XXL-Patienten – wo es den 300-Kilo-Hebelift braucht

Sehr schwere Patienten stellen Zürcher Spitäler und Rettungsorganisationen vor grosse Probleme.

Weniger ein ästhetisches als vielmehr ein gesundheitliches Problem: Die Zahl der Übergewichtigen nimmt zu. Foto: ddp Images

Weniger ein ästhetisches als vielmehr ein gesundheitliches Problem: Die Zahl der Übergewichtigen nimmt zu. Foto: ddp Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei XXL-Patienten sind Arzt und Material schwer gefordert: Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung, lernte die Grenzen der medizinischen Technik im Universitätsspital Zürich kennen. Der stark übergewichtige 74-Jährige musste sich in ­einem Magnetresonanztomografie-Gerät untersuchen lassen. Doch der ehemalige Radio-Programmchef, damals 150 Kilo schwer, blieb auf halbem Weg in der Röhre stecken. «Das war eine sehr unangenehme Erfahrung, bei der ich mich verletzte», sagt von Grünigen rückblickend. Auf das MRI musste er damals verzichten. Heute hätte er mehr Glück. Das Universitätsspital hat nun Zugriff auf ein halb offenes MRI-Gerät mit entsprechenden Raum für schwergewichtige Patienten.

Auch Krankentransporte können Sanitäter in dieser Gewichtsklasse überfordern. Schutz und Rettung Zürich (SRZ) erhielt den Auftrag, eine Patientin von einem Spital in ein anderes zu verlegen. Als die Sanitäter mit dem Rettungswagen vorfuhren, mussten sie unverrichteter Dinge wieder abziehen. Die Patientin habe aufgrund ihres Körpergewichts von über 200 Kilogramm «nicht adäquat auf der normalen Bahre des Rettungswagens gesichert werden» können, schreibt SRZ-Mediensprecherin Iris Schärer auf Anfrage. Um die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten, bot die Einsatzzentrale den Grossraumrettungswagen auf, der für mehrere Verletzte konzipiert ist. Das zweite Mal klappte es – auch Dank einer Spezialbahre.

Zum Röntgen ins Tierspital

Wie wichtig besonders robustes Material ist, zeigt ein weiteres Beispiel: Die Sanität hob einen 240 Kilo schweren Mann, der in einem Zivilschutzkeller hauste, mit grösster Mühe auf einen Patientenstuhl. Nach diesem Einsatz hatte der mit Rollen und Raupen ausgestattete, 6000 Franken teure Stuhl nur noch Schrottwert. Das nächste Problem erwartete die Helfer im Röntgenraum. Die Maschine erwies sich angesichts der Körperfülle des Mannes als untauglich, worauf sich der Patient im Tierspital röntgen lassen musste. Von Grünigen sind weitere solche Fälle bekannt.

Mittlerweile hat die Rettungsorganisation ihre Fahrzeuge für die gewichtigen Herausforderungen angepasst. In den neuen Rettungswagen sind die Tragegestelle auf 320 Kilogramm ausgelegt. Zudem verfügt der Rettungsdienst über einen speziellen Stuhl für Übergewichtige. «Reicht dies nicht aus, kann die Autodrehleiter oder der Hubretter der Berufsfeuerwehr zur Unterstützung hinzugezogen werden», schreibt Schärer.

Probleme im Operationssaal

Laut SRZ hat die Zahl der stark übergewichtigen Patienten in den letzten Jahren klar zugenommen. Im Verhältnis zu den anderen Patienten sei ihr Anteil aber immer noch verschwindend klein. Trotzdem muss die Rettungsorganisation ebenso darauf reagieren wie die Stadtzürcher Spitäler. Diese installieren Hebelifte für Adipositas-Patienten und stellen massive Rollstühle und Waagen zur Verfügung. Die Skala von handelsüblichen Waagen endet bei 150 Kilogramm – die Spezialwaagen vermögen doppelt so viel Gewicht zu tragen.

Auch im Operationssaal stossen Chirurgen bei Adipositas-Patienten an ihre Grenzen. Im Triemlispital sollte ein adipöser Mann im Magenbereich operiert werden. Doch der Eingriff musste abgebrochen werden. Die Spezialisten konnten die Leber nicht wegdrücken, weil das stark verfettete Organ brüchig war. Dadurch drohe die Leber zu reissen, was zu lebensbedrohlichen Blutungen führen könne, sagt der leitende Triemliarzt Thomas Gürtler. Trotz vorgängigen Abklärungen liessen sich solche Situationen nicht immer vermeiden.

Verstorbene adipöse Personen sind auch für das Stadtzürcher Krematorium Nordheim problematisch. «Wir installieren diese Woche im Krematorium einen Hebelift, der bis 300 Kilo bewegen kann», sagt Rolf Steinmann, Leiter des Bestattungs- und Friedhofamts. Bei der Einäscherung von schwergewichtigen Per­sonen müssen die Spezialisten im Krematorium besonders aufmerksam sein. Wegen des grossen Anteils an ­Körperfett entstehen im Ofen hohe Temperaturen, die die Rauchfilter-anlage beschädigen können. Ansonsten unterscheidet sich der Kremationsprozess nicht.

Eine Milliarde Franken Kosten

Die deutliche Zunahme von Übergewicht und Adipositas lässt sich statistisch belegen. Fast ein Drittel der Personen ab 15 Jahren sind übergewichtig, und 10 Prozent sind stark übergewichtig (adipös); dieser Anteil hat sich seit 1992 beinahe verdoppelt. Im internationalen Vergleich weist die Schweiz laut der Gesundheitsbefragung 2012 zwar niedrige Werte auf, die Wachstumsraten zählen hingegen zu den höchsten. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Genetische Faktoren, Ernährung und Bewegung beeinflussen das Körpergewicht.

