Wo sind plötzlich all die Zürcher Schwäne hin?

Kaum sinken die Temperaturen, verschwinden die Wasservögel von den üblichen Hotspots. Warum?

Schwaneninvasion am Zürichsee: Ein gewohntes Bild im Sommer, aber wo sind sie im Winter? Bild: Keystone/Michele Limina

Schwaneninvasion am Zürichsee: Ein gewohntes Bild im Sommer, aber wo sind sie im Winter? Bild: Keystone/Michele Limina

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Sie prägen im Sommer das Bild um die Gewässer: Am Utoquai, an der Limmat, am Bürkliplatz – Dutzende elegante weisse Höckerschwäne, die sich um die Fussgängerfüsse tummeln, die über dem Zürichsee hängen. Bloss, wo verschwinden die Schwäne im Winter hin? Die besorgte Frage erreichte die «Tages-Anzeiger»-Redaktion per Mail: «Werden diese Tiere etwa, wie man zu sagen pflegt, reguliert?» Dass die Population von rund 15'000 Stadttauben mit Abschüssen in den Griff gekriegt werden muss, ist bekannt. Aber ob es den Schwänen ähnlich ergeht?

Weniger an den Hotspots

Erst mal: Entwarnung. «Schwäne sind geschützte Tiere, man darf sie nicht schiessen», sagt Christian Breitler, zuständiger Wildhüter für Vögel auf dem ganzen Stadtgebiet. «Bestandesregulierungen sind nur bei den Tieren erlaubt, bei denen es das Jagdgesetz zulässt.» Zudem seien Schwäne Wildtiere, als solche sollte man sie auch behandeln. Dass sie im Winter nicht an denselben Hotspots auftauchen, habe eher damit zu tun, dass sie da weniger Futter erwarten. Aber: «Man sollte Wildtiere grundsätzlich nicht füttern», sagt Breitler.

Und der Wildhüter kann der Beobachtung nicht zustimmen: «Wer heute von der Gemüsebrücke zum Schanzengraben läuft, trifft je nach Tageszeit auf mehrere dutzend Schwäne», sagt er. Die Schwäne würden für die Nahrungssuche im Winter bloss in grössere Gebiete auf dem See ausschwärmen. Manche würden sogar aufs Land fliegen, um sich auf den Feldern zu verpflegen: Würmer auf abgeernteten Feldern, schilfige Pflanzen, Gras, Getreide. Schwäne ernähren sich mit Vorliebe pflanzlich, sie können mehrere 1000 Kilometer weit fliegen. Die Zürcher Schwäne überwintern aber vorwiegend im Kanton. Sie leben oft monogam über mehrere Jahre als Paare zusammen oder auch als Einzelgänger. Darin unterscheiden sie sich beispielsweise von den Enten, die in Gruppen leben.

Diese haben jetzt noch anderes zu tun: «Die balzen jetzt, es ist Gruppen-Balz, ein gesellschaftliches Ereignis», sagt Breitler. Dabei stört auch sie das Füttern: «Bei den Enten ist in urbanen Gebieten eine Überpopulation an männlichen Tieren festzustellen», sagt Breitler. Durch die Fütterung durch Passantinnen und Passanten wird das Problem verstärkt.

Wintergäste aus Polen

Auch die Vogelwarte Sempach kann den Schwäne-Schwund nicht bestätigen. Eher werden es im Winter sogar mehr: «Höckerschwäne aus Mitteleuropa und dem Ostseeraum sind häufige Wintergäste in der Schweiz», sagt Biologe Livio Rey. Letzten Herbst wurde sogar ein Höchstbestand von 8200 Höckerschwänen festgestellt. In der Schweiz leben durchschnittlich zwischen 590 bis 720 Brutpaare.

Erstellt: 02.12.2019, 17:18 Uhr

Rekordbestand von Schwänen

Seit über 50 Jahren schwärmen jeden Winter Hunderte Vogelfreunde aus, um für die Vogelwarte Sempach die Bestände der Wasservögel zu zählen, die den Winter in der Schweiz, im Wasserschloss Europas, verbringen. Im Herbst 2018 verzeichneten sie von einigen Wasservögeln wie des Höckerschwans, der Gänsesäger, Graureiher, Silberreiher und der Moorente rekordhohe Bestände. 8200 Höckerschwäne wurden letzten Herbst in der Schweiz gezählt, der höchste je notierte Bestand seit 1991. Die Wasservogelzählung im Januar 2019 wurde durch garstiges Wetter erschwert, der Gesamtbestand lag unter dem Durchschnitt.

Vor allem den Genfersee scheinen die Vögel nicht mehr für die Überwinterung zu bevorzugen, dafür steigen am ruhigeren Neuenburgersee die Zahlen. Die Störsituation hat einen grossen Einfluss auf das Verhalten der Wasservögel. Auch am unteren Zürichsee nehmen die Winterbestände kontinuierlich ab. Die Tiere scheinen an den oberen Zürichsee auszuweichen, wo sie weniger Schifffahrt und andere Aktivitäten auf dem See vorfinden. Durch den Klimawandel nehmen die Winterbestände einiger Arten in ganz Mitteleuropa ab. Trotzdem bleibt die Schweiz ein beliebtes Überwinterungsgebiet. Hierhin kommen Vögel aus Mitteleuropa, Skandinavien und sogar Ostrussland. (rar)

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