Wo die Kirche politisch Farbe bekennt

In der Geschichte der reformierten Kirche Offener St. Jakob hat der soziale Einsatz für die Schwächsten Tradition. Derzeit bietet sie kurdischen Aktivisten Asyl.

Pfarrerin Verena Mühlethaler vor dem kurdischen Informationsstand am Stauffacher. Foto: Doris Fanconi

Pfarrerin Verena Mühlethaler vor dem kurdischen Informationsstand am Stauffacher. Foto: Doris Fanconi

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Für drei Tage haben Kurdinnen ihr weisses Zelt vor der Kirche St. Jakob aufgestellt. Dort rufen sie zur Solidarität mit ihren Brüdern und Schwestern auf, die in Kobane seit Wochen verzweifelt gegen die Jihadisten des IS kämpfen. Zuerst hatten die Kurden auf der Rathausbrücke protestiert. Dort wurden sie von der Polizei weggewiesen – die umliegenden Geschäfte hatten reklamiert.

Vor der Tramhaltestelle beim Stauffacher sind solche Aktionen fast alltäglich. Das Gelände der Kirche Offener St. Jakob steht allen offen – auch politischen Aktivisten und Flüchtlingen. Pfarrerin Ve­rena Mühlethaler zitiert aus dem Leitbild der Kirche Offener St. Jakob: «Wir stehen für Menschen in Not ein, besonders für Fremde, Verfolgte und Entrechtete.»

Vor der reformierten Kirche am Stauffacher sind politische Aktionen nicht nur geduldet, sie haben auch ein grosses Publikum. Rund 60 000 Menschen steigen hier täglich aus, ein und um. Wer diese Bühne benützen darf, entscheidet die Pfarrerin gemeinsam mit der Kirchenpflege. Verfolgte Syrer orientierten hier über die Not in ihrer Heimat. Sans-Papiers machten auf ihre Situation aufmerksam. Hausbesetzer spannten ihre Protestbänder gegen Spekulanten auf, und Occupy Paradeplatz kritisierte die Allmacht der Banken.

Das linke Engagement hat in dieser Kirche Tradition. Verena Mühlethaler erinnert an Paul Pflüger. «Er war der erste rote Pfarrer in Aussersihl.» Pflüger stand um 1900 auf der Kanzel der Kirche St. Jakob. In die Geschichte ging er ein, weil er den Pfarrerberuf aufgab, der SP beitrat und als Stadtrat und später Nationalrat für soziale Gerechtigkeit und gegen Wohnungsnot kämpfte.

Pflügers sozialer Gedanke hat Anselm Burr ins 21. Jahrhundert gerettet. Mühlethalers Vorgänger hat das Gotteshaus geöffnet, sowohl physisch als auch im übertragenen Sinne. Mit Partys, Tier-gottesdiensten und Aufführungen von umstrittenen Filmen versuchte er, den Ort einer breiteren Bevölkerung zugänglich zu machen. Auch er setzte politisch Zeichen. Mehrmals fanden abgewiesene Asylbewerber in seinem Gotteshaus ­Unterschlupf.

Nur wenige neue Junge

Dieser Tradition fühlt sich auch Verena Mühlethaler verpflichtet. Sie ist im Vorstand des Solidaritätsnetzes Zürich. ­Jeden Freitagmorgen gibt es im Kirch­gemeindehaus St. Jakob Deutschstunden und Mittagessen für Flüchtlinge. «Es ist mir ein Anliegen, diesen Menschen zu helfen», sagt Mühlethaler. «Viele, die mit der Nothilfe kaum überleben können, erfahren bei uns ein Stück menschliche Würde.» Der Einsatz für die Schwächsten ist für die Frau mit holländischen Wurzeln mehr als christliche Nächstenliebe. «In meinem Leben hatte ich Glück», sagt sie. «Ich bin in einer guten Familie aufgewachsen, die mir alle Möglichkeiten offen liess.» Davon möchte Mühlethaler etwas weitergeben, vor allem an Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Die Pfarrerin sagt, sie sei ein politisch interessierter Mensch. Einer Partei würde sie aber nie beitreten: «Mir wären parteipolitische Grenzen zu eng.» Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie ihre Aktionen auch politisch versteht. Zum Beispiel stört sie sich daran, dass die SVP Migranten und Flüchtlinge immer in die Rolle des Sündenbocks drängt und damit Ängste schürt. «Dabei haben doch viele aktuelle Probleme unserer Gesellschaft mit der Gnadenlosigkeit des Kapitalismus zu tun.»

Landeskirche gewährt Freiraum

Auch wenn sich die Zürcher inzwischen an die Polit-Aktionen am Stauffacher gewöhnt haben, lösen diese oft kontroverse Reaktionen aus. Besonders stark war dies bei Occupy Paradeplatz der Fall. Die Benutzung des Kirchenraums durch die Aktivisten 2011 sorgte für Aufregung. Dennoch: «Ich habe viermal mehr positive als negative Mails erhalten», sagt Mühlethaler. Auf die Anzahl der Kirchenmitglieder haben die Aktionen keinen messbaren Einfluss. «Die Ein- und Austritte schwanken. Neue Junge konnte ich nur wenige gewinnen.»

Hannes Lindenmeier ist nach 40 Jahren in die Kirche zurückgekehrt. Ihn überzeugte die Aktion für die Sans-Papiers, die in der Predigerkirche für ihre Rechte kämpften. Als sie diese verlassen mussten, wurden sie im St. Jakob als Gäste empfangen. Heute ist Lindenmeier Präsident der Kirchgemeinde. Er sagt, die Gemeinde stehe voll und ganz hinter der Pfarrerin. Ebenso die reformierte Landeskirche, sagt deren Sprecher Philipp Dätwyler: «Der Offene St. Jakob hat mit seinem Profil andere Zielgruppen als die klassische Kirchgemeinde. Dadurch hat er einen grossen Freiraum.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2014, 20:09 Uhr

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