Interview

«Wir sind keine Paprika-Chips-Fabrik»

Michael Hengartner, der neue Zürcher Uni-Rektor, will die Studiengänge reformieren. Und er verteidigt seine Professoren aus Deutschland.

Wünscht den Studierenden mehr Freiräume zum Denken: Rektor Michael Hengartner in einem Labor «seines» Institutes für Molekulare Biologie am Irchel.

Wünscht den Studierenden mehr Freiräume zum Denken: Rektor Michael Hengartner in einem Labor «seines» Institutes für Molekulare Biologie am Irchel. Bild: Doris Fanconi

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Herr Hengartner, wir haben auf dem Weg zu Ihnen ein paar Studenten auf den neuen Rektor angesprochen. Niemand hat Sie gekannt.
Die meisten Studis wissen nicht, wer ich bin, aber das ist kein Problem. Studierende fokussieren sich auf ihr Studium und kennen die Namen ihrer Dozierenden. Das ist es, was sie direkt betrifft und beschäftigt. Den Namen des Rektors müssen sie nicht kennen, das ist nicht wie bei einem CEO einer Firma – und meinen Namen lernen sie spätestens kennen, wenn ich ihre Master-Diplome unterschreibe.

Werden die Studenten trotzdem spüren, dass jetzt jemand anders am Ruder ist?
Ich hoffe, dass sich die Rahmenbedingungen für das Studium weiter verbessern werden. Zum Beispiel bei der Bolognareform, sie hat Vorteile gebracht aber auch Nachteile.

Welche Nachteile?
Unter anderem birgt sie die Gefahr einer Modularisierung des Denkens und kann zu einer Punktesammel-Mentalität führen. Damit meine ich, dass gewisse Studierende nur noch die nötige Anzahl Module abschliessen wollen und das Erlernte im nächsten Semester wieder vergessen.

Das möchten Sie aufbrechen?
Ja, denn das Wissen kann man doch nicht in Modulen erfassen, da ist alles vernetzt.

Sie möchten also die Studiengänge Bologna-widrig umbauen?
Nein, das können wir nicht. Aber wir müssen die Blöcke verbinden, die Studierenden müssen ihre Module viel freier wählen können. Zudem müssen sie mehr Freiräume zum Denken haben. Wir bilden ja nicht nur Berufsleute aus, sondern Akademiker und im besten Fall kritische Denker. Die meisten unserer Historiker arbeiten später nicht als Historiker. Wir möchten also in einem modularisierten Prozess kritische Denker aufbauen. Dazu müssen wir den Austausch fördern, zwischen den Studierenden selbst, zwischen den Studierenden und Dozierenden und auch unter den Dozierenden.

Das tönt noch sehr unkonkret.
Wir möchten zum Beispiel die Koordination und Kombination von Haupt- und Nebenfächern ausbauen. Die Breite unseres Angebotes ist eine der Stärken unserer Universität. Wir nennen das in meiner Fakultät die Angolob-Reform – Bologna rückwärts gelesen. Ich bin allerdings von diesem Begriff wieder weggekommen, denn es soll kein Rückschritt sein, sondern eine Weiterentwicklung.

Und die Punktesammel-Mentalität?
Es ist ein grosses Übel, wenn die Studierenden nur noch fragen, wie viele Punkte ein Modul gibt, anstatt, wie interessant es ist. Da sträuben sich mir die Haare. Ich glaube, wir müssen diesen Studierenden einfach wieder klar machen, was das Ziel des Studiums ist.

Aber 180 Kreditpunkte sind nun mal 180 Kreditpunkte.
Ich behaupte, dass sich niemand an der Uni einschreibt, um 180 Kreditpunkte zu sammeln. Die Studierenden wollen einen Studiengang belegen, weil die Thematik sie interessiert. Da müssen wir sie packen.

Sie haben eine hohe Meinung von Ihren Studenten.
Ja, klar. Die Studierenden, die ich getroffen habe, wollen etwas lernen.

