Wohnen ohne WC

Keine Heizung, unregelmässig fliessend Wasser: Für die letzten Mieter auf dem Labitzke-Areal ist die Wohnsituation zunehmend ungemütlich. Nun bekommen sie und die neuen Besetzer Hilfe von offizieller Seite.

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Die Eingänge zum Labitzke-Areal in Altstetten sind an diesem Montagmorgen verbarrikadiert. Bretter, Kühlschränke, Einkaufswagen: Was den Zugang versperren kann, wurde aufgestapelt. Die Besetzer, die am Freitag Teile der Gebäude auf dem Areal bezogen, rechnen offenbar damit, dass die Stadtpolizei die Drohung der Besitzerin Mobimo AG in die Tat umsetzt und die besetzten Häuser räumt. Ihre Angst ist allerdings grundlos. Heute wird auf dem Areal keine Polizei vorfahren.

Tom* zeigt den Weg durch einen kleinen Korridor in der Barrikade, der ins Innere des ehemaligen Farbenfabrikgeländes führt. «Ich lebe seit 14 Jahren hier», sagt er, während er an «Besetzt»-Transparenten und Gebäuden, bei denen Bauarbeiter bereits mit dem Rückbau begonnen haben, vorbeieilt. «Und ich gehöre zu den letzten Mietern.»

Wie Simon*: Zusammen mit zwölf Mitbewohnern lebt er auf rund 300 Quadratmetern auf einem Stockwerk eines Labitzke-Gebäudes. Rund 3500 Franken bezahlen sie laut seinen Angaben monatlich, ohne Nebenkosten. Statt wie die meisten Mieter Ende 2013 müssen sie erst Ende Februar dieses Jahres ausziehen. Vor der Schlichtungsbehörde haben sie und Mieter einer anderen Wohnung eine Fristerstreckung erwirkt. «Danach werde ich ausziehen, wir haben eine neue Lösung gefunden», sagt Simon. Bleiben und weiter abwarten oder gar besetzen will er nicht. Das sei nichts für ihn.

Matratze an Matratze

Doch trotz Mietzahlungen ist es im Stockwerk, das Simon bewohnt, nur bedingt gemütlich. Das Wasser fliesst mal und mal nicht, und die Heizungsradiatoren sind kalt. Im lang gestreckten Stockwerk hatten sich die Bewohner eigene Schlafkojen gezimmert, die sich wie kleine Zimmer aneinanderreihen. Doch genutzt werden sie kaum. Dafür reiht sich in einem Nebenraum nun Matratze an Matratze um eine Wärmequelle. «Sonst ist es in der Nacht schlicht zu kalt», sagt Simon und will sich eine Zigarette anzünden. «Geh raus damit», meint eine Mitbewohnerin. «Wir können nicht lüften, dann frieren wir wieder.»

Christine Hub, Sprecherin der Mobimo AG, sagt dazu: «Es gibt zwei Fristerstreckungen bis Ende Februar, das ist korrekt. In diesen Räumlichkeiten sind Wasser und Energie gewährleistet.»

Für Simon ist offensichtlich, dass die Energie- und Wasserversorgungsprobleme damit zu tun haben, dass die Mobimo überall dort mit dem Rückbau der Gebäude beginnt, wo Bewohner ausziehen. In einem Stockwerk hätten die Mieter die Schlüssel am 18. Dezember übergeben. «Kaum eine halbe Stunde später kamen Bauarbeiter, die sämtliche Toiletten und Radiatoren abrissen und die Fenster herausnahmen, obwohl in anderen Stockwerken noch Mieter wohnten.» Weiter gingen die Abbrucharbeiten dort bisher nicht. Nachdem die bisherigen Bewohner Anfang Jahr ausgezogen waren, wurden diese Gebäude besetzt.

«Einfach unbewohnbar machen»

In einem Seitenarm eines anderen Hauses ist an einem Toilettendeckel ein Zettel angeklebt: «Spülen nicht möglich, da kein Wasser.» Heute geht es zwar, dafür sind auch hier alle Radiatoren kalt, der Wasserdruck in den Leitungen ist schwach. In dieser Wohnung ist der befristete Mietvertrag eigentlich ausgelaufen. Auch hier leben mehr als zehn Personen. Und sie haben noch keine neue Lösung gefunden. Hier wohnt auch Tom. Laut ihm läuft das Mietverhältnis weiter, solange dessen Ende nicht juristisch geklärt ist. «Wir bezahlen nach wie vor Miete und warten ab», sagt er. Der Mieterverband berate sie rechtlich.

