Zu grazil, um stabil zu sein

Wegen eines Konstruktionsfehlers müssen die beiden eleganten SBB-Brücken der Durchmesserlinie verstärkt werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zufällig bemerkte im November 2013 der Planer der beiden neuen SBB-Brücken zwischen Zürich HB und Altstetten bei einer Kontrolle feine Risse im Beton. Die Risse bildeten sich im Brückentrog jeweils über den Pfeilern. Diagnose: ein gravierender Konstruktionsfehler. Dabei sind ausgerechnet die Letzigraben- und die Kohlen­dreieckbrücke gegen aussen die beiden spektakulärsten Bauwerke der Durchmesserlinie. Ihre grazile Form wird überall gelobt, als längste Eisenbahnbrücke der Schweiz schwebt die Letzigrabenbrücke förmlich über dem Gleisfeld. Das gelbe Monster, das sich während des Baus als Vorschubgerüst von Pfeiler zu Pfeiler hangelte, war ein weitherum sichtbares Symbol für höchste Ingenieurskunst.

Der Grund für die Risse leuchtet ein, wenn man die einwirkenden Kräfte betrachtet. Die Lager, auf denen der Brückentrog ruht, sind aus ästhetischen Gründen ein wenig nach innen verschoben. Die Kräfte von oben aus der Tragkonstruktion und diejenigen von unter treffen sich nicht in einem Punkt; die seitliche Differenz verursacht ein Biegemoment auf die Bodenplatte. Weil dieser Kräftefluss zu wenig berücksichtigt wurde, ist diese Platte zu schwach dimensioniert. Sie biegt sich nach oben, bevor der erste Zug fährt.

Ein Fehler der Ingenieure

Michel Brun, bei den SBB der verantwortliche Projektleiter, hatte zuerst schlaflose Nächte. Die Analyse ergab, dass die Ingenieurgemeinschaft, welche die Brücke geplant hat, den Aspekt der Lagerexzentrität zu wenig beachtet hat. Ein unabhängiger Kontrollingenieur hat den Bau begleitet und nichts gemerkt. «Wir mussten eine Lösung finden, um die beiden Bauwerke zu retten und gleichzeitig im Dezember 2015 zur Eröffnung fertig zu sein», sagt Michel Brun.

Entschieden haben sich die Ingenieure für ein Vorgehen, das von aussen kaum zu sehen ist und trotzdem maximale Sicherheit gewährt. Über jedem der 30 Pfeiler werden sechs bis acht Vorspannkabel aus Stahl quer über der Fahrbahn eingezogen und an der Aussenseite über Ankerköpfe fixiert. Jedes Kabel wird mit 220 Tonnen Zug gespannt. Die Drahtseile halten den Brückentrog quasi zusammen und verhindern, dass sich die Bodenplatte nach oben biegt. Weil diese Querspannkabel nicht lose unter den Gleisen geführt werden können wie bei einer Seilbrücke, wird die Fahrbahn nicht geschottert, sondern betoniert.

10'000 Kubikmeter Beton

Die neue, 60 Zentimeter dicke Betonschicht wird auf der ganzen Länge eingebaut. 10'000 Kubikmeter Beton sind nötig. Beton ist schwerer als Schotter. «Das ist kein Problem, die Pfeiler sind stark genug», sagt Brun.

Die zusätzlichen Kosten für die Verstärkung sind noch nicht genau bestimmt, dürften aber einem tiefen zweistelligen Millionenbetrag entsprechen. «Wir gehen davon aus, dass die Haftpflichtversicherung der Planer für die Mehrkosten infolge des Schadens aufkommt», sagt Brun. Ein Teil könnte aber an den SBB hängen bleiben. Die feste Fahrbahn kann gegenüber dem konventionellen Schotterbett ein Mehrwert sein und allenfalls geringere Unterhaltskosten verursachen. «Uns fehlt aber die Erfahrung mit festen Fahrbahnen auf offenen Strecken wie Brücken», sagt Brun.

Im Heitersbergtunnel müssen die gummigelagerten Schwellen nun nach 40 Jahren erstmals ausgetauscht werden. Auch im neuen Bahnhof Löwenstras­­se und im Weinbergtunnel sind die Gleise direkt auf eine feste Fahrbahn mit Gummischuhen montiert.

Mehr Lärm, weniger Unterhalt

Die zusätzliche Betonschicht ist gleich dick wie das geplante Schotterbett; die Züge fahren also auf der vorgesehenen Höhe. Die Lärmentwicklung bei Tempo 120 könnte auf der Letzigrabenbrücke aber kaum wahrnehmbar grösser sein. Brun befürchtet keine Probleme. «Der Brückentrog dient als Lärmschutz, und die Letzigrabenbrücke führt über Gleisfelder abseits bewohnter Gebiete.»

Die Bohrlöcher für Spannkabel und Ankerköpfe sind von aussen gut zu sehen. Weil die Brücken für eine Lebensdauer von 100 Jahren gebaut sind, müssen die Ankerköpfe mit einer Blechabdeckung gegen Regen und UV-Strahlung geschützt werden. Zusätzlich werden die Belüftungsschlitze durch feine Drähte abgedeckt, damit sich keine Tauben oder Schwalben einnisten können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2014, 23:31 Uhr

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Artikel zum Thema

Warum die Durchmesserlinie der Umwelt schadet

Analyse Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist nicht nur ein Vorteil. Er führt dazu, dass der Abbau des motorisierten Verkehrs in Zürich nicht mehr mit der gleichen Konsequenz vorangetrieben wird. Mehr...

«Das Loch hält» – Zürcher Durchmesserlinie ist eröffnet

Heute wurden Weinbergtunnel und Tiefbahnhof Löwenstrasse eingeweiht. Viele Prominente kamen – unter ihnen Bundesrätin Doris Leuthard, die sich einen lockeren Spruch über Zürich nicht verkneifen konnte. Mehr...

Schnellere Verbindungen und alte Züge auf der Durchmesserlinie

Ab Sonntag verkehren die S-Bahnen 2, 8 und 14 über die Durchmesserlinie. Vorteile und schnellere Verbindungen gibts fürs linke Seeufer, für Bündner, Tessiner und Glarner, Nachteile für Wipkingen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog Prüfen Sie nach der Scheidung die Vorsorge!
Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten
Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...