Wo Zürich tief blicken lässt

In einer Woche wird im Landesmuseum die permanente Ausstellung «Einfach Zürich» über Stadt und Kanton Zürich eröffnet. Ein erster Augenschein, der zum Schluss schwindlig macht.

So sieht das neue Museum über Zürich aus. Video: Wibbitz/Helene Arnet

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Martin Hellers Aussage scheint widersprüchlich: «Die Eckwerte dieser Ausstellung sind Reduktion und Vielfalt.» Heller ist als Ausstellungsmacher an der permanenten Ausstellung über Zürich im Landesmuseum beteiligt, von der bereits zehn Jahre die Rede ist. Sie wird am nächsten Samstag eröffnet. Was jetzt? Vielfalt oder Reduktion? Und das alles steht erst noch unter dem Motto «Einfach Zürich».

Reduktion: Nur gut 300 Quadratmeter gross ist die Ausstellung, sie bespielt drei Räume, die schnell durchschlendert sind. Allerdings kann man problemlos auch eine Stunde darin verbringen. «Der zur Verfügung stehende Raum führte gar nie in Versuchung, die Geschichte Zürich herkömmlich, also etwa komplett oder chronologisch darstellen zu wollen», sagt Staatsarchivar Beat Gnädinger, der den Kanton in der Steuerungsgruppe des Projektes vertritt. «Und doch hat, wer will, am Ende ein erstaunlich vollständiges Bild von dem, was unseren Kanton und die Stadt Zürich ausmacht.» Also doch Vielfalt?

Tösstal oder Lindenhof: ETH-Computerwissenschaftler zeigen uns Zürich, wie wir es noch nie gesehen haben. Foto: Reto Oeschger

Der erste Blick fällt auf den Böögg. Er winkt neckisch von einer Installation, an der das Zürcher Künstlertrio Mickry3 gerade arbeitet. Sie vereinen spielerisch das, was für sie Zürich ausmacht; dies führt etwa zur reizvollen Nachbarschaft von Felix und Regula mit Fischli/Weiss. Während aus dem hinteren Raum ein ohrenbetäubendes Bohrgeräusch davon zeugt, dass wir noch auf einer Baustelle stehen, spricht Heller passend von «Tiefenbohrungen in die Zürcher Geschichte». Will heissen: Man sticht irgendwo hinein und schaut, was darunter liegt. Das wird tatsächlich passieren, doch verweilen wir noch kurz im ersten Raum.

Clips über Gemeinden

Auf zwanzig Bildschirmen stellen sich zwanzig Gemeinden oder Stadtkreise in 30-Sekunden-Clips vor. Es sind keine Werbespots, sondern Kürzestgeschichten, die einen Aspekt des jeweiligen Ortes aufzeigen – Reduktion! Da sieht man etwa eine Seniorengruppe aus Seebach, die hobbymässig Bäume fällt, wir erfahren, weshalb Bruno Schlatter in Rüschlikon gut schläft und dass sich in Steinmaur tatsächlich Fuchs und Hase gute Nacht sagen – wenn sie dazu animiert werden. Wir bekommen zwanzig Puzzleteile, die zwar nicht nahtlos zusammenpassen, doch andere werden im Lauf der Zeit dazukommen – Vielfalt.

Nun wird auch eine Interpretation des Slogans «Einfach Zürich» ausgedeutscht: Seebach, Rüschlikon, Steinmaur ... sie sind zwar ganz eigen und gleichzeitig einfach Zürich.

Im zweiten Raum manifestiert sich die Formsprache der Ausstellungsmacher von Holzer Kobler Architekten, die bereits zwei Dauerausstellungen für das Landesmuseum realisiert haben. Projektleiterin ist Simone Haar. Ein grosser Kubus beinhaltet hundert verschieden grosse, mit pastellfarbenem Licht versehene Vitrinen. Darin sind Objekte ausgestellt, die für Bereiche der Zürcher Kulturgeschichte stehen: Eine Zwinglistatue für die Reformation. Daumenschrauben für die Hexenverfolgungen. Das ist wieder Reduktion.

Doch sind die sechzig Objekte gewissermassen Initialen von sechzig Kapiteln Zürcher Geschichte: Eine Sirene aus der psychiatrischen Klinik Rheinau verweist auf die Rolle, die Zürich in der Psychiatriegeschichte spielte. Die Sirene heulte jeweils, wenn ein Patient unerlaubt das Weite suchte. Ein wertvoller Tafelaufsatz repräsentiert das patrizische Zürich, eine Spritze ... da weiss wohl jeder Zürcher und jede Zürcherin, worauf sie verweist. Beim Betrachten entsteht wieder Vielfalt, oft sogar auf zwei Ebenen: So sind Platzspitz und Letten glücklicherweise Geschichte, doch werden dadurch individuelle Bilder im Kopf abgerufen. So geht Geschichte unter die Haut.

Auf Monitoren wird bildstark und mit wenigen Worten die Geschichte zu den Objekten erzählt. Manchmal sind es auch Geschichten: vom Kleinen zum Grossen, aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart, manchmal auch etwas assoziativ. Doch es funktioniert. So erinnert etwa eine kleine orange Plastikfigur namens Shoppi daran, wie einst ganz Zürich zum Einkaufen nach Spreitenbach ins erste Shoppingcenter der Schweiz strömte. Doch zog es einst Zürcher Paare auch aus einem anderen Grund dorthin: In Zürich war das Konkubinat bis 1972 verboten, im Kanton Aargau sah man das nicht so eng.

Raum für mehr Geschichte

In einigen Vitrinen flackert das Licht, manche Monitore sind noch schwarz, eine ganze Anzahl der Vitrinen sind noch leer. «Wir sind noch nicht ganz fertig», sagt Simone Haar. «Doch die freien Vitrinen sind Teil des Konzepts.» So wie die Geschichte sich immer fortschreibt, ist auch diese Ausstellung nie zu Ende. Der Verein, der sie kuratieren wird, will auch eine Plattform für die zahlreichen Einrichtungen in Stadt und Kanton sein, die sich mit Geschichte beschäftigen. Voraussetzung: einfach Zürich.

Durch die Wand schauen

Der letzte Raum ist schwindelerregend – auch, aber nicht nur im wahrsten Sinn des Wortes: Computerwissenschaftler der ETH Zürich haben hier mit einem fotografischen Verfahren, das bisher fast ausschliesslich bei Vermessungen zum Einsatz kam, eine faszinierende filmische Annäherung an vier geschichtsträchtige Orte realisiert.

Diese Punktwolken-Technologie, verschränkt mit Filmaufnahmen, erlaubt, dass wir in einer Textilfabrik im Tösstal durch Wände sehen, im Zürichsee abtauchen oder beim Aufstieg zum Lindenhof gleichzeitig ins Kastell oder die Parkgarage Urania absteigen. Veritable Tiefenbohrungen. So hat man Zürich noch nie gesehen. So sollte man Zürich unbedingt einmal sehen. Hier ist Zürich grandios – einfach Zürich, finden da wohl die Zürcherinnen und Zürcher.

«Einfach Zürich», im Landesmuseum ab 2. Februar, Eintritt kostenlos. www.einfachzuerich.ch

Erstellt: 25.01.2019, 20:08 Uhr

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