«Wir waren davon überzeugt, dass es Tote geben würde»

Eine gigantische Feuersbrunst am Bahnhof Affoltern erschütterte Zürich vor 20 Jahren. Sieben Güterwagen mit je 80'000 Liter Benzin gerieten damals in Brand. Ein Feuerwehrmann erinnert sich an den Einsatz.

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«Sie, der Bahnhof Affoltern brennt! Nein, vor dem Bahnhof, ziemlich heftig!» Diese Nachricht ging am 8. März 1994 um 8.10 Uhr als erste bei der Einsatzzentrale der Berufsfeuerwehr Zürich ein. Allein in den folgenden fünf Minuten wurden weitere 36 Notrufe gemeldet. Damit begann der Grosseinsatz für rund 500 Feuerwehrleute, Polizisten und SBB-Rettungskräfte, der erst nach mehreren Stunden enden sollte.

Mitten im dichtbesiedelten Wohngebiet beim Bahnhof Affoltern entgleiste an jenem Dienstagmorgen ein Güterzug mit zwanzig vollen Kesselwagen. Gemäss offiziellem Bericht der Berufsfeuerwehr Stadt Zürich habe einer der Wagen ein Radsatzlager verloren. In der Folge kamen sieben Waggons von der Schiene ab und kollidierten beim Bahnübergang Zehntenhausstrasse mit einem Betonmasten.

300'000 Liter Benzin entweichen

Aus den leckgeschlagenen Fahrzeugen entwichen gut 300'000 Liter Benzin. Die Wagen gingen sofort in Flammen auf – ob ein Kurzschlussfunken der Leitungen oder ein Funke der schleifenden Fahrzeuge zum Brand geführt haben, ist nicht bekannt. Der Kraftstoff floss auch ungehindert in die Kanalisation. Es kam zu mehreren Explosionen im Untergrund. Im Gebiet Zehntenhausstrasse und Unteraffoltern flogen die Kanaldeckel meterhoch in die Luft.

Ruedi Walther, heute Oberleutnant bei Schutz und Rettung Zürich, erinnert sich noch gut an den Anblick des Infernos. Der damals 38-Jährige hat das zweite Feuerwehrauto gelenkt, das am Unglücksort ankam. «Wir waren alle fassungslos beim Anblick des Brandes. Diese gewaltige Feuerwand, all der Rauch. In den 36 Jahren, seit ich bei der Berufsfeuerwehr arbeite, habe ich nie wieder so etwas erlebt.» Während des ganzen Einsatzes habe man zudem einen schrillen Pfeifton gehört. «Es war das Geräusch der Überdruckventile in den Zisternenwagen. Stundenlang war dieses Heulen zu hören. Ich werde diesen Ton nie vergessen.»

Rettungsfahrzeug von Barriere ausgebremst

Schon auf der Fahrt war ihm und seinen Kollegen bewusst, dass «etwas Gröberes» geschehen war: Die gigantische Rauchsäule war bereits von der Hardbrücke aus zu sehen. Die ersten Rettungskräfte waren um 8.20 Uhr vor Ort. Da die offizielle Anfahrt zum Bahnhof Affoltern aber von der Wehntaler- über die Zehntenhausstrasse führte, standen sie auf der falschen Seite der Geleise. Walther wurde daher während der Fahrt von der Zentrale angewiesen, eine andere Route zu nehmen, um direkt zum Brandort zu gelangen. «Aber wir standen plötzlich vor einer geschlossenen Barriere. Diese wurden nach dem Vorfall automatisch gesenkt. Also mussten wir sie zuerst zersägen, um weiterzukommen.»

Die drei am nächsten zum Unfallort stehenden Häuser standen beim Eintreffen der Feuerwehrleute bereits im Vollbrand. «Uns war klar, dass wir nichts mehr tun konnten», so Walther. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, ob alle Bewohner der Häuser in Sicherheit gebracht werden konnten. «Das wurde erst klar, als wir die Gebäuderuinen absuchen konnten – und das war erst nach Stunden möglich.»

