Wo einsame Menschen weniger allein sind

Das Solino steht in Zürich an den Wochenenden all jenen offen, die Gesellschaft suchen.

Viele der Stammgäste im Solino sind der Betreuerin Miep Spelbrink (Mitte) ans Herz gewachsen. Foto: Reto Oeschger

Viele der Stammgäste im Solino sind der Betreuerin Miep Spelbrink (Mitte) ans Herz gewachsen. Foto: Reto Oeschger

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Einsamkeit ist keine Frage des Alters, davon ist Miep Spelbrink fest überzeugt. Der Kontakt zu anderen Menschen sei in jeder Lebensphase wichtig. «Man soll sich möglichst oft treffen mit Freunden, Bekannten oder Nachbarn, in einem Verein mitmachen, sich engagieren oder einen Kurs besuchen.» Spelbrink arbeitet als eine von insgesamt 32 Freiwilligen im Solino. Das Solino am Schanzengraben 15 ist ein Treffpunkt, der an Wochenenden für einsame Menschen in der Stadt Zürich offensteht. Hinter dem Angebot, das es seit 23 Jahren gibt, stehen die Institutionen Dargebotene Hand, Katholischer Frauenbund Zürich, Pro Senectute, das Blaue Kreuz und das Sozialdepartement der Stadt Zürich.

Im Solino geht es offen und unkompliziert zu und her. «Wir wollen von unseren Gästen nur den Vornamen wissen, das gehört zu unserem Konzept», sagt Marianne Müller, die den Treffpunkt seit 13 Jahren leitet. Man sei nicht eine Beratungsstelle, und es würden auch keine therapeutischen oder erzieherische Ziele verfolgt. Das Solino, sagt Müller, sei vielmehr eine Anlaufstelle, wo sich Menschen träfen, die allein seien. «Wir reden mit unseren Gästen über alltägliche Dinge, aber wir lassen sie auch in Ruhe, falls sie dies wünschen.» Anonymität wird hier grossgeschrieben. Der Konsum von Alkohol oder Drogen ist verboten, Essen wird keines serviert, es gibt Getränke und Snacks, auf den Tischen stehen Wasserkrüge.

Die Gäste können im Solino Gespräche führen, mit Gleichgesinnten spielen, Zeitung lesen, diskutieren oder einfach anwesend sein. Müller: «Bei uns kann man kommen und gehen, wann man will.» Der Treff ist jeweils am Samstag und am Sonntag sowie an allen Feiertagen von 13 bis 20 Uhr geöffnet.

Soziale Isolation überwinden

Miep Spelbrink arbeitet seit zehn Jahren als Freiwillige im Solino. Die 74-Jährige ist Holländerin und vor 50 Jahren in die Schweiz gezogen. Soziales Engagement ist ihr wichtig. 25 Jahre lang war sie beispielsweise für die Spitex tätig. «Die Arbeit als Gastgeberin im Solino macht mir Spass, zudem habe ich gern Kontakt mit anderen Menschen», sagt sie. Das Solino sei eine gute Einrichtung, um die soziale Isolation zu überwinden.

In den zehn Jahren ihrer Tätigkeit hat sie manches gesehen. Es gebe viele Gründe, warum Menschen in Zürich einsam seien und aus dem sozialen Netz herausfielen. Sie zählt die Stichworte auf: familiäre Konflikte, Partnerverlust durch Scheidung oder Tod. Aber es können auch gesundheitliche Probleme sein. «Zunehmend treibt auch die Arbeitslosigkeit die Leute in die Einsamkeit», sagt Spelbrink.

Gross ist das Solino nicht. Das Bistro bildet den Hauptraum, dazu kommt als zweiter Raum ein Spielzimmer. Viele der Stammgäste sind Spelbrink, die zweimal pro Monat im Einsatz ist, ans Herz gewachsen. «Natürlich kommen auch Jüngere, aber es sind hauptsächlich Leute zwischen 50 und 60 Jahren.»

Steigende Besucherzahlen

Seit 2005 haben die Besucherzahlen laut Projektleiterin Marianne Müller kontinuierlich zugenommen. «Heute wird das Solino an den Wochenenden von durchschnittlich 30 Personen besucht.» Nicht immer ganz einfach sei die Finanzierung des Betriebs, der 100 000 Franken pro Jahr kostet. Der Betrag wird zu zwei Dritteln durch Spenden finanziert, ein Drittel steuert die Stadt Zürich bei.

Müller verhehlt nicht, dass die Finanzierung von Jahr zu Jahr schwieriger wird. Darum bewirbt sich der Treffpunkt beim Spendenparlament. Für Miep Spelbrink ist klar: «Wir unternehmen alles, damit der Treffpunkt nicht eines Tages wegen mangelnder Finanzen geschlossen wird.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 22:18 Uhr

Spendenparlament

500 Franken für die Integration

Das Zürcher Spendenparlament (ZSP) unterstützt soziale und kulturelle Projekte, die der Integration dienen. Die Mitgliedschaft beim ZSP kostet für Privatpersonen jährlich 500 und für juristische Personen 2500 Franken. Der «Tages-Anzeiger» unterstützt das ZSP im Rahmen einer Medienpartnerschaft. Nächste Sitzung: Donnerstag, 13. November, 17.45 Uhr, Rathaus, Limmatquai 61. (TA)
www.spendenparlament.ch

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