Wo Zürich so viele Zweitwohnungen hat wie ein Ferienort

Erstmals zeigen Zahlen, in welchen Quartieren es wie viele kalte Betten hat. Und die teilweise hohen Anteile könnten Folgen haben.

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Die Altstadt links der Limmat ist auch ein Feriendorf. Zumindest was den Anteil an Zweitwohnungen betrifft. Er liegt bei 18,9 Prozent – gleich hoch wie in «richtigen» Ferienorten wie Vals GR oder Andermatt UR. Fast jede fünfte Wohnung in der Altstadt rund um den Lindenhof dient als Feriendomizil, steht leer oder wird an Kurzaufenthalter vermietet. Das ist Rekord in der Stadt, wie neue Auswertungen von Statistik Zürich zeigen. Die präzisen Daten sind einem neuen kantonalen Gesetz geschuldet; Mieter und Vermieter müssen melden, wer in welcher Wohnung lebt. Die Zahl der Zweitwohnungen ergibt sich aus dem Abgleich zwischen den Meldeinformationen und dem Einwohnerregister.

Altstadtromantik mit viel Platz: Blick vom Lindenhof auf die Quartierhäuser. (Bild: Urs Jaudas)

Der hohe Anteil an leer stehenden Wohnungen hat Auswirkungen auf das Leben im Quartier. «Für ein belebtes Viertel wäre es schön, wenn in diesen Wohnungen Menschen leben würden», sagt Quartiervereinspräsident Felix Bär. Er führt am Rennweg in der fünften Generation eine Metzgerei. Dass es der Altstadt an Bewohnern fehle, stelle er in seinem Geschäft fest. «Viele meiner Kunden kommen von auswärts.»

«Die meisten betrachten ihre Wohnung als Anlage»Peter Rothenhäusler, Präsident Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat

Auch rechts der Limmat, im Niederdorf, gibt es viele Zweitwohnungen. 240 zählt die Statistik, was 10,6 Prozent des Gesamtbestands ausmacht. Tote Strassenzüge, wie man sie in gewissen Bergdörfern vorfinde, gebe es zum Glück nicht, sagt Quartiervereinspräsident Peter Rothenhäusler. «Aber jeder, der hier lebt, kennt ein Haus mit leeren Wohnungen.» Man habe auch schon die betreffenden Eigentümer kontaktiert. «Die meisten betrachten ihre Wohnung als Anlage», sagt Rothenhäusler, «sie brauchen sie nur selten, etwa wenn sie für einen Opernbesuch in die Stadt kommen.» Entsprechend habe man niemanden zu einer Vermietung überreden können.

In der ganzen Stadt Zürich gibt es rund 7200 Zweitwohnungen. Das entspricht 3,3 Prozent aller 219'000 Wohnungen. Ebenfalls überdurchschnittlich hoch liegt der Zweitwohnungsanteil am See, am Zürichberg, im Kreis 4 und in Zürich-West. Gegen den Stadtrand hin nimmt er jeweils deutlich ab.

Airbnb und Apartments erschweren Erfassung

Lange scheiterten die Statistiker daran, die Zahl der Zürcher Zweitwohnungen zu erheben. Kürzlich ist es ihnen gelungen. Ganz präzis sei die jetzige Annäherung noch nicht, sagt Urs Rey von Statistik Stadt Zürich. Erschwerend kämen neue Phänomene dazu, die sich statistisch nur schwer erfassen lassen: Businessapartments und Wohnungen, die über die Onlineplattform Airbnb vergeben werden.

In Zürich gibt es laut den Angaben der Anbieter mindestens 2000 Businessapartments und über 3000 Airbnb-Schlafmöglichkeiten (Zimmer und ganze Wohnungen). Teils überschneiden sich die Angebote. Ob alle davon in der Statistik auftauchen, ist unklar.

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AL-Gemeinderat Niklaus Scherr glaubt zudem, dass die jetzige Zählung im Langstrassenquartier nicht alle irregulären Wohnformen erfasse. Dort gebe es viele Absteigen, hotelähnliche Angebote oder Businessapartments. «Mir scheint der Anteil höher als die fünf Prozent, welche die Statistik ausweist.»