«Natürlich hatten wir Angst»

Zunächst galt es jedoch, den Brand in einem weiteren Gebäude zu löschen und es zu halten. Die Hitze war so gewaltig, dass die Männer nicht wussten, wie sie dem Inferno Herr werden konnten. «Kühlen! Kühlen! Kühlen! Das war das oberste Ziel in den ersten Stunden», so Walther. «Natürlich hatten wir Angst. Vor allem, als sich die erste Explosion in der Kanalisation ereignete. Die Wucht der Detonation schleuderte Schachtdeckel bis zu 50 Meter in die Luft. Dann donnerten die 60 Kilogramm schweren Metallscheiben irgendwo wieder auf die Erde. Es war ein Wunder, dass niemand getroffen wurde.»

Eine der Explosionen im Untergrund war so heftig, dass die Erdbebenwarte Hönggerberg sie mit einem Ausschlag von 1,4 auf der Richterskala registrierte. Kurz vor neun Uhr flog der Deckel eines Kesselwagens weg. Der enorme Druck liess das entzündete Benzin minutenlang über 100 Meter in die Höhe schnellen.

Drei Verletzte – keine Toten

Um die Mittagszeit war das Feuer gelöscht. Um 22 Uhr konnte mit den Aufräumarbeiten am Schadensplatz begonnen werden. Drei Häuser waren komplett niedergebrannt. Ein viertes musste später abgerissen werden.

Drei Personen wurden beim Unglück verletzt. Eine Reiterin wurde von dem Trümmerteil aus einem Klärbecken so schwer getroffen, dass ihr Unterschenkel amputiert werden musste. «Wir waren im ersten Moment davon überzeugt, dass es Tote geben würde», so Walther. «Es war ein unglaubliches Glück, dass letztlich niemand ums Leben gekommen ist.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.03.2014, 15:49 Uhr

Brand Affoltern: Die Folgen für die SBB

1994 war ein Schicksalsjahr für die SBB. Damals ereignete sich nicht nur der Grossbrand in Affoltern, sondern auch ein Chemieunfall in Lausanne, bei dem ein mit Thionylchlorid gefüllter Zisternenwagen im Bahnhof umkippte. In Däniken (SO) kam es zu einem schweren Zugsunglück, bei dem neun Personen starben und 23 verletzt wurden. «Diese Ereignisse waren der eigentliche Auftakt zu einer Sicherheitskultur bei den SBB», sagt SBB-Konzernmediensprecher Christian Ginsig gegenüber Tagesanzeiger.ch.

In den vergangenen Jahren seien massivste Anstrengungen unternommen worden, um das System sicherer zu machen. Hierzu gehören neben umfassenden Schulungen des Personals, Sicherheitschecklisten an den Bahnhöfen und Dokumentationen der Risiken auch flächendeckende Zugskontrolleinrichtungen. «Es handelt sich dabei um elektronische Anlagen, die sämtliche Züge mit Gefahrgut auf entweichende Partikel hin überprüfen, heissgelaufene Räder an Wagen detektieren oder auch verschobene Ladungen auf Güterwagen detektieren», erklärt Ginsig. Netzweit sind weit über 100 solche Anlagen an strategischen Punkten installiert – «insbesondere an der Grenze und selbstverständlich überall dort, wo regelmässig Gefahrgut transportiert wird.»

Die SBB transportieren jährlich 15 Millionen Tonnen gefährliche Güter auf Schienen und nach dem Unglück vom Bahnhof Affoltern sind Zugskompositionen mit 20 Kesselwagen unterwegs. «Diese Transporte geschehen unter strengsten Sicherheitskontrollen. Sowohl Ladung als auch Zugskompositionen werden systematisch gecheckt», sagt Ginsig. «Somit ist der Transport von Gefahrgut auf der Schiene sicherer als auf der Strasse und macht daher auch Sinn.» (tif)

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