Wo Fleischerei-Spuren für prachtvolle Patina sorgen

In Zürich sind viele Metzgereien verschwunden. Ihre Überbleibsel prägen die Neunutzungen mit einem ungewöhnlichen Charme.

In der heutigen Buchhandlung Never Stop Reading in der Zürcher Altstadt sind die Schlachtspuren von einst noch sichtbar.

In der heutigen Buchhandlung Never Stop Reading in der Zürcher Altstadt sind die Schlachtspuren von einst noch sichtbar. Bild: Dominique Meienberg

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Stadtbild, Nr. 017 – Der Anblick irritiert und macht neugierig: Da hängen Bilder an weissen Kacheln, die von bräunlichen Flecken gezeichnet sind. Spuren von einst, als im Verkaufslokal Never Stop Reading in der Zürcher Altstadt nicht Kunst und Bücher feilgeboten wurden, sondern Tiere geschlachtet, Knochen zerteilt und Fleisch für die zahlreiche Kundschaft geschnitten (lesen Sie hier, wo Metzger in Zürich neben Fleisch noch Mittagsmenüs anbieten).

Bis vor 20 Jahren gehörten Metzgereien zu Zürichs Stadtbild wie Bäckereien und Molkereien. So bedauernswert der Verlust sein mag, die Stadt zehrt heute von ihm. Denn Metzgereien waren einst prachtvoll gebaute Geschäfte. Viele von ihnen wurden gegen Ende des 19 Jahrhunderts erstellt. Zuvor war es in der Stadt aus hygienischen Gründen untersagt, in privaten Metzgereien Fleischwaren anzubieten. 1866 eröffnete die Stadt dafür die Fleischhalle, Kalbshaxenmoschee genannt, wo heute das Café Rathaus steht. Im gleichen Jahr wurde der Fleischverkauf liberalisiert, die Halle 1962 abgebrochen. Die Fleischerei-Vergangenheit verleiht zahlreichen Lokalen in der Stadt Patina.

Die Fliesen in der Café-Bar Si O No sind von der früheren Metzgerei übrig geblieben. Foto: Dominique Meienberg

Bis in die 1990er-Jahre wurden etwa im Erdgeschoss des 1897 erstellten Blockrandbaus zwischen Anker- und Zweierstrasse Koteletts verkauft. Nach einer zwischenzeitlichen Ateliernutzung eröffnete 1998 die Café-Bar Si O No. Dass der Ort bis heute ein beliebter Treffpunkt für allerlei Publikum ist, verdankt er mitunter seiner fleischreichen Vergangenheit: südländisch anmutende Fliesen in dezenten Grau-, Blau-, Rot- und Goldtönen, für die Metzgerei verlegt. Mag sein, dass der Metzgermeister ein eingewanderter Spanier war. Heute zieren die Kacheln Bierdeckel sowie die hauseigenen Streichholzbriefchen.

Die grossen Fensterfronten weisen auch im Kafi Schnaps auf ein früheres Verkaufslokal hin und machen es zu einem attraktiven Ort für einen Kaffee. Der Boden ist ein Hingucker, wobei der Metzgermeister an der Kornhausstrasse 57 einen eher nüchternen Stil bevorzugte – eckige Formen in Grau, Schwarz und Weiss.

Auch äusserlich gaben die Metzgereien einst etwas her. Die Fassade des Hauses an der Spiegelgasse 16 ist verziert mit geschnitzten, goldfarbenen Blumen, die Metzgerbeile umranken. Dort betrieb Metzger Pius Ruff seit 1890 den Verkaufsraum seiner Metzgerei. Er mochte es üppig: Die Decke ist mit Fleischgelagen bemalt. Das Team von Thema Selection ist glücklich, solche Verkaufsräume für seine Mode zu haben. Nicht selten aber betreten Touristen ohne Kaufabsicht den Laden. Sie interessiert einzig die Legende über Lenin. Er soll sich einst über die Gerüche des Wursterei- und Schlachtbetriebs beklagt haben, weswegen er tagsüber die Fenster seiner kleinen Wohnung im Nebenhaus nicht öffnen konnte.

Am Geruch der Wurstwaren, die Metzger Pius Ruff in der Metzgerei an der Spiegelgasse 16 hinter der schmucken Fassade hergestellt hat, soll sich Lenin gestört haben. Foto: Dominique Meienberg

Dass an der Langstrasse, wo Klaus heute Partys organisiert, einst Würste verkauft wurden, dürften nur alteingesessene Heavy-Metal-Fans wissen. Die Partys in der Alten Metzg waren legendär. Auch hier gibt es eine bauliche Spur: die Kacheln an der Aussenfassade.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und die unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 06.02.2020, 11:14 Uhr

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