Eine politische Zahl

Die Zweitwohnungsziffer ist mehr als eine Herausforderung für Statistiker. Die Zahl hat grosse politische Bedeutung. Die Linke stört sich schon länger an Zürcher Wohnungen, in denen keine Zürcher wohnen. «Sie schaden der Stadt», sagt Christine Seidler, SP-Gemeinderätin und Raumplanerin. Erstens entgingen Zürich so Steuereinnahmen. «Zweitwohnungsbesitzer profitieren von unserer Infrastruktur, zahlen aber nichts daran», sagt Seidler, «dabei könnte Zürich das Geld gut gebrauchen.» Zweitens blockierten Zweitwohnungsbesitzer Wohnraum, den Zürcher selber dringend brauchen würden. Durch die Verknappung des Angebots trügen sie auch dazu bei, dass die Mieten stiegen. Drittens könnten Zweitwohnungen zur Verödung führen. Ein lebendiges, dichtes Stadtquartier brauche Menschen, die sich am Leben beteiligten, sich auf der Strasse aufhielten, in den Quartierläden einkaufen.

Andere europäische Städte gehen entschieden gegen diese Entwicklung vor. Als ein Haupttreiber dafür gilt die Onlineplattform Airbnb, die Wohnungen oder Zimmer für Kurzaufenthalte vermittelt. So lässt sich viel Geld verdienen, weil die Tarife näher an Hotelpreisen liegen als an normalen Mieten. In zentralen Pariser Quartieren sind bis zu 17 Prozent aller Wohnungen auf Airbnb ausgeschrieben. Berlin zählte im April dieses Jahres 24'000 Ferienwohnungen, fast alle sammelten sich in wenigen Quartieren. Als Reaktion haben beide Städte die touristische Weitervermietung von Wohnungen stark eingeschränkt. Andere Metropolen wie New York, San Francisco oder Barcelona haben ähnliche Gesetze beschlossen.

«Noch nicht so schlimm wie in Paris oder Istanbul»Christine Seidler, SP-Gemeinderätin und Raumplanerin

Auch Zürich müsse bald handeln, findet Christine Seidler. «Die Situation ist noch nicht so schlimm wie in Paris oder Istanbul. Aber die Tendenz geht klar in diese Richtung.» Auch Niklaus Scherr glaubt, dass «abweichende Vermietungspraktiken» stark zunehmen werden.

Vor zwei Wochen haben SP, Grüne, GLP und AL den Stadtrat beauftragt, die Situation genauer zu untersuchen und Vorschläge zu machen, wie sich der Zweitwohnungsanteil steuern lasse. Ursprünglich verlangte die AL in einer Motion, Zweitwohnungen und Hotels nicht mehr dem Wohnanteil anzurechnen, sondern zur Gewerbefläche zu zählen. Dies würde ihre erlaubte Anzahl in Wohngebieten automatisch einschränken. Allerdings würde dieser Ansatz zu komplizierten Erhebungen führen. Deshalb fordern SP und AL nun die Prüfung anderer Massnahmen. Christine Seidler etwa sieht die Möglichkeit, dass Zürich eine Meldepflicht für Zweitwohnungen einführen, eine Steuer für diese erheben oder Untervermietungen für Tourismuszwecke untersagen könnte.

Bern treibt eine Zusatzsteuer ein

Gewisse Bergdörfer sind der Stadt Zürich in dieser Frage voraus. Sie kennen eine Meldepflicht für Zweitwohnungen und besteuern diese extra. Der Kanton Bern etwa hat seine Gemeinden kürzlich ermächtigt, eine Zusatzsteuer für Ferienhäuser einzutreiben.

Solche Massnahmen führen teils zu gehässigen Streitereien. So musste das Oberengadiner Dorf Silvaplana diesen März eine geplante Zweitwohnungsabgabe wieder streichen. Zuerst hatten die betroffenen Zweitwohnungsbesitzer bis vor Bundesgericht rekurriert. Als dieses die Zusatzsteuer für zulässig erklärte, traten die Ferienhausbesitzer in einen «Konsumstreik» und boykottierten das örtliche Gewerbe. Der Druck zeigte Wirkung.

