«Wir sind das Gegenteil einer Sekte»

Um die Freimaurer ranken sich abenteuerliche Verschwörungstheorien. Was geschieht hinter den Mauern der Bruderschaft auf dem Lindenhof? Ein Einblick in die Zürcher Loge – «Was hinter verschlossenen Türen steckt».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

George Washington, Mozart, Goethe – viele Grössen der Geschichte gehörten zu den Freimaurern. Kein Wunder also, ranken sich noch heute Verschwörungstheorien um die Bruderschaft. Kaum ein ungeklärtes Attentat oder eine geschichtliche Umwälzung wird in einschlägiger Literatur nicht mit geheimen Machenschaften der Freimaurer in Verbindung gebracht. Nicht zuletzt wohl, weil sich die Logen lange als öffentlichkeitsscheu erwiesen, konnten die Fantasien weiterspriessen. Für Tagesanzeiger.ch öffnen die Zürcher Brüder ihre Tore – und wollen sich damit auch vom Image des übermächtigen Geheimbundes befreien.

«Wir sind keine öffentliche Anstalt. Wenn man nicht weiss, was bei uns passiert, nährt das absurde Vorstellungen», sagt Giorgio Lenz, Meister des Stuhls. Er ist sozusagen der Vereinspräsident der grössten Zürcher Freimaurer-Loge «Modestia cum Libertate» («Bescheidenheit mit Freiheit»). Lenz ist sichtlich vorsichtig mit seinen Äusserungen, will kein Öl ins Feuer der Verschwörungstheoretiker und Kritiker giessen.

Wichtige Zürcher Familien

Seit 1771 existiert in Zürich eine Freimaurerloge. 1811 kauften die Brüder das Haus zum Paradies auf dem Lindenhof. Im Laufe der Zeit kam ein neugotischer Bau dazu. Mittlerweile gibt es in der Stadt Zürich sieben Logen mit rund 300 Mitgliedern, die sich auf dem Lindenhof treffen. Bei «Modestia cum Libertate» organisieren sich davon rund 120.

Beim Rundgang gibt es einen Einblick in die Vorgänge hinter den Mauern. Im ersten Haus sind kleine Sitzungszimmer und ein Archiv. Im Zwischenbau gibt es einen kleinen und einen grossen Saal. Die Tische sind für ein grosses Essen gedeckt. An den Wänden hängen Bilder von Schweizer Meistern – allesamt Freimaurer. Farbige Fenster, die von alteingesessenen Zürcher Familien, wie den von Muralts, gespendet wurden, werfen ein farbiges Licht in den Innenraum. Im Zwischengeschoss ist eine Küche eingerichtet. «Wir treffen uns hier jeden Dienstag. Es gibt Essen, Vorträge, Musik, und wir diskutieren ethische und philosophische Fragen», erklärt Lenz.

Andere outen ist nicht erlaubt

Die Freimaurer sehen sich denn auch als Bruderschaft, die sich nach gewissen Prinzipien mit existentiellen und philosophischen Fragen auseinandersetzt und jeden Einzelnen dazu anregt, sich weiterzuentwickeln. «Wir haben dabei keine Dogmen, der Gedankenaustausch soll frei sein.» Welcher Religion jemand angehört, ist dabei unbedeutend, aber: «Der Glaube an eine höhere Macht, an einen allmächtigen Baumeister aller Welten, ist eine wichtige Grundlage.»

Beim Weitergehen sieht man einige Mitglieder, die sich in einem Saal treffen. «Hier können wir nicht durch», meint Lenz. Zwar dürfen die Freimaurer selbst sagen, dass sie zur Loge gehören, ein anderes Mitglied outen dürfen sie nicht. «Das müssen wir respektieren.» Dies gehe noch in Zeiten zurück, als Freimaurer in verschiedenen Teilen der Welt verfolgt wurden. In der Schweiz selbst gab es 1937 eine Initiative, die ein Verbot der Logen zur Folge gehabt hätte. «Einige unserer Mitglieder haben diese Zeit erlebt, damals konnte es Konsequenzen für Beruf und Privatleben haben, wenn eine Mitgliedschaft bekannt wurde.»

Männer unter sich

Wer wird aber Mitglied der Freimaurer? Nur Mächtige und Reiche, welche die Welt entscheidend mitverändern könnten? «Das ist alles Quatsch», meint Lenz. «Wenn wir merken, dass jemand nur um Kontakte zu knüpfen zu uns stossen will, nehmen wir ihn nicht auf. Dafür gibt es die Rotarier oder den Lions Club.» Die Herkunft eines Menschen sei unbedeutend. Viel wichtiger sei, dass man ethische Vorstellungen wie Toleranz, Demokratie, Freiheit, Humanismus und wahres Menschentum teile. Dazu gehören vor allem auch karitative Projekte. Ihre Stiftung unterstützt Dutzende Einzelpersonen und selbst aufgegleiste Projekte, zuletzt eine Schulküche im bündnerischen Cresta.

