Wo Wagner liebte

Die Villa Schönberg im Zürcher Enge-Quartier hat eine schillernde Geschichte. Welche Schätze sich in den feudalen Räumen verbergen im 12. Teil der Serie «Was hinter verschlossenen Türen steckt».

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Der Weg zur Villa Schönberg führt einer Backsteinmauer mit eingelassenen Grotten entlang, in denen das Wasser leise über Moose und Tuffsteine tropft. Üppig wächst das Grün rundum, uralte Eiben und prächtige Wellingtonien zieren den Garten, und zu Füssen des Haupteingangs liegt ein perfekt geschnittener Rasen.

Doch nicht nur der Garten, in dem die Villa steht, ist atemberaubend schön. Auch im Innern des denkmalgeschützten Gebäudes verbergen sich einige Schätze. Anders als der Park ist die Villa selbst aber nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.

Seit 1978 gehört das Haus zum Ensemble des Museums Rietberg. Zunächst wurden die Räumlichkeiten für Ausstellungen genutzt, seit 1982 ist die Verwaltung des Museums dort untergebracht. «Es ist ein wahnsinnig schöner Arbeitsort. Da fällt es einem nicht schwer, auch mal Überstunden zu machen», sagt Katharina Epprecht, stellvertretende Direktorin des Museums, beim Öffnen der Türe zur Villa.

Vom Abbruchobjekt zum Bijou

Das war allerdings nicht immer so. Noch im Jahr 2000 war das Haus in einem schlimmen Zustand. Es war über und über mit Efeu bewachsen, das Innere war mit Aktenbergen überfüllt und das Dach undicht. «Wenn es regnete, lief das Wasser jeweils direkt in mein Büro hinein. Ich musste eine Plastikplane aufhängen, um die Bücher vor der Nässe zu schützen», schildert Albert Lutz, Direktor des Museums Rietberg, die damaligen Zustände. Von 2000 bis 2003 wurde die Villa schliesslich restauriert und erweitert – und erstrahlt nun in neuem Glanz.

Schon beim Betreten des Gebäudes wird man von eleganter Pracht umgeben: Der Boden ist mit Mosaiken verziert, die Decke mit bunten Ornamenten bemalt und die Wände mit edlen Hölzern getäfert. Im Erdgeschoss befinden sich auch der Salon und das Wohnzimmer, in dem die früheren Besitzer des Hauses ihre berühmten Gäste empfingen.

Hitler sammelte Geld, Wagner komponierte

Auch Ulrich Wille junior, Sohn des berühmten Schweizer Generals, lebte hier mit seiner Familie. Einmal pro Woche lud er Studenten in die Villa Schönberg zum Mittagstisch ein. «Einer der Gäste war Adolf Hitler», weiss Albert Lutz. «Er kam zusammen mit Rudolf Hess hierher, der in Zürich studierte. Hitler wollte hier Geld für seine Partei sammeln.»

Doch Hitler war nur kurz zu Gast auf dem «Gabler», wie das Grundstück heisst, auf dem sich auch die Villa Rieter befindet. Berühmtester Gast war der Komponist Richard Wagner, der von April 1857 bis August 1858 in dem Riegelhaus wohnte, das vor der Villa Schönberg auf dem Areal stand.

Wagner schrieb hier nicht nur grosse Teile von «Tristan und Isolde», er war auch von den drei wichtigsten Frauen seines Lebens umgeben: seiner damaligen Frau Minna, seiner Muse Mathilde Wesendonck und seiner späteren Frau Cosima. «Der Austausch mit Mathilde Wesendonck war sehr intensiv», so Lutz, «Wagner musste schliesslich Zürich verlassen, weil er sich so in Mathilde verliebt hatte.» Briefe, die Wagner an seine Geliebte schickte, zeugen von den Gefühlen, die er für sie hegte. «Die Briefe, die Mathilde an Wagner sandte, wurden allerdings von seiner damaligen Frau Minna verbrannt.» Die ungestüme Liebelei war damals Stadtgespräch von Zürich. Danach wurde es ruhiger auf dem Gabler.

Computer statt Betten

In die 1888 vollendete Villa Schönberg zog die Witwe Henriette Bodmer-Pestalozzi, die bis 1906 mit ihren Bediensteten dort lebte – und das auf grossem Fuss. Allein das Wohnzimmer im Erdgeschoss umfasst knapp 50 Quadratmeter. Das elterliche Schlafzimmer im 1. Obergeschoss ist rund 30 Quadratmeter gross und bietet einen herrlichen Blick über die ganze Stadt. «Hier wurden später die Enkel von General Wille geboren – und vermutlich auch gezeugt», so Albert Lutz. Im 2. Obergeschoss schliesslich befanden sich zahlreiche Kammern, in denen die Bediensteten des Hauses lebten.

Heute stehen in den ehemaligen Schlafzimmern der Villa die Computer der Museumsverwaltung. Das digitale Zeitalter hat auf subtile Art Einzug gehalten. Die Leitungen und Steckdosen sind im Sockel von Regalen eingebaut, um das Gesamtbild und die Bausubstanz nicht zu zerstören. «Die alten Wandverkleidungen wurden von Tapeten überdeckt, die sich leicht wieder abnehmen lassen, ohne die Originale zu beschädigen», erklärt Lutz. Alles in allem eine geglückte Sanierung, die der Schönheit des Hauses Rechnung trägt und es gemäss Lutz zu «einem der schönsten und elegantesten Verwaltungsgebäuden der Stadt Zürich» macht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.10.2011, 10:56 Uhr

Der Zugang zur Villa Schönberg

Die Serie

«Was steckt dahinter? Was liegt darunter?» Unter diesem Motto öffnet Tagesanzeiger.ch Türen, die allen anderen verschlossen bleiben, und blickt in Gewölbe, die sonst niemand zu sehen bekommt.

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In der Serie bereits erschienen sind:
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