«Wir waren einfach zu übermütig»

Corine Mauch hält an ihrem Plan fest, den Strauhof in ein Schreiblabor umzuwandeln. Auch dann, wenn die ETH die Archive nicht an die Bärengasse zügelt.

"Dieser Ort eignet sich sehr gut für Schreibwerkshops": Corine Mauch über das Literaturmuseum Strauhof. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Sie haben im November 2013 zwei Projekte vorgestellt: die Umnutzung des Strauhofs als Schreibort für Jugendliche und die Neunutzung der Bärengasse als Literaturarchiv. Damit haben Sie die Schliessung des Literaturmuseums mit etwas verknüpft, was nicht spruchreif war.
Sie haben recht. Im Nachhinein müssen wir uns tatsächlich vorwerfen, dass wir gleichzeitig über zwei voneinander unabhängige Projekte informiert haben. Es handelte sich um eine zeitliche Koinzidenz: Die Gespräche über die Realisierung der Projekte am Strauhof einerseits und der Bärengasse andererseits liefen parallel, aber unabhängig voneinander.

Mit dieser voreiligen Ankündigung über die künftige Nutzung der Bärengasse wollten Sie sicher den Gegnern der Strauhof-Schliessung den Wind aus den Segeln nehmen.
Das nicht. Wir waren wohl einfach zu übermütig, weil wir Freude hatten an der Idee und an den Erfolg glaubten. Ein Fehler war sicherlich, dass wir die parallelen, aber doch unabhängigen Projekte Strauhof und Bärengasse in einem Atemzug präsentierten. So entstand der Eindruck, die Projekte Literaturlabor und Archivzentrum stünden in einem kausalen Zusammenhang miteinander. Dem ist nicht so.

Sie haben also zwei unabhängige Dinge in einen Kontext gestellt, die nichts miteinander zu tun haben.
Es geht bei beidem um Literatur. Aber wie gesagt, das war ein Fehler. Wir waren und sind hingegen nach wie vor überzeugt, dass ein Literaturarchiv-Zentrum, das selbstständig neben der Umnutzung des Strauhofs angedacht ist, eine gute Sache ist. Die Gespräche mit der ETH Zürich, die für das Max-Frisch- und das Thomas-Mann-Archiv eine neue Bleibe sucht und an einer Lösung an der Bärengasse interessiert ist, verliefen konstruktiv und gut.

Nach Ansicht von ETH-Vizepräsident Roman Boutellier ist die Bärengasse aber wegen Baumängeln für eine Nutzung als Archiv nicht geeignet.
Ich habe auch mit Herrn Boutellier gesprochen, und wir sind weiterhin im Gespräch. Die Entscheidung ist noch offen, die ETH prüft das Projekt.

Nun, wir gehen davon aus, dass die ETH ihre sensiblen Archive nicht an die Bärengasse zügeln wird. Stoppen Sie nun auch Ihr Strauhof-Projekt?
Nein. Da die Projekte, wie ausgeführt, unabhängig voneinander sind, hat der Ausgang der Verhandlungen über die Nutzung der Bärengasse keinen Einfluss auf die geplante Umnutzung des Strauhofs. Denn der Ausgangspunkt unserer Überlegungen, wie wir mit begrenzten Ressourcen Literaturförderung betreiben, war stets das Jull. Wir halten das Schreiblabor für Jugendliche für eine gute Sache und den Strauhof für den besten Ort.

Überrascht Sie der Widerstand der Bevölkerung gegen die Strauhof-Schliessung, der sich auch in 7000 Unterschriften äussert?
Überrascht hat mich vor allem die enorme Emotionalität der Reaktionen. Darin drückt sich eine starke Verbundenheit mit diesem Ort aus. Ich sehe in den teils heftigen Reaktionen aber auch eine gewisse Angst vor Verlusten und Veränderungen. Wir nehmen das ernst, haben mit Vertretern der Kulturszene gesprochen und sind offen.

