Wo in Zürich die meisten Abfallsünder leben

Eine Auswertung von 12'000 Meldungen über die App «Züri wie neu» zeigt, wo Müll auf der Strasse gemeldet wird.

Der gesamte Abfall auf einen Blick: Abgebildet sind alle Meldungen in der Kategorie Abfall/Sammelstelle von März 2013 bis Oktober 2017. Quelle: ZueriWieNeu.ch


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«Illegale Abfallentsorgung!», schreibt ein Nutzer von «Züri wie neu» am 3. November und veröffentlicht das Bild alter Audiokassetten und kistenweise Bücher, die im Gras an der Ecke Wuhrstrasse/­Erlachstrasse liegen gelassen wurden. Wenige Stunden zuvor publizierte ein anderer Nutzer den Hinweis: «Sperrgut auf dem Trottoir Gutstrasse 20.» Dazu gibt es das Bild eines auseinandergebrochenen Röhrenfernsehers. Aus dem Gerät ragen wild wuchernde Kabel.

Wer sich durch die Nutzermeldungen des städtischen Onlinedienstes «Züri wie neu» klickt, erhält ein schmuddeliges Bild der Stadt Zürich. Eines, das nicht der picobello sauberen Schweiz entspricht. Die App erlaubt es Einwohnerinnen und Einwohnern seit 2013, Mängel an der städtischen Infrastruktur zu melden.

Die Auswertung der fast 12'000 Meldungen besorgter Bürger bestätigt die Vermutung: Zum Thema Abfall wurden seit der Lancierung der App noch nie so viele Klagen erfasst wie heute. Bis Ende Jahr werden knapp 1000 zusammenkommen. Im Startjahr 2013 waren es noch 638. Vor drei Jahren ärgerten sich die App-Nutzer am meisten über den Zustand der Strasse. Über 40 Prozent der Meldungen betrafen rutschige Bordsteine für Velofahrer oder Schlaglöcher. Heute betreffen die Strassenmeldungen nur jede fünfte Nachricht – jeder dritte Hinweis hingegen bezieht sich auf den Abfall.

Am grössten ist der Ärger in Aussersihl. Seit 2013 zählt der Kreis 4 pro Quadratkilometer 146 Abfallmeldungen. Gefolgt vom Kreis 1 mit 131 Meldungen und dem Kreis 5 mit 124 Meldungen pro Quadratkilometer. Am anderen Ende der Skala sind die Kreise 7 und 12; sie zählen beide 15 Abfallmeldungen pro Quadratkilometer.

«Freuen uns über rege Nutzung»

Interessant ist die Suche nach dem Begriff «illegal entsorgt» in den Kommentaren der Nutzer. Sie zeigt, dass die gemeldeten Abfallberge gewissermassen von Quartierstrasse zu Quartierstrasse wandern. Ende 2016 kamen zum Beispiel entlang der Manessestrasse viele Hinweise auf Sperrgut oder falsche Abfallsäcke zusammen. Im Verlauf dieses Jahres verdichteten sich die Müllmeldungen dann zuerst in der Ottilienstrasse und später in der Wengistrasse.

FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger, Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartments, sagt auf Anfrage, die Erhebungen von Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) zeigten kein wachsendes Problem mit überfüllten Mülleimern oder mit illegal entsorgtem Abfall auf den Strassen. Die Zunahme der Meldungen auf «Züri wie neu» habe mit der steigenden Nutzung der App zu tun. Leutenegger: «Wir freuen uns, dass ‹Züri wie neu› so rege gebraucht wird.»

Welche Quartiere werden bevorzugt? Städtische Reaktionszeit auf Abfallmeldungen, ausgewertet nach Quartier. Quelle: ZueriWieNeu.ch

Tatsächlich ist die App so erfolgreich, dass es mittlerweile in anderen Schweizer Städten Nachahmer-Apps gibt. St. Gallen und Winterthur besitzen ähnliche Systeme. Neuerdings prüft die Stadt Bern die Einführung einer eigenen Internetmeldestelle für Bürger. Was die steigende Nutzung der Zürcher App ­allerdings nicht erklärt, ist die prozentuale Zunahme der Abfallmeldungen. Doch Leutenegger sieht auch diese nicht als Warnsignal für ERZ. Seine Hypothese: «Wärmere Winter haben zu weniger Frostschäden an den Strassen geführt, weshalb die Meldungen dort ­zurückgegangen sind.» Im Gegenzug habe das milde Wetter dazu geführt, dass sich die Menschen öfter und länger draussen aufhalten. «Das wiederum führt zu mehr Abfallmeldungen», sagt Leutenegger.

Es sind allerdings nicht nur die Daten von «Züri wie neu», die auf mehr Strassenabfall hindeuten. Das haben auch zwei Gemeinderäte beobachtet: Stephan Iten und Dubravko Sinovcic, beide von der SVP. Sie vermuten, dass es beim illegal entsorgten Abfall eine Zunahme gebe. In einem im Oktober beim Stadtrat eingereichten Vorstoss heisst es: «Leider wird viel zu oft Sperrgutabfall auf öffentlichen Sammelstellen entsorgt. Die Verfasser haben das persönlich in verschiedenen Quartieren beobachtet.» Iten und Sinovcic verlangen unter anderem eine Statistik zur Entwicklung von illegal entsorgtem Müll in der Stadt Zürich.

Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat ERZ die Meldungen der Mitarbeiter ausgewertet, die illegalen Abfall einsammeln. Und sie kommt zum Schluss, dass es 2014 und 2015 durchaus zu einer Zunahme von illegal entsorgtem Abfall gekommen sei. Doch 2016 sei der Trend wieder abgeflaut. Das laufende Jahr ist noch in Auswertung.

Gegen das Schmuddel-Image

Auch Zürich Tourismus wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen, dass die Stadt schmuddeliger wird. Zu den Ergebnissen der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Analyse von «Züri wie neu» sagt Vizedirektor Reto Helbling: «Abgesehen von Kritik der Gäste zu WLAN, Mobilfunkverbindungen sowie Roaminggebühren, steht die Stadt sehr gut da.» Und: «Sauberkeit, Sicherheit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit werden als Schweizer Tugenden nach wie vor wahrgenommen.»

Bei so vielen vorbildhaften Tugenden tut ein Blick auf die Plattform «Züri wie neu» ganz gut. Zumindest, um sich zu vergewissern, dass die Stadt durchaus auch andere Seiten hat.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.11.2017, 23:45 Uhr)

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