«Wir sind eigentlich viel zu spät dran mit dem Bauprojekt»

An der Seebahnstrasse sollen die Siedlungen zweier Genossenschaften durch Neubauten mit 350 Wohnungen ersetzt werden. Der Zeitdruck ist gross. Heizungen und sanitäre Anlagen laufen bereits am Limit.

Sollen einem Neubau weichen: Die Häuser der Siedlung Kanzlei an der Seebahnstrasse im Zürcher Kreis 4.

Sollen einem Neubau weichen: Die Häuser der Siedlung Kanzlei an der Seebahnstrasse im Zürcher Kreis 4. Bild: Google-Maps

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Sie haben bereits über 80 Jahre auf dem Buckel, die Wohnungen in der Siedlung Kanzlei der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) und der Siedlung Seebahn der Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals (BEP). Kein Wunder also, wollten die beiden Genossenschaften ihre Liegenschaften schon seit längerem erneuern. Mitte Dezember 2011 gab der Zürcher Stadtrat schliesslich grünes Licht für Ersatzneubauten der Wohnsiedlungen, die sich derzeit noch im Inventar der schützenswerten Bauten befinden (siehe Box). Nun wird mit Hochdruck an der Umsetzung der Bauprojekte gearbeitet.

«Wir sind derzeit daran, den Architekturwettbewerb vorzubereiten und gehen davon aus, dass wir die Resultate im Frühling 2013 haben werden», sagt Erich Meier, Leiter Bau der BEP, gegenüber Tagesanzeiger.ch. Auch bei der ABZ sind die Vorbereitungsarbeiten in vollem Gange. «Der genaue Zeitplan ist noch Gegenstand interner Diskussionen. Es ist eine sehr komplexe Angelegenheit, weil viele Akteure beteiligt sind», so ABZ-Präsident Peter Schmid. Er rechnet damit, dass der Architekturwettbewerb «innerhalb der nächsten 12 Monaten» beginnen wird.

Gemeinsamer Gestaltungsplan

Die BEP steht bei der Planung der Neubauten unter grösserem Zeitdruck. Es gebe zahlreiche Provisorien und die Infrastrukturen wie beispielsweise die Heizungen seien «am Limit». «Wir sind eigentlich schon viel zu spät dran mit dem Bauprojekt», erklärt Meier. Ist der Architekturwettbewerb erst einmal abgeschlossen, wolle man gemeinsam mit der ABZ einen Gestaltungsplan ausarbeiten. «Ziel ist es, dass jeder Bauherr ein eigenes Projekt mit unterschiedlicher Architektur hat, die jedoch an den gemeinsamen Schnittstellen entlang der Kanzleistrasse zueinander passen.» Da das Projekt der BEP früher vorgestellt werde, können die Architekten der ABZ gemäss Meier an diese Schnittstelle anschliessen – «insbesondere auch was die Höhe der Häuser anbelangt.»

Meier hofft, dass der Gestaltungsplan bis 2015 fertiggestellt sein wird. «Wenn der Stadtrat die Siedlungen aus dem Inventar der schützenswerten Bauten entlassen hat, wollen wir so rasch wie möglich mit dem Bau beginnen. Wir rechnen damit, dass wir Anfang 2017 starten können.»

Genossenschafter müssen ihre Zustimmung geben

Auch bei der ABZ rechnet man frühestens 2017 mit einem Baustart. Allerdings müssen die Projekte vorher noch im Rahmen einer Generalversammlung von den jeweiligen Genossenschafterinnen und Genossenschaftern gutgeheissen werden. «In der Regel findet die GV zwei Jahre vor Baubeginn statt», erklärt Schmid. Er ist jedoch zuversichtlich, dass dem Ersatzneubau zugestimmt wird. «Unsere Genossenschafter sind sehr sachlich in ihren Entscheidungen. Ich denke, dass viele Argumente für einen Neubau sprechen und dass das Projekt daher gute Chancen hat.»

