«Wir merken die ungarische Polizeiarbeit direkt auf dem Zürcher Strich»

Michael Herzig, Vizedirektor Soziale Einrichtungen und Betriebe in Zürich, stellt den ungarischen Behörden zurzeit die städtische Studie zur Prostitution vor. Im Interview zeigt er auf, was diese dort und hier verändern soll.

«In Ungarn kommt es oft vor, dass Gummis nur einmal im Jahr an die Frauen abgegeben werden können»: Michael Herzig, Vizedirektor Soziale Einrichtungen und Betriebe.

«In Ungarn kommt es oft vor, dass Gummis nur einmal im Jahr an die Frauen abgegeben werden können»: Michael Herzig, Vizedirektor Soziale Einrichtungen und Betriebe. Bild: Pino Ala.

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In der Studie, die Sie heute den ungarischen Behörden vorstellen, heisst es, es war einfacher an Prostituierte in Zürich heranzukommen als in ihrem Heimatland. Dies überrascht allein schon wegen sprachlicher Barrieren. Was sind die Gründe?
Wir waren darüber selbst überrascht. Es zeigte sich aber, dass es einerseits mit den vorhandenen Angeboten zusammenhängt. So gibt es zwar in Budapest einzelne soziale Institutionen, die sich um die Frauen kümmern. Im Osten Ungarns, woher die meisten kommen, existieren aber keine. Der Staat unterstützt zudem keinerlei Angebote für Prostituierte. Selbst beim Verteilen von Kondomen sind private Sozialinstitutionen auf Spenden angewiesen. So kommt es oft vor, dass Gummis nur einmal im Jahr an die Frauen abgegeben werden können. In Zürich ist die Gesundheitsversorgung besser und die Sexworkerinnen nutzen die Angebote. So kommt man an sie heran. Das ist aber nur ein Teil der Ursache.

Was ist der andere Teil?
Ein zweites Problem: Im Osten Ungarns hat die Polizei in gewissen Gemeinden den Strassenstrich geschlossen. Die Frauen zeigen sich kaum mehr und man kommt so nicht an sie heran. Diese Polizeiarbeit merken wir übrigens direkt in Zürich. Wir haben festgestellt, dass die Zahl an Prostituierten aus dem Osten Ungarns auf dem hiesigen Strassenstrich just ab dem Moment zugenommen hat, als die Strassenstriche dort geschlossen wurden.

22 der 120 Befragten kommen aus einer einzigen Gemeinde. Hängt dies damit zusammen?
Nicht allein. Die Region Ostungarn ist sehr arm und es gibt dort sehr viele Roma. Die Mehrheit der Frauen auf dem hiesigen Strich sind Roma. Dass viele aus dem gleichen Dorf oder der gleichen Region kommen, ist kein Zufall. Die Migration funktioniert meist über lokale Strukturen. Man weiss bereits, welche Papiere es braucht, wie man sich anmelden muss usw. In Köln beispielsweise stellte man auf dem Strassenstrich fest, dass fast alle Frauen aus dem gleichen Dorf in Bulgarien kommen.

Auch mit der Kindheit der Sexworkerinnen haben Sie sich auseinandergesetzt. Viele haben davon zumindest einen Teil in einem Heim verbracht. Diese werden in der Studie fast schon als Rekrutierungszentren für Prostituierte dargestellt, in denen auch der Konsum harter Drogen Alltag ist.
Das ist so. Ungarische Sozialarbeiter haben uns darauf hingewiesen, dass Zuhälter vor Kinderheimen neue Prostituierte rekrutieren. In grosser Zahl. Ich war selbst in keiner dieser Institutionen und kann deshalb nichts Genaueres dazu sagen. Viele der Frauen haben aber Kinder schon im Alter von 16 oder 17 Jahren – und dies könnte ein Ansatz für Hilfsangebote sein. Ich besuchte in Budapest beispielsweise eine Anlaufstelle für junge Mütter. Mit solchen Angeboten erreicht man die Frauen. Sie erhalten Hilfe und Beratung und zudem könnte so ein Kinderschutzsystem aufgebaut werden.

