«Wir wollen die Hälfte der öffentlichen Parkplätze abbauen»

Zürich streitet über Parkplätze. Berns Verkehrsministerin Ursula Wyss (SP) erklärt ihre radikalen Velo-Massnahmen.

Sie will den Veloanteil am Gesamtverkehr stark erhöhen: Ursula Wyss, Berner Gemeinderätin (Exekutive). Foto: Beat Mathys

Sie will den Veloanteil am Gesamtverkehr stark erhöhen: Ursula Wyss, Berner Gemeinderätin (Exekutive). Foto: Beat Mathys

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Frau Wyss, die Zürcher SP bezeichnet die Velopolitik der Stadt Bern als vorbildlich. Was macht sie besser als Zürich?
Ich kenne die Zürcher Velopolitik zu wenig, um diese zu bewerten. Ich weiss aber, dass der verantwortliche Stadtrat Richard Wolff sich sehr starkmacht für ein sicheres Velofahren. Das ist – zusammen mit einer überzeugten Verwaltung – schon mal der Kern einer erfolgreichen Velopolitik.

Wie ist denn die Berner Herangehensweise?
In Bern haben wir einen pragmatischen Ansatz gewählt: Erstens haben wir uns ambitionierte, aber erreichbare Ziele gesetzt. Zweitens haben wir Messstationen aufgestellt, damit wir unseren Erfolg auch belegen können. Und drittens haben wir eine kleine, aber sichtbare Kampagne gestartet, dass Velofahren zum städtischen Alltag gehört und nichts mit Wettkampfsport zu tun hat. Ab da geht es nur noch um Infrastruktur, Infrastruktur und nochmals Infrastruktur.

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Sind Sie für den Abbau von Parkplätzen zugunsten von Velorouten?




Sie verantworten seit sechs Jahren die Verkehrspolitik der Hauptstadt. Was haben Sie erreicht?
Wir messen die Velofahrten stadtweit erst seit fünf Jahren. In dieser Zeit ist der Anteil von 11 auf 15 Prozent gewachsen.

In Zürich verdoppelte sich der Veloanteil von 2010 bis 2015, allerdings auf tieferem Niveau als Bern, nämlich von 6 auf 12 Prozent. Welchen Anteil am Gesamtverkehr peilen Sie an?
Das aktuelle Ziel liegt bei 20 Prozent. Allerdings gehen wir heute davon aus, dass es mit richtiger Infrastruktur eigentlich keine Argumente gegen noch deutlich höhere Anteile gibt. 30 oder 40 Prozent wie in anderen Ländern erscheinen uns auch für Bern möglich.

In Zürich hat sich die Zahl der Velounfälle seit 2011 mehr als verdoppelt. Wie sieht es in Bern aus?
Auch wir schaffen noch keine Reduktion der Unfälle. Die Zahl stieg im etwa gleichen Mass wie der Veloverkehr, also um rund 40 Prozent. Eine Reduktion werden alle Städte erst schaffen, wenn sie eine sichere Infrastruktur haben.

Warum?
In den letzten Jahrzehnten ist man in der Schweiz davon ausgegangen, dass das Velo auf die Strasse gehört und dass viele Velofahrende in den Städten den Verkehr von selbst beruhigen und somit sicherer machen. Diese Ansicht ist mittlerweile definitiv widerlegt. Damit Velofahren endlich wirklich sicher wird, brauchen wir wie in Holland oder Kopenhagen eine «dritte Infrastruktur» fürs Velo, die entweder sehr breit oder – besser noch – baulich abgetrennt ist vom motorisierten Verkehr und vom Trottoir.

In Zürich sind 1,5 Meter breite Velostreifen das höchste der Gefühle. Bern ist genauso kleinräumig, erstellt aber zahlreiche 2,5-Meter-Streifen. Wie schaffen Sie das?
Wir schaffen es leider bei weitem auch nicht überall. Aber bei hoher Verkehrsdichte schaffen wir die geforderte Sicherheit nur so oder mit Temporeduktion oder eben mit baulicher Abtrennung. Dafür müssen Prioritäten gesetzt werden. Wachsende Städte können ihre Mobilität nur mit flächeneffizientem Verkehr lösen.