Erich Meier geht ebenfalls davon aus, dass die Genossenschafter das Projekt gutheissen werden. In beiden Fällen wurde frühzeitig über das Bauvorhaben informiert. «Der ganze Erneuerungsprozess der Siedlung Seebahn hat bereits 2003 begonnen. Daher kommt es auch nicht überraschend», so Meier. «Seither nutzen wir die natürliche Fluktuation aus, um die Wohnungen Schritt für Schritt zu leeren, damit bei Baubeginn keine Genossenschafter mehr darin wohnen. Oder wir bieten den Genossenschaftern andere Wohnungen der BEP an.»

Zwischennutzung durch Jugendliche

Bis Baubeginn werden die BEP-Wohnungen an Jugendorganisationen wie beispielsweise das Jugendwohnnetz vermietet. «Mit ihnen können wir Mietverträge abschliessen, die wir nach sechs Monaten künden können. Dieses System hat sich sehr bewährt», erklärt Meier. Derzeit sind bereits 73 der 113 Wohnungen auf diese Weise vermietet.

Wie lange diese Zwischennutzung noch andauern wird, hängt nicht nur von politischen Abläufen ab. Gegen die Inventarentlassung der Siedlungen kann auch der Rechtsweg eingeschlagen werden – was der Heimatschutz immer wieder tut. Ob er in diesem Fall auch aktiv werden wird, ist noch unklar. Auf Anfrage war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.03.2012, 13:16 Uhr

Diese Siedlungen müssen weichen

Die Projekte

Die Siedlungen Kanzlei (ABZ) und Seebahn (BEP) wurden 1930 erbaut. Sie sind als Zeitzeugen Teil des Inventars schützenswerter Bauten der Stadt Zürich. Trotzdem sollen Neubauten mit 300 bis 350 energieeffizienteren Wohnungen Platz machen. Der Zürcher Stadtrat hat die Entlassung aus dem Inventar allerdings an verschiedene Bedingungen geknüpft: Die Ersatzneubauten müssen sich dem Charakter des Quartiers anpassen. Sie dürfen wie die umliegenden Häuser maximal fünf Vollgeschosse aufweisen. Einzig entlang der Seebahnstrasse sei eine Aufstockung denkbar, heisst es in einer Medienmitteilung. Auf «Luxus» müsse verzichtet werden, um die Mieten tief zu halten.

Über die Höhe des Mietzinses können derzeit gemäss Erich Meier von der BEP noch keine Angaben gemacht werden. «Wir orientieren uns aber bei der Mietzinsberechnung an der kantonalen Wohnbauförderung.» Die bestehenden 113 Wohnungen der Siedlung Seebahn würden durch etwa 140 neue Wohnungen ersetzt, die aufgrund der höheren Ausnutzung mehr Raum bieten würden. «Eine 4-Zimmer-Wohnung hätte dann beispielsweise eine Grösse von etwa 90 bis 100 Quadratmetern», so Meier. Gleiches gilt für die Wohnungen der ABZ. Hier werden 156 Wohnungen abgerissen und durch «10 bis 20 Prozent mehr» ersetzt, wie Peter Schmid von der ABZ erklärt.

Sowohl Meier als auch Schmid betonen die Wichtigkeit eines Neubaus. «Die Wohnräume sind hin zur Seebahnstrasse orientiert. Dort wird der Alarmwert punkto Emissionen dauernd überschritten», so Schmid. Die Kosten, um an dieser Lage auch langfristig eine gute Wohnqualität zu sichern, seien zudem ohne Ersatzneubau sehr hoch.

Für die BEP würde es gemäss Meier zudem immer schwieriger, die Liegenschaft im jetzigen Zustand zu bewirtschaften. «Eine umfassende Sanierung würde sicher teurer werden als ein Neubau. Abgesehen davon würden einige strukturelle Mängel damit nicht aus dem Weg geräumt.» (tif)

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