Zürcher Behörden platzieren weniger Kinder in Heimen

Die professionellen Kesb-Behörden sind besser als ihr Ruf. Sie weisen Kinder zurückhaltender in Heime ein als einst die Laienbehörden.

Zum ersten Mal seit Jahren gibt es in Zürcher Kinderheimen wieder freie Plätze. Foto: TA-Archiv

Zum ersten Mal seit Jahren gibt es in Zürcher Kinderheimen wieder freie Plätze. Foto: TA-Archiv

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Die Vorwürfe an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) waren in den letzten Jahren heftig. Sie griffen zu früh und zu drastisch in Familien ein und platzierten Kinder ohne Not in Heimen: Speziell von bürgerlichen Gemeindevorstehern war diese Klage zu hören, und zwar seit drei Jahren. Damals wurden die Laien-Vormundschaftsbehörden der Gemeinden abgelöst von den regionalen, mit Fachleuten besetzten Kesb.

Jetzt zeigt sich: Die Vorwürfe sind ungerechtfertigt, denn zum ersten Mal seit Jahren gibt es in Zürcher Kinderheimen wieder freie Plätze. Noch vor ein, zwei Jahren führten die Heime Wartelisten, einzelne waren überbelegt und notfallmässige Einweisungen kaum mehr möglich. Deshalb diskutierten die Institutionen mit dem Kanton über ein Konzept, wie Notfallplatzierungen bewerkstelligt werden könnten, ohne weitere Heimplätze zu schaffen. Heute ist das nicht mehr nötig, sagt Dietmar Bechinger, Co-Leiter des Kinderheims Inselhof beim Triemli: «Seit diesem Jahr ist es viel einfacher, selbst kurzfristig einen Heimplatz zu finden.»

Kesb sind zurückhaltender

André Woodtli, Leiter des Amts für Jugend und Berufsberatung (AJB), bestätigt Bechingers Beobachtung. Der Trend habe vor drei Jahren in den Jugendheimen seinen Anfang genommen: «Die Jugendanwaltschaften weisen landesweit bis zu 40 Prozent weniger Jugendliche als früher in Institutionen ein.» Nun zeichne sich in den Kinderheimen eine ähnliche Tendenz ab. Zwar seien viele noch immer über 90 Prozent belegt, aber die Zeiten der Wartelisten seien vorbei. In der gleichen Zeit sei die Zahl der Kinder in Pflegefamilien stabil geblieben. Das heisst: Insgesamt gibt es weniger Fremdplatzierungen.

Dass diese Entspannung nur vorübergehend ist, glauben weder Bechinger noch Woodtli. Für sie führten strukturelle Gründe zur Trendwende. AJB-Leiter Woodtli nimmt an, dass vor allem der Ausbau von präventiven Massnahmen viel gebracht hat: «Wir haben viel investiert in Familienberatungen und -begleitungen, Schulsozialarbeit und Angebote für Eltern mit Kleinkindern. Das wird nun spürbar.» Sozialpädagogische Familienhilfen seien oft eine valable Alternative zum Heim oder der Pflegefamilie.

Dietmar Bechinger ist überzeugt, dass die Einführung der Kesb eine entscheidende Rolle spielt. «Wir beobachten eine grössere Zurückhaltung bei Einweisungen», sagt er. Ruedi Winet, Präsident des Kesb-Präsidentenverbands, geht davon aus, dass Bechingers Vermutung stimmt – nachweisbar ist dies noch nicht, denn die vorliegenden Statistiken sind unvollständig. Sie erfassen nur einen Bruchteil der Heimplatzierungen, nämlich jene, die gegen den Willen der Eltern erfolgen. Und bei diesen Fällen, etwas über 200 pro Jahr, ist gegenüber der Zeit vor den Kesb kein Rückgang ausgewiesen.

In etwa sechs von sieben Fällen stimmen die Eltern zu. Hier dürfte es seit der Einführung der Kesb zu einer Verlagerung gekommen sein, weg vom Heim, hin zu weicheren Massnahmen, sagt Winet: «Wenn Eltern kooperativ sind, kann man auch mal etwas anderes ausprobieren.» Winet, der auch die Vormundschaftsbehörden gut kannte, geht davon aus, dass etliche Gemeinden früher im Zweifelsfall eher einer Heimeinweisung zustimmten: «Sie mussten sich mangels Erfahrung auf das verlassen, was ein Beistand beantragte.» Die Kesb als Fachbehörde könnten eher einschätzen, ob ein Heim wirklich notwendig sei.