Offen müsste heissen beweglich. Doch der Strauhof als Standort für das Jull ist ja nicht verhandelbar.
Lassen Sie mich dazu etwas Grundsätzliches sagen. Kulturpolitik muss auf eine Welt reagieren, die in ständiger Veränderung ist. Einfach nur das fortsetzen, was man lange gemacht hat, geht nicht. Durch die Pensionierung des Leitungsteams im Strauhof war so oder so ein Bruch gegeben, den wir zu einer neuen Akzentsetzung nutzen wollen.

Warum muss das Jull ausgerechnet in den Strauhof?
Das Jull steht für eine neue Form und eine zukunftsträchtige Entwicklung in der Literatur. Dort werden neue Kreise an die Sprache und ans Schreiben herangeführt, und auch die Autorinnen und Autoren, die mit diesen jungen Menschen arbeiten, profitieren davon. Es ist ein Labor nicht nur für die Literatur, sondern für die Gesellschaft. Und das wollen wir unterstützen. Bei der Entscheidung für das Jull handelt es sich um eine grundsätzliche kulturpolitische Entscheidung.

Noch einmal: Warum muss das Jull ausgerechnet in den Strauhof?
Weil sich dieser Ort sehr gut für Schreibworkshops eignet – und der übrigens, wie ich finde, räumlich gar nicht so ideal ist für Literaturausstellungen. Doch wir wollen, dass Literaturausstellungen weiterhin in Zürich stattfinden, aber nicht so, dass die Stadt selber sie ausrichtet.

Warum lassen Sie den Strauhof nicht als Literaturmuseum stehen und geben Jull an der Bärengasse eine Chance?
Das haben wir uns auch überlegt. Beides, Strauhof als Literaturmuseum in der bisherigen Form und Bärengasse als Schreibstätte, geht nicht. Die finanziellen Ressourcen der Stadt sind beschränkt. Wir können nicht mehr wie früher einfach auf das Bestehende draufpacken, was uns an neuen Projekten alles gefällt. Gute Kulturpolitik betreiben heisst auch: Entscheidungen fällen und auswählen. Wir rücken ja nicht von den Literaturausstellungen ab, sie sollen eben nur künftig von Dritten getragen in der Bärengasse stattfinden.

Damit entledigt sich die Stadt ihrer Verantwortung und überträgt sie einem Trägerverein, von dem noch nichts zu sehen ist.
Wir stehlen uns nicht aus der Verantwortung, sondern unterstützen den künftigen Trägerverein. Die Stadt muss nicht alles selber machen, wir fördern gern Initiativen und Netzwerke. Auch das ist auf gutem Weg. Die Anmeldefrist für den Ideenwettbewerb läuft bis 9. April, dann sehen wir weiter. Solche Prozesse brauchen wie die Prüfung der Bärengasse für Archivzwecke Zeit.

Kurz: Die Stadt beharrt auf ihren Plänen und zeigt keine Bewegung.
Das Strauhof-Komitee hat eine Petition eingereicht, die wird im Stadtrat in den nächsten Wochen behandelt, die Frist läuft bis Anfang Juni. Der Entscheidung des Stadtrats werde ich nicht vorgreifen. Aber natürlich befürworte ich unser Projekt weiterhin, weil ich es für spannend und sinnvoll halte.

Haben Sie für den Fall, dass sich die ETH zurückzieht, einen Plan B in der Schublade für die Bärengasse?
Wenn die ETH absagt, müssen wir uns für die Bärengasse – neben den vorgesehenen Literaturausstellungen – eine neue Nutzung überlegen. Ideen gibt es. Aber ich werde mich hüten, diese jetzt voreilig auszuposaunen, sonst könnten Sie mich wieder dafür kritisieren, zu frühzeitig Ideen in die Welt gesetzt zu haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2014, 23:33 Uhr

Corine Mauch ist Stadtpräsidentin von Zürich.

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