Noch vor rund 60 Jahren sei die Mangel- und Unterernährung ein wichtiges gesundheitspolitisches Thema gewesen, heute würden die zu vielen Kilos Sorge bereiten, schrieb Präventivmediziner Felix Gutzwiller im Vorwort zur Studie «Übergewicht und Adipositas im Kanton Zürich». Fast eine halbe Million Menschen seien im Kanton Zürich davon betroffen, zunehmend auch Kinder und Jugendliche.

Wer viel zu viel Körpergewicht mit sich herumträgt, hat weniger ein ästhetisches als vielmehr ein gesundheitliches Problem: Menschen mit Adipositas haben ein stark erhöhtes Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, und leiden oft unter Bluthochdruck, Asthma und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Gesamtkosten für diese Folgekrankheiten belaufen sich im Kanton Zürich auf jährlich zwischen 900 Millionen und einer Milliarde Franken, folgert die erwähnte Studie. Dies entspricht etwa sieben Prozent der Gesundheitskosten.

Markt mit Spezialprodukten

Wie hoch die Behandlungskosten in den einzelnen Stadtzürcher Spitälern sind, ist nicht bekannt. «Es ist davon auszugehen, dass stark übergewichtige Patientinnen und Patienten in der Summe höhere Spitalkosten verursachen», schreibt Silja Stofer, Mediensprecherin des Waidspitals. Das Waidspital stellt fest, dass vermehrt jüngere Patienten an Übergewicht leiden. 728 Operationen und Eingriffe – darunter Magenbänder und Bypässe – führten die Spitäler im Kanton Zürich im vergangenen Jahr bei stark übergewichtigen Patienten durch.

  • Für Adipositas-Patienten ist im Spital- und Pflegebereich ein Markt mit den entsprechenden Produkten entstanden.

  • Um Druckgeschwüre bei länger liegenden Patienten zu vermeiden, gibt es Spezialmatratzen, die sich aufpumpen lassen, bis zu 350 Kilogramm Gewicht tragen und rund 8800 Franken kosten.

  • Für Patienten bis zu 450 Kilogramm gibt es den Schwerlast-Rollstuhl für rund 5400 Franken.

Den Wandel hin zu Spezialbetten und -rollstühlen hat Rolf Hermetschweiler mitverfolgt. Seine Firma Hermap bietet «XXL-Produkte» für den Heim- und Spitalbedarf an. «Früher sind wir mit einem ein Meter breiten Stuhl belächelt worden. Heute ist das Alltag.» Speziell gut würden sich Dusch- und Rollstühle für Personen bis zu 250 Kilogramm verkaufen. Dass sich für solche Produkte ein Markt entwickelt habe, zeige sich auch an der steigenden Zahl der Hersteller, die nicht mehr nur aus den USA, sondern immer mehr aus Europa stammten. Laut Hermetschweiler kosten diese Jumbo-betten und -rollstühle rund zweieinhalb- mal mehr als ein Standardprodukt.

Gesellschaftlich gemieden

Spitäler seien unterschiedlich gut auf die Herausforderungen mit Übergewichtigen vorbereitet, sagt Heinrich von Grünigen. Den Zürcher Spitälern stellt er ein grundsätzlich gutes Zeugnis aus. Eine Spitalinfrastruktur, die auch auf Adipositas-Patienten ausgelegt sei, zeige sich bereits beim Empfang. «Es braucht breite Sitzgelegenheiten im Warteraum und stabile Rollstühle.»

Während sich die Spitäler zunehmend besser den Bedürfnissen von Übergewichtigen anpassen, grenzt die Gesellschaft diese Menschen nach wie vor aus: «Dicke Leute sind nicht besser akzeptiert als vor zwanzig Jahren», sagt von Grünigen. Leider habe sich diese ­Situation nicht verändert. Nicht nur gesundheitlich, sondern auch beruflich bereitet ihnen der Alltag Schwierigkeiten: Übergewichtige hätten trotz guter Qualifikationen Mühe, eine Stelle zu finden. Immer wieder müssten sie sich den Vorwurf gefallen lassen, selber an ihrem Schicksal schuld zu sein.

Von Grünigen hat selber viele Male vergeblich versucht abzunehmen. Aktuell probiert er es mit einem rigiden Speiseplan und Akupunktur. Bisher nahm er 35 Kilo in 16 Wochen ab. Und sagt: Schwieriger als abzunehmen sei, das ­Gewicht auch zu behalten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2015, 23:32 Uhr

Adipositas

Fast 40 Prozent Übergewichtige

Stark übergewichtige Personen bezeichnet die Medizin als adipös. Wer einen Body Mass Index (BMI) von 30 oder mehr hat, zählt zu dieser Kategorie. Als übergewichtig gilt, wer einen BMI zwischen 25 und 30 aufweist. Dieser Körpermassindex ist das Verhältnis von Körpergewicht (in Kilogramm) zum Quadrat der Körpergrösse (in Metern). Gemäss einer Studie von 2012 sind im Kanton Zürich 39,1 Prozent aller erwachsenen Personen übergewichtig oder stark über­gewichtig. In einer Übergewichtsstudie aus dem Jahr 2009 wird der Adipositas-Anteil der kantonalen Bevölkerung mit 6,2 Prozent ausgewiesen.(bg)

Artikel zum Thema

Europäer trinken, rauchen und essen zu viel

Die WHO schlägt Alarm: Wegen Übergewicht, Alkohol- und Zigarettenkonsum könnte die Lebenserwartung der nächsten Generation sinken. Mehr...

Die dicksten Länder der Welt

Übergewicht Die Zahl der übergewichtigen Menschen wächst weltweit rasant. Kleine Inselstaaten und Länder im Nahen Osten sind besonders stark betroffen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...