Sind die Gymnasiasten gerüstet für die Art Hochschule, die Ihnen vorschwebt?
Ein ganz klares Jein.

Sie verziehen das Gesicht. Drücken Sie das doch bitte in Worten aus ...
Ich möchte so sagen: In vielen Studiengängen ist die Erfolgsquote der Absolventen nicht viel höher als 50 Prozent. Das ist zu wenig. Ein Beispiel dafür ist die Mathematik. Hochschul-Mathematik ist völlig anders als die Gymi-Mathematik und viele Studienanfänger merken dies erst, wenn das Studium begonnen hat. Hier müssten wir schon in den Gymnasien Aufklärungsarbeit leisten und den Gymnasiasten besser erklären, was ein solches Studium bedeutet.

Damit beantworten Sie noch nicht die Frage, ob die Gymnasiasten für die Uni genügend gerüstet sind.
Die tiefen Abschlusszahlen sind eine Herausforderung für das ganze Bildungssystem, und wir müssen genau hinschauen, wo es klemmt. Das kann am Niveau der Matura oder auch an der Ausrichtung der Ausbildung liegen. Vielleicht werden sie sehr gut ausgebildet, aber nicht in dem Bereich, der an der Universität gefordert wird. Vielleicht sollten die Gymnasien noch mehr Gewicht auf das selbstorganisierte Lernen legen. Woran wir nicht schrauben können, ist an der Qualität unserer Universität, denn wir haben einen internationalen Ruf zu verteidigen.

Das ist eine Aufforderung an die Mittelschulen, sich zu verbessern.
Es ist sehr brenzlig, wenn die Hochschule meint, sie wisse, was die Mittelschulen tun sollen. Wir können aber die Qualität der Mittelschulen positiv beeinflussen, in dem wir die Aus- und Weiterbildung der Gymnasiallehrpersonen, für welche wir zuständig sind, noch verbessern und unsere Zusammenarbeit mit den Mittelschulen weiter intensivieren, wie wir dies mit dem Science Lab im Bereich Naturwissenschaften bereits tun.

Die Uni selbst ist in zwei wichtigen Uni-Rankings zurückgefallen.
Ich finde es richtig, dass wir evaluiert werden. Hochschulranking ist aber keine exakte Wissenschaft. Die Position in den Rankings gibt daher die Stärke einer Universität nur bedingt wieder. Es ist falsch, aufgrund dieser Rankings einschneidende Massnahmen zu fordern. Die Forschenden hören nicht gern, wenn wir sagen, dass wir in den Rankings weiter vorne platziert sein wollen. Das Ranking soll in der Forschung nicht im Fokus stehen, analog, wie die Kreditpunkte nicht im Fokus der Studierenden stehen sollten. Das Ranking soll die Leistung nur widerspiegeln. Aber es ist klar, dass diese Rankings von der Politik und der Gesellschaft immer stärker wahrgenommen werden. Wir können uns diesem Trend nicht entziehen, genauso wenig wie ein Unternehmen die Ratings der Rating-Firmen ignorieren kann. Ich schiele nicht auf die Rankings. Mein Ziel ist, dass wir so gut wie möglich werden, dann kommen die guten Positionen automatisch.

Sie könnten für ein besseres Betreuungsverhältnis sorgen, um wieder Plätze gutzumachen.
Nein, das funktioniert nur, wenn eine Universität auswählen kann, wie viele Studierende sie aufnimmt. Das können und wollen wir als öffentliche Universität nicht machen. Dieses Spiel können nur die privaten Universitäten spielen. Das ist mit ein Grund, weshalb diese in den Rankings auch immer top sind.

