«Wir sind keine Moralapostel»

Alexander Bücheli klärt seit Jahren an der Street-Parade über Drogen auf. Er weiss: Nur die Namen ändern, nicht die Substanzen.

Drogen schmecken immer bitter, sagt Experte Alexander Bücheli.  Bild: Reto Oeschger

Drogen schmecken immer bitter, sagt Experte Alexander Bücheli. Bild: Reto Oeschger

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Während der Street-Parade arbeiten Sie am Stand von Saferparty.ch, wo Feiernde ihre Drogen analysieren lassen können. Verführt so ein Angebot nicht erst zum Konsum?
Nein. Diesen Vorwurf hören wir immer wieder, obwohl längst klar ist, dass die negativen Folgen von Drogenkonsum nicht mit Repression allein bekämpft werden können.

Wie denn sonst?
Die Substanzanalyse ermöglicht Prävention und Schadensminderung. Das sind neben Repression und Therapie die Elemente der Viersäulenpolitik, die heute national verankert ist.

Sind die Konsumenten an der Street-Parade empfänglich für Beratung?
Die Konsumenten sind überraschend ehrlich zu uns. Denn jeder, der etwas Illegales bezieht, möchte wissen, was er tatsächlich konsumiert. Das ist eine gute Grundlage für eine Beratung. Aber: Es gibt keinen Drogenkonsum ohne Risiko.

Das klingt sehr moralisch.
Wir sind keine Moralapostel, sondern arbeiten faktenorientiert. Unsere neutrale Haltung, unser Fachwissen, vor allem aber die Möglichkeit der Substanz­analyse vereinfachen die Beratung.

Warum?
Dank den Analyseergebnissen können wir gezielter beraten. Manche Konsumenten schieben Nebenwirkungen wie Herzrasen, Atemnot und ausgeprägte Übelkeit auf die schlechte Qualität der Drogen ab. Sie beklagen sich bei uns über den illegalen Markt, der gestreckte Ware hervorbringt. Wenn die Analyse dann aber zeigt, dass das Kokain zu 80 Prozent rein ist und keine gefährlichen Streckmittel drin sind, können wir mit ihnen über Konsumhäufigkeit, Menge und Mischkonsum diskutieren.

Welche Drogen sind besonders in?
Alkohol und Cannabis führen die «Hitliste» an. An unserem Info-Stand an der Street-Parade analysieren wir am häufigsten Ecstasy, Kokain und Amphetamine. Viele denken, dass die Partydrogenszene extrem dynamisch ist, dass alles Neue ausprobiert wird. So ist das aber nicht. Nur die Namen und die Form, die Reinheit und die Streckmittel ändern sich. Ecstasy zum Beispiel ist auch bekannt als MDMA oder MDi. Die veränderten Bezeichnungen haben vielleicht auch mit der veränderten Form zu tun: Früher waren Pillen, heute ist Pulver angesagt.

Über welche Risiken müssen Sie die Leute immer wieder aufklären?
Alkohol in grossen Mengen, aber auch Mischkonsum sind gefährlich. Wer beispielsweise Alkohol mit Ecstasy mischt, trocknet seinen Körper aus, wer Alkohol mit Kokain kombiniert, erhöht sein Aggressionspotenzial. Andere Mischungen wie zum Beispiel Kokain mit Ecstasy heben sich gegenseitig auf und machen pharmakologisch keinen Sinn. Weitere häufige Themen sind die Risiken, die durch Streckmittel entstehen.

Wer nimmt Drogen?
Den typischen Drogenkonsumenten gibt es nicht. Zu uns kommen Menschen im Alter von 17 bis 71. Die grösste Gruppe ist zwischen 20 und 35 Jahre alt, männlich und hat eine Berufslehre oder ein Studium abgeschlossen. Drogen werden quer durch die Gesellschaft konsumiert. Koks zum Beispiel nehmen Banker, Studierende, Arbeitslose, Hausfrauen.

Erlauben Sie uns eine banale Frage: Warum nehmen Menschen Drogen?
Um einen Rausch zu erleben. Sie wollen Momente erleben, die sich vom Alltag abheben. In der Fachwelt spricht man von «memorable moments». Die Konsumenten möchten sagen können: «Hey, wow, weisst du noch am Samstag …».

