Wissenschaft ohne Stallgeruch

Bei der Suche nach fähigen Wissenschaftlern sind patriotische Kriterien fehl am Platz.

Sollen die Unis die Besten auswählen oder die besten Schweizer? Foto: Keystone

Sollen die Unis die Besten auswählen oder die besten Schweizer? Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor zwei Jahren musste die Suche nach einem neuen Professor für den frei werdenden Lehrstuhl am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung in Zürich sistiert werden. Nachdem bekannt geworden war, dass man nur deutsche Bewerber eingeladen hatte, kam es zu so groben An­feindungen der Berufungskommission, dass ein geregeltes Verfahren un­möglich wurde. Nun hatte die Uni die Wahl zwischen einem Schweizer und einer Amerikanerin und hat sich wiederum für die Ausländerin und gegen den Stallgeruch entschieden.

Dies sei, so wurde an dieser Stelle argumentiert, politisch unverantwortlich. Denn erstens kenne nur der Schweizer Bewerber die hiesigen Medienlandschaft intim genug. Zweitens schiele die Universität mit der internationalen Berufung nur auf ihr eigenes internationales Ranking. Und drittens habe das Volk mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative ja deutlich gemacht, dass inländische Fachkräfte Ausländern vorzuziehen seien.

Führt man sich vor Augen, was Medienwissenschaft im 21. Jahrhundert bedeutet und was sie leisten muss, sind diese Argumente zu kurz gedacht. Da wird mit lokalen Besonderheiten der hiesigen Medienszene argumentiert, die nur der Schweizer habe. Doch erstens wurde genau dieser Aspekt im zweiten Stelleninserat zurückgestuft, und zweitens ist es ja gerade der Zweck der Forschung, sich unvoreingenommen ein möglichst genaues Bild von einem Gegenstand zu verschaffen.

Globale Strukturkrise

Letztlich ist es eine Frage der Ausrichtung des Lehrstuhls. Die wirklich grossen Umwälzungen, welche die Medienbranche zu bewältigen hat, liegen in der Strukturkrise, ausgelöst durch die Digitalisierung – globale Themen von weltweiter Bedeutung. Angesichts der gewaltigen Revolution, in der wir uns gerade befinden, wirken Fragen der Art, wie viele Qualitätsartikel die NZZ noch aufweisen kann, eher marginaler Natur.

Das zweite Argument, die Uni habe sich deshalb für die Amerikanerin entschieden, weil sie der Uni besseres Renommee bringe, tangiert zwar eine wichtige Frage: Soll sich der Wissenschaftsbetrieb von Inhalten und Ideen oder von quantitativen Überlegungen leiten lassen? Soll nur berücksichtigt werden, wer möglichst viel in möglichst kurzer Zeit, am liebsten im angelsächsischen Raum, publiziert? Das wäre genauso falsch, wie wenn jemand für seinen Pass belohnt wird. Aber hat die Findungskommission wirklich aufgrund von numerischen Überlegungen entschieden? Damit unterstellt man ihr, sie habe in den letzten zwei Jahren nichts anderes getan, als Fachzeitschriften auszuwerten, anstatt die Bewerber inhaltlich zu prüfen – was einer faktischen Grundlage entbehrt.

Zuletzt kann es nicht sein, dass die Universität bei der Berufung ihrer Professoren auf Nationalitäten, ja gar den Volkswillen Rücksicht nimmt. Wer freie Wissenschaft und exzellente Forschung will, muss dazu die besten Köpfe versammeln. Die Forderung, hiesigen Nachwuchs angemessen zu berücksichtigen, ist nur bedingt gerechtfertigt. Sie kann nicht bedeuten, dass nur noch Schweizer lehren, weil nur Schweizer die Schweiz richtig verstehen.

Ebenso liesse sich das Gegenteil behaupten: dass der Lokalbezug den Blick verstellt. Das wäre dann Wissenschaft mit Stallgeruch.

Erstellt: 23.06.2015, 23:01 Uhr

Artikel zum Thema

Uni Zürich handelt politisch unverantwortlich

Analyse Bei der Professorensuche ernennt die Uni eine Amerikanerin und lässt den wissenschaftlichen Nachwuchs aus der Schweiz warten. Mehr...

Uni Zürich will Privatdozenten abschaffen

Mit dem Recht auf eine Lehrveranstaltung pro Semester verlieren Privatdozenten ein sicheres finanzielles Standbein. Mehr...

Kopf-an-Kopf-Rennen um Medienprofessur

Amerikanerin oder Schweizer? Bei der Nachfolge von Medienprofessor Heinz Bonfadelli an der Universität Zürich sind zwei Kandidaturen in der engeren Auswahl, deren Profile sich stark unterscheiden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...