Wo Zürich tatsächlich der Nabel der Welt ist

In der Abteilung Turicensia der Zentralbibliothek wird alles gesammelt, was seit 1800 veröffentlicht wurde und mit Stadt und Kanton zu tun hat.

Die urzürcherische Spezialabteilung Turicensia in der ZB erklärt von Leiterin Anita Gresele. Video: Lea Blum

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Im Internet gibt es das Darknet, in der Zentralbibliothek (ZB) die graue Literatur. Und diese ist unter der Signatur LK zu finden. Sie hat, wie das Darknet, in manchen Augen etwas Anrüchiges an sich. Doch während das Darknet in den Untergrund führt, haftet der grauen Literatur der Makel an, unwissenschaftlich zu sein. Die Signatur LK soll vom Begriff «Laubenkasten» hergeleitet sein; in der Laube stand früher das Plumpsklo.

Ob diese Geschichte wirklich stimmt, weiss Anita Gresele nicht. Was sie aber ganz genau weiss: Diese Art Literatur ist von grossem Wert für die Kulturgeschichte von Zürich. Zur grauen Literatur gehört, was nicht über den Buchhandel vertrieben wird: so etwa Vereinsnachrichten oder Jahresberichte von Unternehmen oder Flugblätter. Solche Schriften werden in der Zentralbibliothek gesammelt und aufbewahrt. «Eine kulturhistorische Fundgrube», sagt Anita Gresele.Sie ist die Leiterin der Abteilung Turicensia, in der alles gesammelt wird, was seit 1800 veröffentlicht wurde und mit Zürich zu tun hat. Der altehrwürdig anmutende Name täuscht: Die Turicensia ist die bei weitem jüngste Spezialsammlung der Zentralbibliothek – sie wurde erst 2013 ins Leben gerufen. Gleichzeitig aber geht sie zurück zu den Wurzeln der ZB, die vor hundert Jahren aus der Fusion der Stadt- und der Kantonsbibliothek entstand und sich seither als Gedächtnis des Kantons versteht.

Die Turicensia arbeitet eng mit den anderen fünf Spezialsammlungen zusammen, die ihrerseits ein besonderes Augenmerk auf das Zürcherische haben. Doch bei ihr ist Zürich der Nabel der Welt – per definitionem. Der Auftrag ist umfassend, die Abteilungsleiterin bezeichnet den Bestand als «Zürcher Kulturkosmos». Gesammelt und aufbewahrt wird, was Zürcher Autorinnen und Autoren veröffentlichen – dazu gehören auch Masterarbeiten, Dissertationen und Habilitationen, die an der Universität Zürich entstehen. In den von der Turicensia abgedeckten Zeitraum fällt aber auch das Werk Gottfried Kellers, der bis heute weit über den Germanistenkreis interessiert. Vor kurzem erschienen etwa Übersetzungen seiner Novellen «Romeo und Julia auf dem Dorfe» ins brasilianische Portugiesische – sie sind in der ZB greifbar. Auch seine Bibliothek samt Gemälde gehören zum Bestand der Turicensia.Gesammelt werden auch Zürcher Verlagspublikationen und natürlich alles, was in irgendeiner Form Zürich zum Inhalt hat. Dazu gehören nicht nur Schriften, sondern auch Karten, Filme, ja sogar Gesellschaftsspiele.

Der Stellvertreter liest Comics

Roberto Alliegro ist Anita Greseles Stellvertreter. Derzeit beschäftigt er sich mit dem Bestand an Comics und Graphic Novels. Er bereitet nämlich die nächste Ausstellung im Themenraum Turicensia, einem Ausstellungsraum der ZB, vor. Diese wird aufzeigen, wie Zürich in Cartoons dargestellt wird. «Ich bin sehr überrascht, wie oft Zürich dort Schauplatz ist», sagt der Historiker. Dies zeige einmal mehr, wie wichtig die Vermittlung sei. «Wir haben einen so breiten und oft überraschenden Bestand, dass wir diesen themenspezifisch präsentieren müssen.» Sonst gehe vieles unter. Alliegro, Gresele und das Team stellen zwei Ausstellungen pro Jahr zusammen, die einen kulturhistorischen Zugang zu Zürich bieten, der nicht einfach auf der Hand liegt: Das kann Kulinarisches sein wie «Hirsebrei, Hüppen & Hosenchnöpf» oder sich um den Kulturraum Zürichsee oder eben Zürich in Comics drehen.

