchtet werden, sondern auch für eine bessere Orientierung und ein sicheres Gefühl sorgen. Wir setzen das Licht sehr gezielt und sorgfältig ein, um auch ökologische und energetische Aspekte zu berücksichtigen. Es muss längst nicht alles beleuchtet werden. Vor allem Wohnquartiere sollen eher dunkel bleiben. Dazu rüsten wir die Beleuchtung in einigen Teilen der Stadt schrittweise um.

Was genau wird umgerüstet?
Gewisse Strassenzüge sind noch immer extrem hell beleuchtet. Derzeit ist das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich daran, diese Lichter auszutauschen. Das bisherige orange Strassenlicht – das Natriumdampflicht – wird ebenfalls schrittweise durch ein warmweisses Licht ersetzt. Die Strassenlampen sind jedoch sogenannte Sicherheitsbeleuchtungen, die während der ganzen Nacht leuchten. Sie gehören in das Zuständigkeitsgebiet des EWZ und sind nicht Teil des Plan Lumière. Wir arbeiten aber sehr eng zusammen. Das neue Lichtkonzept der fünf neu beleuchteten Limmatbrücken in der Zürcher Innenstadt ist hingegen aus dem Plan Lumière heraus entstanden. Die Brücken waren früher mit Glühlampengirlanden dekoriert und sind nun mit modernster Lichttechnologie ausgestattet. So konnten wir 30'000 Kilowattstunden Energie sparen.

Was kann man mit einem neuen Beleuchtungskonzept ausser Stromsparen sonst noch bewirken?
Da gibt es ein ganzes Instrumentarium. Unsere Projekte sind vor allem ein Spiel aus Licht und Schatten. Wir wollen nicht nur aus ökologischer Sicht immer an die untere Grenze des Lichts gehen: Man kann mit wenig Beleuchtung viel sinnlicher arbeiten und eine bessere Atmosphäre schaffen. Auch die Lichtstärke und -farbe ist entscheidend. Gerade bei weissem Licht ist die Lichtfarbe für das Empfinden wichtig. Hier setzen wir vor allem warmweisses Licht ein. Kaltweisses Licht mit hohem Blauanteil kommt nur selten zum Einsatz. Das Limmatquai oder der Sechseläutenplatz sind beispielsweise in warmweissem Licht gehalten. Die Farbwiedergabe ist dadurch nicht mehr getrübt, wie es mit dem früheren Strassenlicht in Orange der Fall war.

Der neue Sechseläutenplatz ist ein Sonderfall. Mit seiner Fertigstellung sind die wichtigsten Projekte des städtischen Beleuchtungskonzepts umgesetzt. Wie sieht das Lichtkonzept dort aus?
Bei der Platzbeleuchtung handelt es sich ebenfalls um eine Sicherheitsbeleuchtung, für die das EWZ zuständig ist. Sie ist sehr dezent gehalten und wird durch die Beleuchtung des Opernhauses, für die wir zuständig waren, optimal ergänzt. Für Fassadenbeleuchtungen setzt der Plan Lumière eine spezielle Technologie ein, die von einem Zürcher Unternehmen erarbeitet wurde. Die Scheinwerfer werden mit einer Schablone bedeckt, die das Licht nur auf jene Stellen abstrahlen lässt, wo es erwünscht oder nötig ist. Fenster werden ausgespart und es strahlt auch kein Licht in den Nachthimmel hinauf. Die Beleuchtung ist somit sehr präzise.

Das Abstrahlen von Licht in den Nachthimmel ist ein heikles Thema. Natur- und Umweltschützer üben immer wieder Kritik an Beleuchtungskonzepten, weil die Lichtverschmutzung die Nachtruhe der Tiere störe. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Ich bin entschieden der Meinung, dass wir in Zürich diesbezüglich im Vergleich mit anderen Städten sehr vorbildlich sind. Wir verhindern die Lichtimmissionen in den Nachthimmel mit allen möglichen Mitteln und haben hierzu sogar die Entwicklung neuer Technologien unterstützt.

