Wo Tagesschulen in Zürich unbeliebt sind

In einer Sekundarschule im Kreis 5 sind zwei von drei Kindern von der Tagesschule abgemeldet. Das überrascht selbst die Schulpräsidentin.

Wenn es in der Tagesschule Limmat A, wie hier in der Schule am Wasser, Hotdog zum Mittagessen gibt, wollen nur wenige Schülerinnen und Schüler den Mittag in der Schule verbringen.

Wenn es in der Tagesschule Limmat A, wie hier in der Schule am Wasser, Hotdog zum Mittagessen gibt, wollen nur wenige Schülerinnen und Schüler den Mittag in der Schule verbringen. Bild: Dominique Meienberg

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18 der 93 Schulen in der Stadt Zürich werden seit Anfang Schuljahr als Tagesschulen geführt. Drei davon sind Sekundarschulen. Jene am Albisriederplatz und in Leutschenbach waren bereits in der ersten Pilotphase ab 2016 dabei. Das Schulhaus Limmat beim ehemaligen Museum für Gestaltung kam Anfang Schuljahr hinzu – und erzielt bereits Rekordwerte.

Es verzeichnet weitaus am meisten Abmeldungen von der Tagesschule, was so viel heisst wie: Die Schülerinnen und Schüler wollen nicht fix drei Mittage an der Schule essen. Während die Quote an den beiden anderen Sekundarschulen bei 22,5 Prozent (Leutschenbach) und 28,6 Prozent (Albisriederplatz) liegt, haben sich im Schulhaus Limmat A knapp zwei Drittel der Schülerschaft vom Tagesschulangebot abgemeldet.

Mehr Abmeldungen in der Sek

Die Zahlen sind auf der Sekundarstufe tendenziell höher, weil sich da die Schülerinnen und Schüler schon selber verpflegen können. Auf der Primarschulstufe schwingt bezüglich Abmeldequote die Schule Schauenberg hinter der ETH Hönggerberg obenauf. Dort sind knapp 44 Prozent der Kinder von der Tagesschule abgemeldet.

In der Primarschule Limmat wiederum sind lediglich 7,4 Prozent der Kinder von der Tagesschule abgemeldet. Das geht aus der Auflistung der Stadt auf eine schriftliche Anfrage der grünen Gemeinderäte Balz Bürgisser und Muammer Kurtulmus hervor.

Rätseln über Gründe

Die Stadt hat für diese hohe Zahl keine Erklärungen. Die Bedingungen für die schulergänzende Betreuung vor der Einführung der Tagesschule 2025 seien die gleichen wie in den Sekundarschulen Albisriederplatz und Leutschenbach gewesen.

Auch Katrin Wüthrich, Präsidentin der Kreisschulpflege Limmattal, ist «erstaunt» über diese hohe Quote. Sie kann über die Gründe nur rätseln. «Wir hatten schon früher einen Mittagsclub, und der lief gut», sagt sie. Offensichtlich sei das etwas anderes gewesen, als sich nun für drei Mittage zu verpflichten.

«Wir nehmen die Kommunikation mit den Eltern und den Betreuungsbedarf unter die Lupe.»Stefanie Scholz,
Leitung Betreuung Schulhaus Limmat

Gleichzeitig relativiert Wüthrich die Zahlen. Im Schulhaus Limmat A werden pro Sekundarstufe lediglich zwei Jahrgänge geführt. Wegen der entsprechend geringeren Schülerzahl schlagen An- und Abmeldungen stärker zu Buche.

Stefanie Scholz, Leitung Betreuung im Limmat, ist derzeit daran, die Gründe für die hohe Zahl zu analysieren und Trends zu beobachten.«Wir nehmen die Kommunikation mit den Eltern und den Betreuungsbedarf unter die Lupe.» Abhängig von den Resultaten würden sie Massnahmen ergreifen. Trotz der Zahlen: Scholz bezeichnet den Einstieg in die Tagesschule als gelungen.

Breite Kurspalette

Das Angebot ist an sämtlichen 18 Schulen relativ einheitlich. Überall werden betreute Aufgabenstunden angeboten, die auch von der Tagesschule abgemeldete Schülerinnen und Schüler besuchen können.

Im Schulhaus Albisriederplatz sind die Stunden in den Tagesablauf integriert, in allen anderen Schulen finden sie vor dem Unterricht am Morgen oder nach dem Unterricht am Abend statt. Die Kinder beanspruchen die Stunde durchschnittlich zwischen 60 und 250 Minuten pro Woche.

Essen in der Schule: Ein Zürcher Tagesschüler geniesst seine Spaghetti. (Bild: Keystone)

Die pädagogischen Angebote variieren je nach Schule. Darunter sind Yoga-Kurse, kreative Computerexperimente, Schach, Young Engineers, Karaoke, Lego-Challenge-Kurs, Ballett, Brettspiele, Tennis, Comic, Capoeira und Schulgarten. Teilweise bieten Drittanbieter Kurse an, die kostenpflichtig sind. An einzelnen Schulen stammen diese von der Musikschule Konservatorium Zürich. Pausenplatz, Turnhalle und Bibliothek stehen über Mittag in allen Schulen offen.

Termin für Evaluation

Die Stadt will noch diesen Monat evaluieren, inwiefern die Pilotschulen die Ziele bezüglich Bildungsgerechtigkeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf erreicht haben. Sie wird erste Grundlagen für die Entscheidungsfindung der nächsten Projektphase liefern. Der Hauptbericht der Evaluation wird im November erscheinen.

In den nächsten drei Jahren werden zehn weitere Schulen ins Projekt Tagesschule 2025 einsteigen: 2020 die beiden Sekundarschulen Hans Asper und Riedtli sowie die Primarschulen Mattenhof, Scherr und Weinberg-Turner. 2021 folgen Dachslern-Feldblumen, Fluntern-Heubeeribüel, Gubel und Ilgen, 2022 das Freilager, das erst noch gebaut werden muss.

Erstellt: 18.01.2020, 17:00 Uhr

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