«Das Verständnis, was eine Kantonsbibliothek leisten soll, hat sich stark gewandelt», sagt Anita Gresele, die neben Germanistik und Geschichte auch Europäische Volksliteratur studiert hat. «Auch grosse Bibliotheken verstehen sich nicht mehr nur als stille Orte für ein individuelles Studium, sondern auch als Begegnungs- und Erlebnisräume.» So gibt es im Lesesaal der ZB seit kurzem eine Turicensia Lounge, in der Literatur aller Gattungen über Zürich bereitsteht – und ein Touchscreen als interaktiver «Wühltisch». Hier gehe es darum, an die Anfänge und die Grundidee einer Bibliothek zu erinnern, sagt Gresele. «Bei uns kann man verweilen, lesen, blättern und stöbern.»

Eine Mail aus Sankt Petersburg

Der Zürcher Kulturkosmos ist mehr als Lokalgeschichte. Vor einiger Zeit erreichte Roberto Alliegro eine Mail aus Russland. Ein Professor aus St. Petersburg interessierte sich für das 2004 erschienene Buch «Himmelblau und Rosarot» der Zürcher Publizistin Verena Naegele, weil darin ein Text über die Kinderärztin Frieda von Semenoff zu finden ist. Diese war fast 30 Jahre lang am Inselhof tätig und die Schwester eines russischen Mikrobiologen, mit dem sich der Professor beschäftigte. Wie kam der Russe in seiner Studierstube in St. Petersburg auf diesen Beitrag?

Die Antwort lautet ZüBi – «Zürcher Bibliographie». Darin werden Publikationen über Zürich verzeichnet, und zwar äusserst breit. Ein Beispiel: Wir geben in der ZüBi das Stichwort «Silvester» ein und finden unter anderem Zeitungsartikel über die Hilari-Böögg-Verbrennung im Weinland und Silvesterbräuche in Wald, ein Neujahrsblatt zum Schulsilvester und eine Festschrift des Knabenvereins Kleinandelfingen namens «Böllerschüsse und Heiratsgeld».

Ein grosser Wandel steht an

Wie stossen die Turicensia-Mitarbeitenden auf solche Publikationen? Indem Roberto Alliegro eben nicht nur Comics, sondern auch den «Seemer Boten» liest. Er und weitere Mitarbeitende durchforsten täglich zahllose Presseerzeugnisse nach relevanten Zürcher Geschichten. Rund 1500 Zürcher Zeitungen und Zeitschriften hat die ZB abonniert, und die alten Ausgaben werden nicht zu Altpapier verschnürt, sondern sind säuberlich gebunden im Lesesaal einsehbar. Wer also wissen will, was etwa am 25. Mai 1996 in seiner Wohngemeinde passiert ist – abgesehen von der Geburt seines Kindes, wird hier fündig.

Kaum in Schwung gekommen, steht ein grosser Wandel an. «Die digitalen Medien sind für unsere Abteilung eine besondere Herausforderung», sagt Anita Gresele. Denn der Sammelanspruch «so umfassend wie möglich», der für Gedrucktes gilt, lässt sich nicht ohne weiteres auf Elektronisches übertragen. «Wegen der unüberschaubaren Flut an Autoren und Inhalten ist hier Mut zur Lücke nötig.» Dazu kommen urheberrechtliche und technische Fragen. Überdies fehlt eine geeignete Plattform für die E-Turicensia nach 1800.

«Wir konzentrieren uns daher im Moment darauf, Bestände, die kulturhistorisch von Interesse sind, zu digitalisieren», sagt Anita Gresele. Und auch die «Zürcher Bibliographie» soll möglichst bald vollständig im Netz abrufbar sein, dabei ist Linked Open Data ein Zukunftsprojekt. Bis es so weit ist, stöbern wir noch etwas weiter analog in der grauen Literatur. Wir möchten nämlich zu gerne erfahren, was die Kleinandelfinger Knaben für ihre Bräute bezahlten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2017, 23:02 Uhr

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