Wollishofer ärgern sich über Steine aus China

In Wollishofen werden billige Rinnsteine aus China verbaut. Anwohner kritisieren, dass die Stadt nicht einheimisches Material verwendet.

Die Kilchbergstrasse erhält Randsteine aus Italien und Rinnsteine, die teilweise aus China stammen. (Bild: Sophie Stieger)

Die Kilchbergstrasse erhält Randsteine aus Italien und Rinnsteine, die teilweise aus China stammen. (Bild: Sophie Stieger)

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Sorgfältig setzen die Arbeiter einen Rinnstein neben den nächsten auf den mit Sand vorbereiteten Grund. Sie hämmern, wischen etwas Sand weg, und bevor sie den nächsten Stein setzen, kontrollieren sie das vorgegebene Niveau mit der Richtschnur. In Wollishofen erhält die Kilchbergstrasse zwischen Widmerstrasse und Seeblickweg neue Randsteine sowie neue Rinnsteine. Das Gleiche passiert bei der Tramendstation und an der Seestrasse. Der Baupolier José Oliviera ist begeistert vom neuen Material. Die Steine seien «nur halb so breit wie die alten, leichter, und man braucht zum Einsetzen nur eine kleine Maschine», schwärmt er. Nur eines weiss er nicht, oder er will es nicht sagen: Woher stammen diese Steine?

Kinder- und Zwangsarbeit

Gerade diese Frage bewegt aber politisch interessierte Anwohner. Sie vermuten, dass die Steine aus China kommen, und das ist gleich in mehrfacher Hinsicht brisant. Die Olympischen Spiele haben die Menschenrechtsfrage wieder in den Vordergrund gerückt. Die Klimadebatte hat die Sensibilität für lange und Energie fressende Transportwege geweckt. Und jetzt macht auch noch das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) mit einer Plakataktion auf die Zustände in asiatischen Steinbrüchen aufmerksam. Zwei sichtlich geschundene Männer schleppen an einem Bambusstamm einen schweren Granitstein, ein Arbeiter ist symbolisch mit einem Dollarzeichen stigmatisiert. «Keine Ausbeutung mit unseren Steuergeldern», lautet der Slogan, verbunden mit der Forderung an Gemeinden und Kantone, beim Einkauf von Gütern und Dienstleistungen auf faire Produktionsbedingungen zu achten.

Obwohl die Wirtschaft boomt, sind in Asien ausbeuterische Praktiken noch weit verbreitet. «Viele Billigimporte aus China, Indien oder Vietnam sind nur möglich, weil unter menschenverachtenden Bedingungen gearbeitet wird», sagt Christian Engeli vom SAH. Das bedeutet konkret: niedrige Löhne, 80-Stunden-Wochen, Kinder- und Zwangsarbeit und gesundheitsgefährdende Bedingungen am Arbeitsplatz.

SP fordert faire Bedingungen

Die SAH-Kampagne zeigt Wirkung. «In 20 Gemeinde- oder Kantonsparlamenten sind bereits Vorstösse eingereicht worden, die eine Praxisänderung bei der öffentlichen Beschaffung fordern», sagt Engeli. Waren sollen nur noch dort eingekauft werden, wo ohne Menschenrechtsverletzungen produziert wird. Die SP des Kantons Zürich verlangt vom Regierungsrat mit einer Motion, im öffentlichen Beschaffungswesen alle Lieferanten gesetzlich auf faire Produktionsbedingungen zu verpflichten. Die Diskussion über diese Motion wird voraussichtlich noch dieses Jahr im Kantonsrat stattfinden.

Woher also stammen die Steine, die derzeit in der Stadt Zürich verbaut werden? Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben? Teilweise. Laut Cornelia Schreier vom Tiefbauamt stammen die Randsteine in Wollishofen aus Italien, die Rinnsteine teilweise aus China und die Steine, die vor einem Jahr am Limmatquai verbaut wurden, aus Vietnam. Die multikulturelle Steinevielfalt begründet Schreier unter anderem mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis. «Bei jedem Bau gilt es zahlreiche Kriterien zu beachten, wie die Qualität der Steine, die Strassenlage und das Bedürfnis der Bevölkerung. Wenn es Preisdifferenz und Qualität erlauben, dann entscheiden wir uns für europäische Steine.»

Die Stadt Zürich verlangt hingegen noch keine Garantien, dass die Steine unter fairen Bedingungen produziert werden. «Sie nimmt Ausbeutung in Kauf», bemängelt Engeli und weist darauf hin, dass es in China sehr schwierig ist, die Bedingungen in den Steinbrüchen zu kontrollieren, weil es keine freien Gewerkschaften gibt. Cornelia Schreier ist sich der Problematik bewusst. Sie verweist darauf, dass wegen der steigenden Ölpreise die langen Schiffsreisen nicht mehr zu rechtfertigen seien, und verspricht: «Zürich ist auf gutem Weg.» Bereits gehandelt haben die St. Galler. Die Ostschweizer haben sich verpflichtet, künftig nur noch Steine aus der Schweiz oder aus Europa zu verwenden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2008, 08:08 Uhr

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