Wo die Ewigkeit beginnt

Im Krematorium Sihlfeld können Angehörige von ihren Verstorbenen Abschied nehmen. Was bis zur Aufbahrung geschieht und was es mit dem sogenannten Kühlsee auf sich hat im 4. Teil unserer Serie «Was hinter verschlossenen Türen steckt».

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Es ist kühl im Raum C der Aufbahrungshalle Sihlfeld. Kühl, aber nicht kalt. An der Wand brennt eine Kerze, ein Stuhl steht in der Ecke, daneben eine Box mit Taschentüchern. In der Mitte des Raumes ist ein viereckiger Kasten aufgebaut, ein sogenannter Katafalk, darin liegt ein Sarg aus hellem Holz.

Hier drinnen, mitten im lebhaften Kreis 3, können Hinterbliebene von ihren Verstorbenen Abschied nehmen. Hier herrscht absolute Ruhe – Totenstille. Es ist aber kein Raum, aus dem man so schnell wie möglich wieder hinaus will. Die Wände sind hell, das Tageslicht dringt durch Fenster an der Decke herein. Es hat keine finsteren, unheimlichen Ecken.

Vertrauen im Moment des Schmerzes

Der Deckel des Sarges ist zu. «Normalerweise nehmen wir den Deckel des Sarges ab», erklärt Bestatter Rolf Gyger. «Die Angehörigen sollen die Möglichkeit haben, die Verstorbenen zu berühren. Sie sollen ihnen nahe sein.»

Seit 30 Jahren ist Gyger als Bestatter für die Stadt Zürich tätig. «Es ist eine der wertvollsten Aufgaben, die es gibt», sagt er. «Wir helfen den Hinterbliebenen dabei, in Ruhe und Würde Abschied von ihren Lieben zu nehmen.» Dazu brauche es ein grosses Herz, viel Feingefühl und Anteilnahme. «Menschen sind im Moment des Todes oft hilflos und verloren – manchmal auch wütend. Wir müssen auf diese Gefühle eingehen und in möglichst kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen.»

Auch auf die unterschiedlichsten Wünsche der Hinterbliebenen müssen die Bestatter eingehen. So komme es beispielsweise in gewissen Kulturen vor, dass ganze Familien gemeinsam zum Friedhof Sihlfeld kommen und bei ihren Verstorbenen sogar essen. «Für solche Momente steht uns ein grösserer Aufbahrungsraum zur Verfügung», erklärt Gyger und öffnet die nächste Türe.

Aufbahrung ist auch zu Hause möglich

Ein süsslicher Geruch erfüllt den Raum. «Der Duft der Verwesung», sagt Gyger. «Dieser Verstorbene war bei seinem Tod bereits schwer krank. Die körperliche Zersetzung beginnt dann schneller.» Doch selbst dann sei eine längere Aufbahrung möglich. «In einem solchen Fall können wir die Verstorbenen in einen Tiefkühlraum bei minus 20 Grad bringen, bis die Angehörigen zu uns kommen und ihn sehen möchten.»

Man stehe in ständigem Kontakt mit den Hinterbliebenen, um gemeinsam zu entscheiden, wie lange die Aufbahrung noch dauern soll. Zwischen den Besuchen werden die Särge in den sogenannten Kühlsee, einen unterirdischen Kühlraum, gebracht. Dort liegt die Temperatur bei circa 8 Grad. Auch eine Aufbahrung zu Hause sei möglich, so Gyger. «Wir haben Kühlmatten, die wir unter die Verstorbenen legen können.»

Besuch der Toten in der Nacht

Die Bestatter sorgen dafür, dass die Menschen nach ihrem Ableben so hergerichtet werden, dass ihre Hinterbliebenen sie ansehen und betrauern können. «Sie sollen so aussehen, wie sie den Leuten in Erinnerung waren. Die Zeiten, in denen man Verstorbene mit Tüchern bandagiert und in Leichengewänder gesteckt hat, die nichts mit ihrem früheren Leben zu tun hatten, sind zum Glück vorbei», betont Gyger.

Gyger und seine Arbeitskollegen – es sind derzeit ausschliesslich Männer – tun alles dafür, dass die Hinterbliebenen beim Abschiednehmen nicht gestört werden. «Es ist wichtig, sich dafür Zeit zu nehmen», betont Gyger, «es ist ein Moment, der nie mehr wiederkommt.» Wer die Stille der Nacht für diesen intimen Augenblick benötigt, kann einen Schlüssel zum jeweiligen Aufbahrungsraum verlangen. Unheimlich sei das in keiner Weise, meint Gyger. «Ich habe jedenfalls keine Angst vor den Toten. Nur vor den Lebenden – manchmal.»

Erstellt: 22.08.2011, 11:36 Uhr

Das Krematorium Sihlfeld D

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