Oder Sie könnten sich auch mit mehr Nobelpreisträgern schmücken.
Für zehn Millionen Franken pro Jahr könnten wir schnell einen Nobelpreisträger anwerben, aber das ist nicht das Ziel. Viele Universitäten machen das, weil das die Position im Ranking nach oben treibt. Mit Geld können Sie in den Rankings viel bewirken, die Frage ist, ob Sie dieses Geld wirklich optimal investiert haben. Die Kunst ist vielmehr, exzellente Forscherinnen und Forscher an die UZH zu holen, die das Potenzial mitbringen, einmal einen Nobelpreis erhalten zu können. Die UZH ist mit diesem Vorgehen in der Vergangenheit sehr gut gefahren: Ich erinnere Sie an Albert Einstein, Erwin Schrödinger, Rolf Zinkernagel und viele mehr.

Sie haben schon mehrfach gesagt, dass die Uni im Fall Mörgeli und beim UBS-Sponsoring Fehler gemacht hat. Politiker verlangten eine hierarchischere Führung.
Ich bin nicht der Meinung, dass sich diese Probleme aufgrund einer zu wenig hierarchische Führung ergeben haben. Unsere Struktur ist per se dezentral, und das funktioniert sehr gut. Denn im akademischen Bereich ist die Autonomie der Forschenden sehr wichtig. Jeder dieser Professorinnen und Professoren ist ein Weltstar auf dem jeweiligen Gebiet. Sie planen ihre Forschungsprojekte selbstständig, suchen ihre Mitarbeitenden selber aus und sind für ihre Publikationen selber verantwortlich. Und diese Forschenden sind so gut, weil sie diese Freiheiten haben. Eine Hochschule lässt sich nicht straff führen. Wir sind schliesslich keine Paprika-Chips-Fabrik.

Trotzdem, der Ruf der Uni Zürich ist beschädigt.
Da gebe ich Ihnen Recht. Jetzt geht es darum, die Rahmenbedingungen so schnell als möglich so anzupassen, dass die Politik ihr Vertrauen in die organisatorischen Abläufe an der UZH wieder gewinnt.

Sie wollen viel Freiheit und trotzdem die Leitung straffen. Das ist ein Zielkonflikt.
Nicht unbedingt, die Universitätsleitung macht ja keine Forschung und Lehre. Deren Funktionen kann man sehr gut professionalisieren, ohne dass ein Jota der Freiheit für Lehre und Forschung verloren geht. Um eine Analogie zu bemühen: Wenn sie die Bundesverwaltung professionalisieren, bedeutet das nicht, dass sie das Mitspracherecht des Volkes bei Abstimmungen tangieren.

Von 541 Professoren sind nur 243 Schweizer. Ist die Uni überfremdet?
Wenn wir die besten Lehrer haben möchten und Spitzenforscher in vielen Bereichen, spielt die Nationalität keine Rolle. Es ist eigentlich dasselbe wie in einer Spitzenmannschaft im Fussball. Beim FC Basel sind fast die Hälfte ausländische Spieler und weitere sind eingebürgerte Schweizer. Aber der FC Basel ist trotzdem unser Team. Bei der UZH geht die Überlegung aber noch weiter. Die Professoren bilden nicht nur unser Forscher-Team, sondern sie bilden auch unseren Nachwuchs aus. Da stellt sich doch eigentlich nur eine Frage: Wo finden wir die besten Forschenden und Dozierenden?

Offenbar in Deutschland. Von dort kommen 200 der 541 Professoren.
Wenn Sie erwarten, dass die neuen Professorinnen und Professoren ab Tag 1 perfekt in Deutsch unterrichten, dann werden sie hauptsächlich Forschende aus dem deutschsprachigen Raum rekrutieren. Die Internationalisierung bedingt die Bereitschaft, Vorlesungen auch auf Englisch zu halten, da Englisch heute nun einmal die Lingua Franca der Wissenschaft ist. Dies ist in der Wirtschaftswissenschaftlichen und in der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät ab Stufe Master schon jetzt der Fall. Für unsere Studierenden ist dies auf jeden Fall kein Problem, das weiss ich aus eigener Erfahrung. Deshalb rekrutieren wir weltweit.