«Da geht es dann
um die Aufhebung
von 50 bis 100 Parkplätzen
aufs Mal.»

Was bedeutet das?
Die Priorität muss dem ÖV, dem Velo, den Fussgängerinnen und Fussgängern gegeben werden. Bereits heute besitzen 57 Prozent der Berner Haushalte kein eigenes Auto mehr.

In Zürich sind es 53 Prozent. Wie viele Auto-Parkplätze haben Sie aufgehoben?
Das kann ich nicht genau sagen. Schwierig wird es ja vor allem dann, wenn entlang einer ganzen Strasse die Parkierung aufgehoben werden muss, damit eine durchgehende Veloinfrastruktur geschaffen werden kann. Das haben wir bisher erst an drei wirklich grossen und langen Strassen gemacht. Aber weitere stehen bevor. Da geht es dann um 50 bis 100 Parkplätze aufs Mal. Bis jetzt haben diese Massnahmen stets die Unterstützung des Quartiers gefunden, was mich sehr freut.

Haben Sie auch Auto-Fahrspuren abgebaut?
Ja, bisher allerdings noch eher zurückhaltend. In Bern ging der Autoverkehr in den letzten 10 Jahren um rund 17 Prozent zurück. Trotz dieses Rückgangs erreichen wir aber unsere Klimaziele bei weitem nicht. Bis 2025 will Bern seinen CO2-Ausstoss im Bereich Mobilität um 40 Prozent reduzieren. Bis 2035 wollen wir klimaneutral sein. Da sind spürbare Massnahmen unausweichlich.

«Die Leute wollen
Fortschritt, aber keine Veränderung.
Das ist überall so.»

Geht das politisch lautlos über die Bühne?
Nein! Die Leute wollen Fortschritt, aber keine Veränderung. Das ist überall so. Aber ein Zuwachs von 40 Prozent mehr Velofahrenden in fünf Jahren zeigt, wie viele Menschen die Massnahmen schätzen. Das hat ja auch die Bevölkerungsbefragung gezeigt, die Zürich, Bern und weitere Städte kürzlich zusammen gemacht haben: Unsere Bevölkerung ist mit einer rot-grünen Verkehrspolitik sehr zufrieden und erwartet, dass rasch weitere Infrastruktur fürs Velo entsteht.

Was sagt das Gewerbe zum Parkplatzabbau in der Innenstadt?
Da haben wir einen wesentlichen Kompromiss gefunden, der mit der Verlagerung der Anwohner-Parkplätze ins Parkhaus eine deutliche Entlastung bringt. Fürs Gewerbe übernehmen wir die Basler Lösung, die eine grosse Flexibilität mit sich bringt.

Was ist die Basler Lösung?
Mit speziellen Parkkarten dürfen Handwerker, Spitex, Ärzte etc. auch ausserhalb der Parkfelder parkieren, sofern sie den Verkehr nicht behindern.

«In den unterirdischen
Parkhäusern stehen
viele Parkplätze leer.»

Zürich kennt seit über 20 Jahren den sogenannten historischen Kompromiss, wonach unterirdische Autoparkplätze entstehen, wenn oberirdische abgebaut werden. Was halten Sie von dieser Lösung?
Das erscheint mir insoweit sinnvoll, als Parkplätze im öffentlichen Raum viel Platz für deutlich wichtigere und auch wertschöpfungsintensivere Nutzung wegnehmen. Bern hat im Rahmen der aktuellen Klimadiskussion entschieden, in den nächsten zehn Jahren die Hälfte der öffentlichen Parkplätze aufzuheben. In den unterirdischen Parkhäusern stehen viele Parkplätze leer.

Erstellt: 25.06.2019, 07:26 Uhr

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