Gerade die Kinder sind ja ein grosses Thema in der Studie. Da die Zuhälter oder Capo-Frauen (weibliche Zuhälter) oft aus dem weiteren Familienkreis kommen und die Kinder der Frauen in Ungarn zurückgelassen werden, dienen sie als Druckmittel. Wie wollen Sie diesen Teufelskreis durchbrechen?
Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass wir alles ändern können. Grundsätzlich ist es ein Armutsproblem. Ändert sich die wirtschaftliche Situation, hat dies auch positive Auswirkungen auf das Prostitutionsproblem. Uns geht es aber darum, dort etwas anzustossen, wo es wirklich brennt. So haben wir in Zürich zum Beispiel Klientinnen, die gerne zurück nach Ungarn gehen würden. Wir würden sie gerne an eine Stelle vermitteln, die ihnen dort vor Ort weiterhelfen kann. Aber diese gibt es nicht. Es kann doch nicht sein, dass eine Frau hier zum Beispiel HIV-Medikamente bekommt und in Ungarn dann einfach sich selbst überlassen wird.

Was genau wollen Sie also erreichen?
Was wir erreichen wollen, ist beispielsweise, dass es in Ungarn einen Ansprechpartner für ausländische Sozialarbeiter gibt, eine Art Kriseninterventionszentrum, das den Frauen vor Ort Unterstützung bietet. Insbesondere im Osten Ungarns muss eine sozial-medizinische Grundversorgung aufgebaut werden. Sie müssen sich vorstellen: Viele der Frauen gehen selten zum Arzt. Manche stehen seit sie zwölf Jahre alt sind auf dem Strich, sind aber nicht aufgeklärt. Das machen wir dann vor Ort am Sihlquai. Hier muss man ansetzen. Wir sind uns aber bewusst, dass wir nur kleine Brötchen backen.

Sie haben selbst gesagt, der ungarische Staat unterstützt Angebote für Prostituierte nicht. Stossen Sie mit Ihren Anliegen nun auf offene oder taube Ohren?
Ich bin jetzt gerade in Ungarn, wo wir Behördenvertretern die Studie vorstellen. Ein Grund, weshalb wir sie gemacht haben, ist, dass wir klare Zahlen vorlegen können. Im April waren wir bereits einmal vor Ort, um unsere Anliegen vorzustellen. Uns fehlte aber der Unterbau von konkreten Zahlen. Jetzt, wo wir diese vorlegen können, ist die Aufmerksamkeit der ungarischen Behörden deutlich gestiegen.

Zurück nach Zürich: Haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen, die Sie hier anwenden können?
Einerseits hat uns die Gewalt, die nicht von Zuhältern, sondern von Freiern und Passanten ausgeht, in ihrem Ausmass geschockt. Auch bezüglich der Wohnsituationen der Frauen, gewannen wir neue Erkenntnisse. Wir wussten zwar, dass diese viel bezahlen müssen. Dass aber für einen Schlafplatz in einem Mehrbettzimmer bis zu 2700 Franken bezahlt werden, ist erschreckend. Hier gibt es durchaus noch Hausaufgaben zu erfüllen.

Wie wollen Sie dagegen etwas unternehmen?
Die Gewaltsituation sollte sich mit der Einführung des Strichplatzes massiv verbessern. Dort sind ständig Mitarbeiter der Sozialen Betriebe vor Ort, man kann kontrollieren, wer reinkommt und auch gewisse Leute ausschliessen. Anders sieht die Situation bei den Mieten aus. Der Staat kann nicht in den freien Markt eingreifen. Hier müssen wir auf Vermieter hoffen, die Prostituierten unter fairen Bedingungen eine Wohnung vermieten. Oftmals haben diese Angst, dass dies nur Probleme schafft.

Erstellt: 16.10.2012, 17:11 Uhr

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