Tom kann nicht verstehen, weshalb die Mobimo AG so schnell mit dem Abriss des Labitzke-Areals beginnen kann: «Sie hat noch nicht einmal eine Baubewilligung beantragt. Und sie weiss doch genau, wie lange so ein Prozess bis zu einer Bewilligung dauert, allein schon wegen möglicher Einsprachen.» Mit dem Labitzke verliere die Stadt schon wieder einen kulturellen Freiraum. «Ich glaube nicht, dass die Altlastensanierung so aufwendig ist, dass die Mobimo schon jetzt damit beginnen müsste», meint Tom, «sie will das Areal einfach möglichst schnell unbewohnbar machen.»

Stadt setzt Räumung aus

Auch die Stadt Zürich scheint sich derzeit nicht sicher, ob die Altlastensanierung tatsächlich unmittelbar angegangen werden muss. Zumindest hat sie eine polizeiliche Räumung der besetzten Gebäude auf dem Areal bis vorerst Ende Januar ausgesetzt, wie Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements, erklärt: «Wir suchen das Gespräch mit Mobimo, noch steht aber kein Datum fest.» Es soll erörtert werden, warum Mobimo derart früh im Planungsprozess des Neubauprojektes mit der Altlastensanierung auf dem Areal beginnen will. «Die Stadt will keinen Abriss auf Vorrat, wir wollen nun genau abklären, wie die Situation aussieht.» Die Mobimo AG will auf dem Areal eine Überbauung mit 245 Wohnungen realisieren.

Die polizeiliche Räumung vorerst aussetzen kann die Stadt, weil die Mobimo nur eine Abrissbewilligung des Kantons vorliegen hat. «Bisher liegt zudem auch keine Baubewilligung der Stadt vor», erklärt Spinner. Eine gültige Abriss- oder Baubewilligung der Stadt ist jedoch zwingend, wenn ein Haus polizeilich geräumt werden soll. Sofern keine Zwischennutzung belegt werden kann oder Gefahr für Bewohner oder denkmalgeschützte Bauteile besteht. Dies ist die gängige Praxis. Laut Spinner will die Stadt wie im Fall des Binz- oder Koch-Areals eine Vermittlerrolle einnehmen und «eine bestmögliche Lösung für alle Seiten» anstreben. Noch sei aber offen, ob mit der Altlastensanierung nicht tatsächlich möglichst schnell begonnen werden müsse.

Rückbau geht weiter

Mobimo-Sprecherin Hug sagt dazu, dass die Immobilienfirma zu Gesprächen gerne bereit sei: «Wir werden jedoch weiterhin an unserem Altlastensanierungsplan festhalten, da wir zehn Monate brauchen werden, um alle Altlasten fachgerecht zu entsorgen.» Auch während der Gespräche mit der Stadt werde der Rückbau deshalb fortgesetzt.

Darauf habe die Stadt keinen Einfluss, sagt Hochbaudepartement-Sprecher Spinner: «Dies ist Sache von Mobimo. Ist ein Gebäude leer, darf Mobimo mit dem Abbruch beginnen.» Einzig die gewaltsame Räumung von bewohnten Gebäuden liege in der Hoheit der Stadt. Auch die Probleme mit der Energie- und Wasserversorgung der letzten verbleibenden Mieter seien grundsätzlich eine «mietrechtliche Frage». Die Stadt werde diese aber vermittelnd gegenüber Mobimo ansprechen, sofern sich die Vorwürfe bestätigten.

Weder die Besetzer noch die verbleibenden Mieter auf dem Labitzke-Areal hatten bis gestern Montagvormittag von Vermittlungsversuchen der Stadt gehört, wie sie gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigten. Laut Spinner können sie aber «mit grosser Sicherheit damit rechnen, dass die Stadt auf sie zugeht».

*Namen der Redaktion bekannt

Erstellt: 07.01.2014, 11:25 Uhr

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