Wohnen auf dem Koch-Areal: 4½-Zimmer für 1500 Franken

Bevor das Volk das Projekt abgesegnet hat, lanciert der Stadtrat den Architekturwettbewerb. Das ärgert die FDP.

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Das Koch-Areal bleibt ein konfliktreiches Pflaster. Einst rieben sich auf dem Areal an der Grenze von Albisrieden zu Altstetten einige Anwohner an den Besetzern auf. Später sorgte Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) wegen seiner familiären Verstrickungen auf dem Areal für Unruhe und trat sein Dossier an Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) ab. Am Abstimmungssonntag, am 10. Juni, kämpft die Stadt mit einer Vorlage für ihr Projekt auf dem 30'000 Quadratmeter grossen Grundstück und gegen eine Volksinitiative der FDP. Das Geschäft hat es in sich: Würde bei der Volksabstimmung die FDP-Initiative angenommen, würde sie zwingend umgesetzt – ganz egal, ob der Vorschlag der Stadt angenommen wird oder nicht.

Der Stadtrat will um jeden Preis seine Pläne auf dem Areal verwirklichen. Darauf soll Zürichs Aushängeschild für genossenschaftlichen Wohnungsbau und Stadtentwicklung entstehen. Deshalb lancierten gleich drei Stadträte zusammen am Donnerstagmorgen den Abstimmungskampf und den Architekturwettbewerb. Finanzvorstand Leupi geizt nicht mit träfen Bemerkungen: «Wir bieten ein bewährtes Rezept an, das sich schnell umsetzen lässt – vergleichbar mit einer Pizza aus dem Steinofen. Die Gegner servieren Insektenfood, ein unausgegorenes Projekt.»

Eingriff in Abstimmungskampf

Die Stadt will auf dem Grundstück, das sie 2013 von der UBS für 70 Millionen Franken erworben hat, 350 gemeinnützige Wohnungen, Gewerberäume und einen Quartierpark bauen. Dafür müssen die beiden Baufelder für die gemeinnützigen Wohnungen vom Finanz- ins Verwaltungsvermögen übertragen werden. Für die Umsetzung werden ein Objektkredit von gut 35 Millionen Franken und ein Eventualkredit für die Projektierung von rund 7 Millionen Franken beantragt. Die FDP-Initiative «Wohnen und Leben auf dem Koch-Areal» will hingegen das Land dem Meistbietenden verkaufen, geknüpft an die Auflage, ein Drittel gemeinnützige Wohnungen, Gewerbeflächen, einen Quartierpark und Infrastruktur für Schule und Betreuung zu erstellen.

Die Freisinnigen nerven sich über das Vorgehen der Stadt. Die Medienkonfernz von heute Donnerstag geht ihnen bereits zu weit. Es müsse doch zuerst die Abstimmung über die Finanz- und Kreditvorlage abgewartet werden, bevor das Projekt vorangetrieben werde. Përparim Avdili, Präsident der FDP Kreispartei 9, wertet das Vorgehen gar als unangemessenen Eingriff in den Abstimmungskampf, wie er in einer Medienmitteilung schreibt.

Sieger im Frühling 2019 bekannt

Der Stadtrat indes will gerüstet sein, sollte er gewinnen. Die Bauträger – Allgemeine Baugenossenschaft Zürich, Kraftwerk 1 und Senn Immobilienentwicklung – hat die Stadt bereits im vergangenen Herbst bestimmt; den Park baut Grün Stadt Zürich. Am Freitag schreibt sie deshalb den Architekturwettbewerb für die Wohnbauten, den Gewerbebau und den Quartierpark aus. Im Frühsommer 2019 werden die vier Siegerteams bekannt gegeben. Der Stadtrat rechnet mit 182 Millionen Franken Erstellungskosten. Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) sagt: «Wir suchen die besten Zutaten für die Pizza, damit zehn Jahre nach dem Kauf das Areal zu einem belebten Ort wird.»

Die Genossenschaften haben ein erstes Raumprogramm erarbeitet. Der Mix reicht von Einraumwohnungen zum Selbstausbau bis hin zu Grosswohnungen für Wohngemeinschaften und Clusterwohnungen. 50 Wohnungen werden für die Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien erstellt. Da die Bauträger einen sparsamen Umgang mit Wohnflächen voraussetzen, soll eine 4½-Zimmer-Wohnung nur noch 1500 Franken kosten.

Video: Die Pläne fürs Koch-Areal

Der Zürcher Stadtrat will auf dem konfliktträchtigen Koch-Areal vorwärts machen

Auch am 13'200 Quadratmeter grossen Park wird bereits geplant. In einem breit abgestützten Partizipationsverfahren mit Quartiervertretern von Albisrieden und Altstetten klärt die Stadt derzeit die Bedürfnisse der Bevölkerung ab. Teil des Parks wird die ehemalige grosse und offene Kohlelagerhalle aus Holz. Sie kann aber von den Projektteams auch verkürzt werden, da nur der mittlere Teil aus Rundhölzern schützenswert ist. Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) sagt: «Die Halle soll zum Markenzeichen und identitätsstiftenden Treffpunkt des ganzen Areals werden.» Dafür schreibt die Stadt 23 Millionen Franken ab.

FDP fordert Transparenz

Die FDP ist schon länger nicht einverstanden mit dem Vorgehen der Stadt auf dem Koch-Areal. Sie hat mannigfach Kritik geübt. Einst ging der Partei der Entwicklungsprozess zu langsam voran. Sie warf dem rot-grün dominierten Stadtrat vor, die Sache bewusst zu verzögern und ihre liberale Besetzerpolitik zu zelebrieren. Das war der Auslöser für die Volksinitiative.

Bei der Vergabe der Bauträger wirft die FDP dem Stadtrat Filz vor. Zusammen mit der SVP und der CVP hat die Partei Anfang April im Gemeinderat eine dringliche schriftliche Anfrage eingereicht. Unklar ist den Parteien, wie entschieden wurde und wie die Entscheidungsgremien zusammengesetzt waren. So hätten zwei Mitglieder von Wüest Partner (ohne Stimmrecht) mitberaten, Wüest Partner erhalte aber auch regelmässig Aufträge der Stadt. Zudem sei Stadtrat Wolff selber Gründungsmitglied der Genossenschaft Kraftwerk 1 gewesen. Gäbe es Hinweise auf mangelnde Transparenz, hätte das aus Sicht der FDP Auswirkungen auf das ganze weitere Vorgehen.

Finanzvorsteher Daniel Leupi kann nicht verbergen, dass er für die Kritik und die Initiative der FDP wenig übrig hat. Konkret äussern mag er sich indes nicht. Bloss: «Wir haben das Areal bewusst gekauft, um darauf gemeinnützige Wohnungen zu bauen. Es ist klar, dass ein Privater langsamer wäre als wir und die Wohnungen teurer würden.»

Und dann versichert er auch, dass er nach der «gefühlt» zehnten Pressekonferenz zum Koch-Areal die Bühne räume. Gerne. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2018, 15:24 Uhr

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