Wohnungssuche: Wenn der Computer mitmischt

Wer sich für eine städtische Wohnung bewerben will, soll das künftig online tun können. Was die Stadt Zürich plant, machen Genossenschaften längst. Nicht immer kommt es gut an.

Per Computer statt auf Papier: Künftig soll eine Bewerbung für städtische Wohnungen auch online möglich sein.

Per Computer statt auf Papier: Künftig soll eine Bewerbung für städtische Wohnungen auch online möglich sein. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stadt Zürich beschreitet bei der Vergabe ihrer Wohnungen neue Wege: Im Frühling 2018 will die Liegenschaftenverwaltung der Bevölkerung ein internetbasiertes System präsentieren, über welches Wohnungsanwärter künftig ihre Bewerbung abgeben können. Noch befindet sich das Projekt in der Konzeptphase. Andere Vermieter und Immobilienverwalter sind da bereits weiter – dank einer neuen Bewerbungssoftware der Zürcher Firma eMonitor.

Vor drei Jahren kam die Software erstmals zur Anwendung. Die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» nutzte sie für die Vergabe ihrer neuen Wohnungen auf dem Hunziker-Areal. Das Prinzip ist simpel: Wohnungsanwärter geben ihre Daten statt auf Papier direkt im Computer ein.

Programm gibt Empfehlung ab

Das System überprüfe die Eingaben auf gewisse Eigenschaften hin wie beispielsweise Bonität oder Belegung und gebe «eine objektive und unbefangene Empfehlung» ab, sagt Christoph Craviolini, der bei eMonitor für die Datenanalysen zuständig ist. «Der Vergabeentscheid liegt zwar noch immer beim Bewirtschafter, doch nun werden diese Entscheide vom System protokolliert.»

Umfrage

Finden Sie es richtig, dass man sich künftig online für städtische Wohnungen bewerben kann?




Bisher nutzen hauptsächlich Genossenschaften das Angebot von eMonitor. Die Firma zählt aber auch die Immobilienunternehmen Privera und Livit zu ihren Kunden. Und nun hat sie auch von der Stadt Zürich den Auftrag erhalten, eine Bewerbungssoftware zu entwickeln.

Pionierrolle der Familienheim-Genossenschaft

Vorerst werde die Software vor allem bei Erstvermietungen angewendet, um für eine gute soziale Durchmischung in den Neubauten zu sorgen, so Craviolini. Erst wenige eMonitor-Kunden wickeln auch die Wiedervermietung über digitale Kanäle ab. Einer davon ist die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ).

Groteske im Kurzfilm: Luise Hüsler und Simon Münger haben einen Kurzfilm über das Vergabesystem der städtischen Liegenschaftenverwaltung gedreht.

Die Baugenossenschaft nutzt bei der Vergabe der Wohnungen zudem einen speziellen Punktekatalog: Werden bei einer Onlinebewerbung die formalen Mindestkriterien für das ausgeschriebene Objekt punkto Einkommen und Belegung erfüllt, kommt in einem nächsten Schritt ein speziell programmierter Algorithmus zum Einsatz. Dabei werden in einer Art Prioritätenliste die Gründe für einen Umzug gewichtet. Einige Kriterien – wie beispielsweise ein Wohnungswechsel aus gesundheitlichen Gründen – ergeben mehr Punkte als andere.

Seit einem Jahr ist dieses neue Vermietungsreglement der Genossenschaft in Kraft. Das neue System erfülle bereits seinen wichtigsten Zweck, sagt FGZ-Geschäftsleiter Rolf Obrecht. «Es hilft uns, bei den Wohnungsvergaben einen Entscheid zu fällen, und es hält die einzelnen Schritte akribisch fest, sodass wir die Abläufe jederzeit nachvollziehen können.»

System lässt keinen Spielraum offen

Bei den Mieterinnen und Mietern kommt das System nicht immer gut an, denn es setzt die geltenden Regeln strikt um und lässt keinen Spielraum offen. «Mieter oder Wohnungssuchende erhoffen sich aber immer noch Flexibilität von der Verwaltung – insbesondere dann, wenn sie dringend eine neue Wohnung suchen», sagt Obrecht.

«Mieter oder Wohnungssuchende erhoffen sich immer noch Flexibilität von der Verwaltung – insbesondere dann, wenn sie dringend eine neue Wohnung suchen.»Rolf Obrecht, FGZ-Geschäftsleiter

Das ist gemäss dem FGZ-Geschäftsleiter beispielsweise dann der Fall, wenn eine Familie Zuwachs bekommen hat und eine grössere Wohnung braucht. «Es ist für sie nicht so einfach, nachzuvollziehen, wenn sie bei der nächsten frei werdenden 5-Zimmer-Wohnung in ihrer Siedlung nicht den Zuschlag bekommt. Das System setzt hier andere Prioritäten: Es stellt Leute, die schon länger auf eine grosse Wohnung warten, vor jene, die bereits in der Gegend wohnen. Wir können da keine Ausnahmen machen.»

Eine Lösung für Leute ohne Computer

Nichtsdestotrotz hat das System der FGZ auch das Interesse der Stadt Zürich geweckt. «Wir wollten uns damals bei der Lancierung ein Bild machen, welche elektronischen Anwendungen es bereits gibt, mit denen sich Wohnungssuchende via Internet für Besichtigungstermine anmelden und für eine Wohnung bewerben können», erklärt Kuno Gurtner, Medienverantwortlicher der Städtischen Liegenschaftenverwaltung.

Das System der FGZ lasse sich allerdings nicht eins zu eins übernehmen, da es speziell auf die Vermietungsprozesse der Genossenschaft ausgerichtet sei. «Als öffentliche Verwaltung müssen wir zusätzliche Rahmenbedingungen berücksichtigen. So müssen sich auch Personen bewerben können, die keinen Internetzugang haben», sagt Gurtner.

Wie die Stadt dieses Problem konkret lösen will, steht derzeit noch nicht fest. Laut Craviolini bieten einige Vermieter in ihren Büros Unterstützung bei der Eingabe der Daten an. «Wir haben allerdings kürzlich bei der Vergabe von Objekten einer Alterssiedlung gemerkt, dass nur sehr wenige diese Hilfe in Anspruch nahmen. Die meisten haben im persönlichen Umfeld Unterstützung erhalten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 11:02 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Zürcher Leiden verschwindet

Video Die städtischen Behörden ändern das Vergabesystem bei ihren Wohnungen. Die alte Praxis ist in ihrer Groteskheit heute schon legendär. Mehr...

Wer punktet, bekommt die Wohnung

Eine Zürcher Genossenschaft beschreitet neue Wege, um Missbrauch bei der Wohnungsvergabe zu vermeiden: Eine Software erstellt eine Rangliste der Anwärter. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Jetzt von 20% auf alle Digitalabos profitieren

Mit dem Gutscheincode DIGITAL20 erhalten Sie 20% Rabatt auf alle nicht-rabattierten Digitalabos.
Jetzt einlösen!

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...