Beleuchtungskonzepte werden ja nicht nur durch die Stadt entwickelt, sondern auch durch Private. Kann die Stadt hier überhaupt Einfluss nehmen?
Natürlich. Seit der Einführung des Plan Lumière vor zehn Jahren muss man ein Baugesuch einreichen, wenn man in Zürich eine Fassade beleuchten will. Wir beraten die Bauherren und erwirken allenfalls Veränderungen im Beleuchtungskonzept, wenn das aus ökologischer Sicht nötig ist. So konnten wir beispielsweise die Bauherrschaft des Dolders dazu bewegen, auf eine Beleuchtung des Waldes hinter dem Hotel zu verzichten. In Zürich sind Fassaden oder Umgebungsbeleuchtungen aber relativ selten, und in den meisten Fällen kommt man zu einem Konsens. Ein Verbot musste noch nie ausgesprochen werden.

Gibt es Stellen in der Stadt, wo das Lichtkonzept noch nicht optimal ist?
Ich bin der Meinung, dass es nirgends in Zürich einen Ort gibt, wo die Beleuchtung komplett missglückt ist. Die Stadt ist schon vor der Einführung des Plan Lumière sehr sorgfältig mit Licht umgegangen. Grundsätzlich bin ich stolz darauf, dass wir trotz relativ wenig Manpower insgesamt 34 Projekte realisieren konnten, die das Erscheinungsbild der Stadt noch verbessert haben. Viele davon befinden sich in der Kernstadt, wo auch die meisten öffentlichen Gebäude und Plätze sind. Wir konnten aber auch einzelne Bereiche in den Quartieren dank neuer Lichtkonzepte aufwerten – beispielsweise den Marktplatz in Oerlikon.

Wie viel Geld wurde für die Plan-Lumière-Projekte aufgewendet?
Der Gemeinderat hat 2006 acht Millionen Franken für die Umsetzung des Plan Lumière bewilligt. Das Geld ist nun nahezu aufgebraucht. Noch in diesem Frühling wird das Tiefbauamt die Leitung über das Projekt übernehmen und dem Stadtrat eine neue Vorlage zur Genehmigung einreichen. Ziel ist es, den Plan Lumière weiter umzusetzen. In welcher Form, ist noch offen.

Es wird aber nicht mehr im gleichen Umfang nötig sein?
Nein, der grösste Teil ist bereits umgesetzt. Wichtig wäre aber, dass man die Kirchenbeleuchtung in der Stadt neu konzipiert. Sie werden noch immer mit alten Systemen beleuchtet. Wechselt man diese durch neue Projektoren aus, würde man bis zu zehnmal weniger Energie verbrauchen.

Erstellt: 10.04.2014, 11:09 Uhr

«Unsere Projekte sind vor allem ein Spiel aus Licht und Schatten»: Stephan Bleuel, Projektleiter Plan Lumière beim Amt für Städtebau. Ende April 2014 wird er die Projektleitung an Sophia Berdelis vom Tiefbauamt übergeben.
(Bild: zvg)

Der Plan Lumière

Der Stadtrat hat sich zum Ziel gesetzt, öffentliche Plätze und Anlagen in Zürich aufzuwerten, und hat hierzu 2004 das Konzept für den Plan Lumière genehmigt. Im Februar 2005 wurden erste Projekte in Betrieb genommen und im März 2006 bewilligte der Gemeinderat einen Rahmenkredit von 8 Millionen Franken für weitere Umsetzungen. 34 Projekte sind seit dem Start nach den Vorgaben des städtischen Beleuchtungskonzepts realisiert worden. Zum zehnjährigen Jubiläum des Plan Lumière finden im April drei öffentliche Führungen in der Innenstadt und in Zürich-West statt.

Limmatraum Kernstadt:

Donnerstag, 10. April 2014

20.45 bis 22 Uhr

Treffpunkt: vor Eingang Coop, Bahnhofbrücke

Zürich-West:

Dienstag, 15. April 2014

20.45 bis 22 Uhr

Treffpunkt: Tramhaltestelle Dammweg

Zürich-West:

Donnerstag, 17. April 2014

20.45 bis 22 Uhr

Treffpunkt: Tramhaltestelle Dammweg

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