Helfen, bevor nichts mehr geht

Dass auch die Kindstötung in Flaach die Kesb dazu bewogen, mit Einweisungen zurückhaltender zu sein, glaubt Winet nicht: «Der Fall Flaach führte wohl dazu, dass sich die Kesb sehr sorgfältig die Kommunikation mit den Eltern überlegen. Einfluss auf die Anzahl der Heim-einweisungen hat er kaum.»

Fragt sich, was der Rückgang für die Familien, die Kinder und die Heime bedeutet. Woodtli sieht die Entwicklung auch aus finanziellen Gründen positiv: «Heute können wir zum Glück helfen, bevor eine Familiensituation völlig eskaliert.» Heimleiter Bechinger ist skeptischer. Wenn die Heime vermehrt durch Familienbegleitungen abgelöst würden, sei das positiv – nur bestehe die Gefahr, dass die Behörden selbst bei desolaten Verhältnissen zu lange noch dieses und jenes ausprobierten. Dass die Heime auch ein finanzielles Interesse an genügend Platzierungen haben, dementiert Bechinger: «Wir haben eine Defizit­garantie vom Kanton und sind nicht auf eine möglichst hohe Auslastung angewiesen.» Die Jugendheime haben sich der neuen Situation teilweise bereits angepasst und Wohngruppen geschlossen.

Schulheime weiter gut belegt

Keine Entspannung ist bei einer dritten Heimkategorie in Sicht, den Schulheimen. Diese sind nach wie vor voll belegt. Und das, obwohl die Schulen verpflichtet sind, mit integrativer Förderung möglichst alle Kinder in Regelklassen zu unterrichten. Das gelingt bei Kindern, die früher in Kleinklassen unterrichtet wurden, inzwischen gut – bei jenen, die schwerer oder mehrfach beeinträchtigt sind, ist bis heute oft das Schulheim die bessere Lösung. Längerfristig soll die Zahl der integrativ geförderten Schüler aber erhöht werden. Der Kanton strebe zunehmend ambulante Angebote vor allem für verhaltensauffällige Kinder an, sagt Urs Meier, stellvertretender Amtschef des Volksschulamts.

Erstellt: 20.12.2015, 22:39 Uhr

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Mehr als 2200 Plätze im Kanton Zürich

Je nach Problemlage und Alter eines Kindes ist ein anderer Heimtyp angebracht.

Es gibt vielfältige Gründe, warum Kinder und Jugendliche nicht bei den Eltern wohnen. Und es gibt ebenso unterschiedliche Heime. Im Wesentlichen sind drei Heimtypen zu unterscheiden, wobei Kinder- und Jugendheime teilweise kombiniert geführt werden:

Kinderheime: Sie nehmen Kinder auf, für welche die Eltern nicht angemessen sorgen können. Gründe können akute Erkrankungen sein, psychische Probleme, Sucht, Gewalt, aber auch Überforderung. Manchmal weilen Kinder nur eine Nacht oder ein paar Tage im Heim, manchmal Monate oder Jahre. Die Kinder besuchen die lokale Volksschule. Ins Heim eingewiesen werden Kinder in aller Regel von den Kesb; in sechs von sieben Fällen sind die Eltern damit einverstanden. Kinder, die auf Dauer nicht mehr nach Hause können, wechseln oft in Pflegefamilien. Für die Kosten müssten theoretisch die Eltern aufkommen, in der Regel zahlt aber die Gemeinde ­alles oder zumindest den grössten Teil.

Jugendheime: Sie nehmen junge Menschen mit Entwicklungsdefiziten auf, welche die obligatorische Schulpflicht abgeschlossen haben, aber noch nicht 18 sind. Eingewiesen werden die Jugendlichen von den Jugendanwaltschaften oder von Gerichten, aber auch von den Kesb. Möglich sind auch freiwillige Eintritte. Jugendheime bieten oft auch teilstationäre Aufenthalte. Jugendheime arbeiten stark sozialpädagogisch; Ziel ist es, die jungen Leute auf einen Einstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Wird ein Jugendlicher vom Gericht oder der Jugendanwaltschaft eingewiesen, trägt Letztere die Kosten; ansonsten ­finanzieren sich die Jugendheime wie die Kinderheime.

Schulheime: Sie stehen Schulkindern offen, die nicht am Regelunterricht teilnehmen können und für deren Pflege oder Erziehung Fachwissen nötig ist. Gründe können geistige oder körperliche Behinderungen sein, aber auch eine schwere Lernbehinderung oder Störungen im Sozialverhalten. In Schulheime werden Kinder meist von den Schul­behörden angemeldet. Diese zahlen den Schulheimaufenthalt, den Eltern wird höchstens ein Taggeld verrechnet.

Insgesamt gibt es im Kanton 1120 Plätze in Kinder- und Jugendheimen sowie 1084 Plätze in Schulheimen. (leu)


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