Wenn sie es denn noch wissen ...
Genau. Hier können wir in der Beratung andocken: Erinnerungsverlust ist ein Zeichen für problematischen Konsum. So können wir ihnen aufzeigen, dass sie sich zunehmend körperlich und psychisch gefährden.

Sie arbeiten seit 13 Jahren jedes Jahr an der Street-Parade. Wie hat sich der Drogenkonsum im Laufe der Jahre verändert?
Früher, als ich die Street-Parade als ­Raver besuchte, war es ein konzentrierter Szeneanlass und Ecstasy die Droge Nummer eins. Heute kommen viel mehr Besucher, es konsumieren aber nicht entsprechend mehr Leute illegale Drogen. Wir schätzen den Drogenkonsum in der Schweiz seit circa 10 Jahren als stabil ein, obwohl die Erfassung von Konsumzahlen schwierig ist. Übrigens ist der Alkohol, wie an jedem Grossanlass, die meistkonsumierte Droge.

Wer konsumiert Drogen an der Street-Parade?
Die meisten Street-Parade-Besucher konsumieren keine illegalen Drogen. Man trifft aber auch Raver der ersten Generation. Sie sind heute zwischen 35 und 50 Jahre alt und besuchen die Parade, um alte Zeiten aufleben zu lassen. Und dazu gehört dann eben auch der ­Ecstasy-Konsum. Und dann gibt es auch viele Junge, die Freude an einem solchen kostenlosen Grossanlass haben und vielleicht zum ersten Mal Erfahrungen mit Drogen machen. Besonders sie möchten wir unbedingt erreichen, weil sie eine ganz andere Risikoperspektive haben und weil sich ein Grossanlass generell nicht für Konsum oder Experimente mit Drogen eignet.

Sie werden seit Jahren von Medien im Vorfeld der Street-Parade befragt. Was sind die Themen?
Die Medien sind sehr problemorientiert. Sie wollen hören, was schlimmer geworden ist. Zurzeit fragen alle nach Crystal Meth – eine Droge, die in den USA und in Deutschland immer populärer wird, in der Schweiz aber keine Rolle spielt. Wir geben gerne Auskunft, aber ich rege mich auf, wenn ich lese, dass Crystal Meth verlockend süss nach Vanillle schmecke. Drogen sind immer bitter.

Was wollten Sie schon immer sagen zum Thema Street-Parade und Drogen?
Drogenkonsum ist ein Teil der gesellschaftlichen Realität und hat nichts mit dem Grossanlass Street-Parade zu tun. Wenn man sich die Berichterstattung ansieht, erhält man den Eindruck, dass es «der» Drogenkonsum-Event sei. Diese Reduktion ist frustrierend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2014, 07:51 Uhr

Alexander Bücheli

Sozialarbeiter und Drogenexperte
Alexander Bücheli, 39, ist stellvertretender Leiter der Jugendberatung Streetwork, wo er seit 2002 arbeitet. Nach seiner Lehre als Biologielaborant bildete er sich an der ZHAW mit einem Bachelor zum Sozialarbeiter weiter. Seinen Master machte er in Gemeinwesenentwicklung an der FH München. Sein Spezialgebiet ist die Schadensminderung.

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Analyse-Angebot der Stadt

Vom Spritzentausch zum Drogencheck
Saferparty.ch bietet an der Street-Parade Information und Beratung zum Thema Alkohol und Partydrogen und die Möglichkeit, Substanzen analysieren zu lassen. Dahinter steht die Jugendberatung Streetwork, die zum Sozialdepartement der Stadt Zürich gehört. Streetwork wurde 1993 gegründet, Auslöser waren junge Heroinkonsumenten im Umfeld der offenen Drogenszene rund um den Letten. Heute steht nicht mehr Überlebenshilfe oder Spritzentausch im Vordergrund, sondern Jugendarbeit auf der Strasse. 1996 war Streetwork erstmals an der Street-Parade, seit 2001 gibt es am Stand mit dem Logo saferparty.ch auch ein Labor für Drogenanalysen. Die Nachfrage danach ist hoch. In den letzten Jahren war das Labor während der Street-Parade voll ausgelastet, 2013 wurden 65 Proben analysiert und rund 200 Konsumenten beraten. Saferparty.ch befindet sich von 12.30 Uhr bis 19 Uhr auf dem Bürkliplatz und ab 22 Uhr an der Lethargy-Party in der Roten Fabrik. (mir)

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