ZVV lässt Ticketerias sterben

Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) schliesst in Zürich erneut zwei Billett-Verkaufsstellen. Die Kundschaft ist empört, die SP befürchtet einen Abbau des Service public.

Eine von zwei Filialen, die verschwindet: Die ZVV-Verkaufsstelle am Goldbrunnenplatz in Zürich-Wiedikon.

Eine von zwei Filialen, die verschwindet: Die ZVV-Verkaufsstelle am Goldbrunnenplatz in Zürich-Wiedikon. Bild: Werner Schüepp

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Die Banken haben es vorgemacht: Wer Geld beziehen will, muss heutzutage mit dem Automaten vorliebnehmen. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) scheint auf diesen Zug aufzuspringen: Per Ende 2018 schliesst er seine Ticketerias am Goldbrunnenplatz in Wiedikon und am Schwamendingerplatz ohne Ersatz. Dies ist bereits die zweite Schliessungswelle, die erste fand vor drei Jahren statt. Damals bedeutete sie das Aus für die Verkaufsstellen am Sternen Oerlikon und am Central.

Für die beiden Quartiervereine der zwei betroffenen Stadtquartiere Wiedikon und Schwamendingen kam der Entscheid wie aus heiterem Himmel, wie die Quartierzeitung «Zürich Nord» berichtet. Eine vorgängige Information zur Schliessung habe es seitens des ZVV nicht gegeben.

Viele, vor allem ältere Leute, fühlen sich vom Entscheid vor den Kopf gestossen. Ein älterer Mann, der eben aus der ZVV-Verkaufsstelle am Goldbrunnenplatz kommt, sagt: «Nicht alle Leute haben ein Handy. Und für ältere Menschen werden die Automaten immer komplizierter.» Er empfinde die Schliessung als einen klaren Abbau eines Service, den er bisher sehr geschätzt habe.

Zur Selbstbedienung gezwungen

Seit wenigen Tagen ist die Schliessung der zwei ZVV-Verkaufsstellen auch auf der politischen Agenda. Die SP hat eine Petition für den Erhalt der Ticketerias lanciert. Die SP-Sektionen Zürich 3 und 12 wehren sich damit gegen die Schliessung und sammeln seit letzter Woche Unterschriften. Mit der Schliessung stelle der ZVV den Service public infrage.

Die SP anerkenne, dass Selbstbedienungskanäle an Bedeutung gewännen. Trotzdem gehöre der persönliche Verkauf am Schalter zum Service public. Sonst mache man all jene Kundinnen und Kunden zu Verlierern, die Beratung benötigen und keinen Zugang zu Apps und Internet haben.

Anpassung ans Kundenverhalten

ZVV-Sprecher Thomas Kellenberger kann die Empörung der Betroffenen über die Schliessung nachvollziehen. Er sagt aber auch: «Einige Quartiere in der Stadt Zürich und viele Gemeinden im Kanton hatten noch nie eine Verkaufsstelle.» Der Grund für die Schliessung ist laut Kellenberger keine Sparübung, sondern eine Anpassung ans Kundenverhalten: «Immer mehr unserer Fahrgäste kaufen ihre Tickets via Handy oder im Internet.» Im vergangenen Jahr seien erstmals mehr Billette über digitale Kanäle abgesetzt worden als am Schalter.

Die Strategie ist laut Kellenberger die langsame Ablösung der heutigen Verkaufsstellen durch Zentren, die nebst dem Verkauf hauptsächlich Beratung und Kundenservice anbieten, wie zum Beispiel das ZVV-Contact im Zürcher Hauptbahnhof oder in Adliswil. «Es ist ja nicht so, dass wir Knall auf Fall alle Verkaufsstellen im Kanton auf einmal schliessen», sagt Kellenberger. «Vielmehr passen wir das Verkaufsstellennetz schrittweise den Bedürfnissen unserer Kunden an.»

Die Stadt Zürich verfüge nach wie vor über ein dichtes Netz an Verkaufsstellen: Auf Stadtgebiet sind es noch 14. Damit werde die politische Vorgabe des Kantonsrates für eine Grundversorgung erfüllt, bei der 90 Prozent der Bevölkerung im Durchschnitt innert 20 Minuten zu Fuss oder mit ÖV eine bediente Verkaufsstelle erreichen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2017, 12:32 Uhr

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