Wohin die Sihlquai-Prostituierten abwandern

Die ungarischen Frauen sind verschwunden, seit der grösste Zürcher Strassenstrich aufgehoben ist. Aus Ermittlerkreisen wird bekannt, dass es die Sexworkerinnen und ihre Zuhälter ins Ausland zieht.

Fehlende Anonymität: Vielen Prostituierten vom Sihlquai bietet der neue Strichplatz in Altstetten zu wenig Diskretion.

Fehlende Anonymität: Vielen Prostituierten vom Sihlquai bietet der neue Strichplatz in Altstetten zu wenig Diskretion. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Auf den ersten Blick hat das Prostitutionsverbot am Sihlquai seine Wirkung nicht verfehlt. Der berühmteste Strassenstrich landesweit ist wie leer gefegt. Auch eine Abwanderung in die Brunau oder ins Niederdorf konnte die Stadtpolizei nicht feststellen. Schaffen die Prostituierten nun alle in den Sexboxen in Altstetten an?

Bisherige Beobachtungen widersprechen einer solchen Entwicklung. Während am Sihlquai pro Nacht 30 bis 40 Frauen arbeiteten, sind es in Altstetten lediglich rund ein Drittel davon. Staatsanwältin Silvia Steiner, die sich auf das Thema Menschenhandel spezialisiert hat, glaubt nicht, dass die Prostitution an den Stadtrand gedrängt wird: «Die Sexboxen sind nicht der Grund.»

In Zimmern und «Laufhäusern»

Aus laufenden Verfahren weiss Steiner, dass viele der zumeist ungarischen Prostituierten nicht mehr in Zürich sind. In mehreren Fällen seien die Frauen ins Ausland abgewandert – mitsamt ihren Zuhältern. «Das Prostitutionssegment hat sich verlagert. Die klassischen Silhquai-Prostituierten sind an andere Orte ausgewichen», sagt Steiner.

Eines der Zielländer ist gemäss der Staatsanwältin Deutschland, wo sogenannte Laufhäuser erlaubt sind – ein Bordellkonzept, bei dem die Freier durch die Gänge gehen und die Frauen ihre Dienste in Zimmern anbieten. In diesen Laufhäusern könnten sich Zuhälter Zugang verschaffen, weshalb diese Form bei den ehemaligen Sihlquai-Drahtziehern beliebt sei, so Steiner. Holland oder Italien sind weitere Zielländer, obwohl dort die Arbeitsbedingungen gemäss der Staatsanwältin weit weniger attraktiv sind als in der Schweiz.

Für eine Alternative zum Sihlquai müssten die Zuhälter und Prostituierten nicht so weit reisen. Der Strassenstrich in Olten bietet ähnliche Bedingungen. Gemäss Daniel Bürki, Kommandant der Stadtpolizei Olten, sei aber in den letzten Wochen kein Zulauf verzeichnet worden: «Der Status quo hat sich nicht verändert», sagt Bürki, der die Situation in den nächsten ein bis zwei Monaten im Auge behalten will.

Doch worauf ist die Abwanderung aus Zürich zurückzuführen, wenn genügend weitere Strichplätze in unmittelbarer Umgebung zur Verfügung stehen? Steiner ist überzeugt, dass die konsequente Polizeiarbeit der letzten Jahre Früchte trägt: In Zürich gehören dazu häufige Wegweisungen – ein schriftlicher Bescheid, der Frauen zum sofortigen Verlassen eines Ortes auffordert. Ebenso Meldepflicht und polizeiliche Bewilligung, die eine «abschreckende Wirkung» auf Prostituierte und Zuhälter habe, sagt Steiner: «Die ständige Angst, erwischt zu werden, zermürbt die Frauen und erschwert die Arbeit.»

Sex-Flatrate: So viel Sex wie geht

Dass nun alle Sihlquai-Prostituierten ins Ausland ausgewandert sind, glauben indes weder Steiner noch Rebecca Angelini. Die Sprecherin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) verweist auf die Nachfrage, die nach der Schliessung des Sihlquais nicht nachgelassen habe: «Nur weil etwas verboten wird, heisst das nicht, dass es nicht mehr stattfindet», sagt Angelini, die derzeit noch nicht prognostizieren will, wo die Sihlquai-Frauen verblieben sind.

Steiner hält es für möglich, dass ein Teil der Prostituierten in Billig-Etablissements untergekommen sind. Diese seien oftmals anonymer als etwa der gut kontrollierte Strichplatz in Altstetten mit den Sexboxen. Das komme Zuhältern wie auch vielen Kunden entgegen. «Die Freier reagieren sehr sensibel auf die Umgebung», so Silvia Steiner. In der Schweiz gebe es seit einiger Zeit sogenannte Flatrate-Modelle: Für einen fixen Betrag gibt es so viel Sex, wie man will – oder kann.

Laut Steiner arbeiten in solchen Etablissements vor allem Prostituierte, die für andere Clubs nicht attraktiv genug sind. Die Bedingungen seien noch würdeloser als auf dem Strassenstrich. Die Gefahren der versteckten Prostitution, wie sie in solchen Etablissements praktiziert werden kann, sind gemäss Rebecca Angelini bekannt: «Die Frauen werden verletzlicher gegenüber Ausbeutung und Gewalt, und der Zugang für Beratungsstelle und Polizei wird erschwert.»

Bliebe den Frauen noch der Weg in die Selbstständigkeit. Sie mieten ein Zimmer oder eine Wohnung und versuchen, von dort aus anzuschaffen. Das setzt gemäss Steiner eine gute Infrastruktur, Anfangskapital sowie ein Kontaktnetz voraus, was die wenigsten Prostituierten besässen: Die Frauen am Sihlquai waren zumeist Roma aus Ungarn. Mittellos und abhängig von ihrem Zuhälter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2013, 07:20 Uhr

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