Die vielen ausländischen Professoren stehen doch dem Schweizer Nachwuchs vor der Aussicht.
Die Ausbildung des Nachwuchses ist eine grosse Aufgabe, die wir sehr ernst nehmen, aber für eine akademische Karriere muss der Nachwuchs zumindest vorübergehend eine andere Forschungskultur erlebt haben. Unser Nachwuchs sollte nicht unbedingt das ganze Leben an der Universität Zürich bleiben wollen, damit würden wir uns einschränken. Die Professorinnen und Professoren der UZH sollten aber auch aus anderen Unis der Schweiz kommen.

Investieren Sie genug in den eigenen akademischen Nachwuchs?
Es wird bereits sehr viel für den akademischen Nachwuchs getan, aber wir müssen die Rahmenbedingungen für den Schweizer Nachwuchs weiter verbessern. Zuerst einmal müssen wir den akademischen Beruf wieder attraktiver machen. Das Problem ist, dass schon viele Absolventen nicht einmal mehr ein Doktorat in Angriff nehmen wollen. Viele gehen nach dem Studium lieber in die Wirtschaft, dort haben sie weniger Unsicherheit und einen besseren Lohn.

Sie sind seit langem der erste Naturwissenschaftler an der Spitze der Uni. Geht das?
Auf jeden Fall. Das geht sehr gut. Ich war immer sehr interessiert an den Geisteswissenschaften. Ich bin sehr neugierig und freue mich darauf, mit allen Professorinnen und Professoren aus verschiedensten Wissenschaftskulturen zu sprechen. Ich habe viel Erfahrung darin und bin zum Beispiel Stiftungsrat in der Cogito-Stiftung, die explizit zum Ziel hat, Geistes- und Naturwissenschaften zusammen zu bringen. Mir ist wichtig, dass ich der Rektor für die ganze Uni bin. Sie soll keine zweite Technische Hochschule auf dem Platz Zürich werden.

Sie werden gern als Wurmforscher bezeichnet, manchmal mit einem despektierlichen Unterton. Hat Sie das nie gestört?
Weshalb sollte es? Wir nennen uns ja selber Wurmforscher, das ist halt unser Slang.

Sie sind sogar stolz darauf.
Ja, klar. Die Forschung am Fadenwurm C. elegans hat viele wichtige Erkenntnisse gebracht. Daher wurden auch in den letzten zwölf Jahren sechs Wurmforscher mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Wurmforscher zu sein weckt auf jeden Fall auch Interesse, wobei die Leute oft völlig falsche Vorstellungen haben und denken, ich würde Regenwürmer erforschen, was natürlich überhaupt nicht stimmt.

In der Vergangenheit hat die Uni stark auf die Wirtschaftswissenschaften gesetzt. Werden Sie nun die Naturwissenschaften stärken?
Unsere Naturwissenschaften gehören jetzt schon zu den Besten der Schweiz, das wird leider zu wenig wahrgenommen. In den Life Sciences zählen wir in den Rankings weltweit zu den Top 30, da sind wir besser als die ETH. Traditionell stark sind wir in der Medizin, gerne möchte ich die Medizin noch weiter stärken. Wir wollen die UZH als den Ort positionieren, wo die Medizin von morgen erforscht und gelehrt wird. Das ist eine Herausforderung, weil wir mit fünf universitären Spitälern verbunden sind, die aber administrativ separat geführt werden. Das bringt enormen Abstimmungsbedarf, welcher zu einem suboptimalen Einsatz der Mittel führt.

Sie möchten also als der Rektor in die Uni-Geschichte eingehen, der die Medizin vorwärts gebracht hat?
Es ist nicht mein Ziel, in die Uni-Geschichte einzugehen ...

Trotzdem, Sie möchten die Medizin reformieren?
Ich sehe, dass es in diesem Bereich viel Verbesserungspotenzial gibt, und ich will, dass der Kanton für das Geld, das er hier einsetzt, mehr erhält.

Erstellt: 31.01.2014, 22:46 Uhr

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