Zoff in der SP: Darf Genosse Tim nach Bern jetten?

Topdiplomat Tim Guldimann will von Berlin aus für die SP in den Nationalrat. Doch das ist nicht kompatibel mit der 2000-Watt-Gesellschaft, wie sie die Genossen fordern.

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Tim Guldimann (64) ist der bekannteste Schweizer Diplomat, er war an wichtigen Krisenherden im Einsatz: Tschetschenien, Kosovo, Iran und kürzlich als OSZE-Sonderbeauftragter in der Ukraine. Ende Mai wird er als Botschafter in Berlin pensioniert. Am 30. Mai will ihn die Zürcher SP als Nationalratskandidat nominieren; er ist als einer der wichtigsten Kandidaten gesetzt. Guldimann ist mit der deutschen «Spiegel»-Journalistin Christiane Hoffmann verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder und will ganz bewusst als Auslandschweizer kandidieren und in Berlin wohnen bleiben. Es gebe 700 000 Auslandschweizer, und denen wolle er mit seiner Aussensicht eine Stimme geben. «Meine Heimat aber ist und bleibt Zürich», sagt er.

Wird Guldimann gewählt, was nach dem Rücktritt von Aussenpolitiker Andi Gross möglich ist, müsste er für vier Sessionen und zehn Kommissionssitzungen pro Jahr rund 20-mal von Berlin nach Bern pendeln. Für einen Diplomaten oder Geschäftsmann ist das wenig, für einen SP-Politiker aber 20-mal zu viel – sofern er fliegt und nicht brav den Nachtzug nimmt. Denn ausgerechnet die SP hat der Stadt Zürich die 2000-Watt-Gesellschaft verordnen lassen. Auf Facebook stellt Guldimann, der smarte Diplomat, gleich selber die Gewissensfrage: «Was ist Eure Meinung: Soll man für ein politisches Amt pendeln dürfen?»

Fliegen – oder essen und duschen

Die Genossen sind sich nicht einig. Eine Mehrheit sagt: «Klar doch, lieber Tim.» Guldimann ist mit allen Zürcher SP-Mitglieder per Du und stellt sich an Veranstaltungen, locker im Pullover, als «Tim» vor. Es gibt aber auch resolute Gegner. Umweltpolitiker Ruedi Lais rechnet vor, dass ein einziger Flug nach Sharm al-Sheikh retour pro Jahr der 2000-Watt-Gesellschaft entspreche – ohne Kleider, Essen, Tram und warm duschen. Nach Berlin ist es 4-mal weniger weit, dafür wäre es hier eben 20-mal im Jahr. Pendeln mit dem Flugzeug sei für die SP als Umweltpartei «nicht vertrauensfördernd», schreibt Lais und argumentiert auch mit dem Territorialprinzip: Wo man seinen Lebensmittelpunkt hat, sollte man politisch mitbestimmen dürfen. Laut Lais haben viele Auslandschweizer doppelte Rechte, weil sie in der Schweiz und in ihrem Wohnland mitbestimmen dürfen.

Die «moralinsaure» Optik von Lais, wie er selber sagt, wird von vielen vehement gekontert. «Was ist das höhere Gut: ein paar zusätzliche Flüge oder eine klare und anerkannte Stimme in Bern?» Andere gewichten den Frieden auf der Welt höher als die Energiewende. Und der frühere SP-Kantonsrat Yves de Mestral fragt: «Sollten wir den diplomatischen Kontakt mit Washington abbrechen, weil der Transfer mit dem Segelboot zu mühsam ist?» Andere argumentieren, dass ein Auslandschweizer per definitionem im Ausland wohne und nicht in Zürich. Unterstützung bekommt Guldimann auch von SP-Präsident Daniel Frei: Guldimanns «Verdienste um das internationale Zusammenleben» würden seine mangelnde Ökobilanz als Diplomat und Weltbürger mehr als kompensieren – «keine Regel ohne Ausnahme».

Erstellt: 21.05.2015, 22:16 Uhr

Tim Guldimann

Der Diplomat, 1950 in Zürich geboren, hat die Schweiz in der halben Welt vertreten.

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