Mitglied zu werden, ist denn auch nicht einfach. «Man schreibt uns einen Antrag und wir laden zu einem Gespräch ein», beschreibt Lenz den ersten Schritt. Darauf folgt ein Aufnahmeverfahren von rund einem Jahr, während dem auch eine Arbeit geschrieben werden muss. Erst danach entscheiden die Mitglieder, ob der Neuling dazugehören darf. Eine Gruppe hat aber keine Möglichkeit beizutreten: Die Frauen. «Wir sind überhaupt nicht frauenfeindlich. In gewissen Dingen ist es aber gut, wenn Männer unter sich bleiben, das hat auch einen traditionellen Aspekt.»

Rituale im Tempel

Ein Gebäude weiter, im sogenannten Tempel, finden dann Initiationsriten statt, über die Lenz nichts Genaues sagen will. «Die sind nicht geheim, sie werden schon in Mozarts ‹Zauberflöte› beschrieben», meint Lenz. «Es ist einfach schade, wenn neue Mitglieder schon alles wissen, bevor sie die Rituale erleben. Das Unbekannte ist Teil des Rituals.»

Der Tempel beeindruckt. Kaum hätte man einen so grossen Raum in einem bescheiden wirkenden, gotischen Häuschen erwartet. «Etwa jeden zweiten Monat treffen wir uns hier zu Ritualen», erklärt Lenz. Lange Sitzreihen mit blauen, samtigen Bezügen flankieren den Raum. Am Ende ist eine Empore eingerichtet, ähnlich einer Kanzel in der Kirche, wo der Meister des Stuhls seinen Platz einnimmt. An der Decke ist das Firmament nachgezeichnet. Beim Eintreten geht man über eine schwarz-weiss karierte Schwelle, die von zwei grossen Säulen umgeben ist. Drei grosse Kerzenleuchter stehen in der Mitte des Raumes, ebenso zwei einsam wirkende Stühle. Jeder Einrichtungsgegenstand, selbst die Ausrichtung der Sitzreihen hat eine symbolische Bedeutung.

Sind die Freimaurer heute noch attraktiv für Neumitglieder oder kämpfen sie, wie viele Vereine mit Tradition, um Nachwuchs und Überalterung? «Dieses Problem haben wir nicht», meint Lenz. Der Wunsch nach Orientierung habe in der heutigen Zeit eher zugenommen. Der Altersdurchschnitt der Mitglieder betrage zwar 58 Jahre, dies hänge aber vor allem damit zusammen, dass viele bis zum Tod dabei blieben. «Unser jüngstes Mitglied ist 27, das älteste 96.» Einmal aufgenommen, würden die meisten Mitglieder dabeibleiben. «Wir sind das Gegenteil einer Sekte», lacht Lenz. «Es ist schwierig, aufgenommen zu werden und leicht, wieder zu gehen.»

Erstellt: 03.10.2011, 12:38 Uhr

Google Map

Infobox

«Was steckt dahinter? Was liegt darunter?» Unter diesem Motto öffnet Tagesanzeiger.ch Türen, die allen anderen verschlossen bleiben, und blickt in Gewölbe, die sonst niemand zu sehen bekommt.

Welche Räume möchten Sie gerne einmal virtuell betreten? Welche Orte besuchen, zu denen Sie keinen Zutritt haben? Melden Sie sich bei uns unter zuerich@newsnetz.ch. Die Redaktion trifft eine Auswahl.

Folgendes gilt es dabei zu beachten:
- Der gewünschte Ort sollte sich im Kanton Zürich befinden.
- Die genaue Adresse, die Koordinaten müssen angegeben werden.
- Wenn möglich sollte ein Foto von der Tür oder dem Eingang zum verborgenen Ort mitgeschickt werden.
- Der Absender muss eine Telefonnummer angeben, unter der er oder sie tagsüber erreichbar ist.

In der Serie bereits erschienen sind:
«Wie die Rettungsleute auf den Einsatz warten»
«Die aussergewöhnlichste 1-Zimmer-Wohnung von Zürich»
«Die vergessene Festung»
«Wo die Ewigkeit beginnt»
«Die Gasse mit der schmutzigsten Vergangenheit Zürichs»
«Gefechtsstand Quaibrücke»
«Wo Maden eine Delikatesse sind»
«Der Fuhrpark gegen Feuer im Dach».
«Wir sind das Gegenteil einer Sekte»

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...