Bürgerliche Politiker sehen in Zürich keinen Grund zum Handeln. «Auch wir haben ein Interesse, dass die Leute in Zürich wohnen», sagt FDP-Gemeinderat Michael Baumer. Doch der gesamtstädtische Anteil von 3,3 Prozent sei nicht dramatisch und rechtfertige keinen neuen Kontrollapparat. Und ein solcher liesse sich wohl nur mittels problematischer Datensammlungen umsetzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2016, 16:25 Uhr

Der lange Weg zu präzisen Zahlen

Erst durch das Wohnungs- und das ausgebaute Einwohnerregister kann die Stadt Zürich die Anzahl der Zweitwohnungen ermitteln.

Lange fehlte den Zürcher Statistikern die Grundlage, um die Anzahl der Zürcher Zweitwohnungen zu erheben. 2009 verlangte die damalige Gemeinderätin und heutige Nationalrätin Jacqueline Badran (SP) diese Zahlen. Doch die Statistiker konnten wenig ausrichten. Erst zwei neue Datenbanken haben die Auswertung ermöglicht: das Wohnungs- und das ausgebaute Einwohnerregister.

Früher erfasste die Schweizer Statistik nur die einzelnen Gebäude. Seit 2000 wird jede Wohnung samt Alter und Grösse registriert. Diese Datensammlung hat Statistik Stadt Zürich schon im Jahr 2008 vervollständigt.

Seit einigen Jahren müssen Zürcher beim Umziehen nicht nur ihre Adresse angeben. Sie sind zusätzlich verpflichtet mitzuteilen, in welcher Wohnung sie leben. Auch die Vermieter müssen dies melden. So schreibt es das kantonale Gesetz zum Meldewesen (Merg) vor, das seit Anfang Jahr gilt. Dadurch wissen die städtischen Einwohnerämter von allen angemeldeten Bewohnerinnen genau, in welcher Wohnung sie leben.

In 26'500 Zürcher Wohnungen ist niemand angemeldet

Die Statistiker können nun das Wohnungs- und das Einwohnerregister miteinander kurzschliessen. Der Abgleich ergab für diesen September: In 26'500 Zürcher Wohnungen war niemand angemeldet. Das entspricht 13 Prozent des Gesamtbestandes von 219'000.

Dies bedeutet aber nicht, dass es sich bei all diesen 26'500 um Zweitwohnungen handelt. Davon wegrechnen muss man alle Wochenaufenthalter, Studentenwohnungen, Wohnungen, die gerade umgebaut werden und verzögerte Anmeldungen. Dabei hilft die jährliche Leerwohnungszählung. In dieser befragt Statistik Stadt Zürich alle Verwaltungen nach den Ursachen ihrer Leerstände.

Künftig jährliche Auswertung

Nach all diesen Abzügen bleiben 7200 Wohnungen übrig, für die eine «Zweitwohnungsvermutung besteht», wie Urs Rey sagt. Künftig wird Statistik Stadt Zürich die Register jährlich auswerten, um nachzuverfolgen, wie sich die Zweitwohnungs-Ziffer entwickelt.

Dank den neuen Registern, die zur Erleichterung der Volkszählung geschaffen wurden, wissen die Behörden detailliert über die Belegung jeder Wohnung Bescheid. Der städtische Datenschützer Marcel Studer hält diese Kenntnisse für akzeptabel: «Die Register basieren auf demokratisch beschlossenen Gesetzen.» Problematisch könne es werden, wenn Behörden grosse Datensammlungen zusammenführten, etwa die Einwohner- mit den Steuerdaten. Eine solche ist laut Studer nur zu statistischen Zwecken zulässig, dabei liessen sich keine Rückschlüsse auf einzelne Menschen ziehen. (Tages-Anzeiger)

Der Lindenhof ist das Quartier mit dem höchsten Anteil an Zweitwohnungen: 18,9 Prozent. Foto: Urs Jaudas

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