Zürcher Gross-Picknick mit Herzschmerz

Für viele ist die «Oper für alle» mehr als ein kulturelles Spektakel. Es geht ihnen ums Feiern, egal zu welchem Anlass.

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Wann waren Sie das letzte Mal mit dem Hund in der Oper? Wann haben Sie daselbst gepicknickt? Geraucht oder geschmust oder gestillt? Wohl noch nie. Doch es ist möglich: An der «Oper für alle». Am Samstagabend hat das Opernhaus seine Vorstellung für das breite Publikum live zum dritten Mal auf den Sechseläutenplatz übertragen. Dieses Opernspektakel unter freiem Himmel wollten sich viele - trotz EM und dunklem Himmel - nicht entgehen lassen. 10'000 Zuschauer installieren sich gegen 19 Uhr mit Klappstühlen, Hunden, Picknick und Kindern auf dem Platz. Mittendrin wiegt ein roter Herzballon im Wind.

Selbstverständlich ging es den Zuschauern draussen wie jenen drinnen primär um die Darstellung von Pjotr Tschaikowskis «Pique Dame», um dessen mittellosen Hauptdarsteller Hermann, der unglücklich verliebt ist. Aber nicht nur. Stellvertretend für die Mehrheit auf dem Platz sagt ein 30-Jähriger:«Wenn wir schon kostenlos in den Genuss eines solch brillanten Opernstückes kommen, dann wollen wir das entsprechend feiern.»

Tischdecke muss sein

Zu Beginn des Stücks singen die Darsteller auf der Bühne «Endlich hat uns Gott einen sonnigen Tag geschickt». Diesen wollte auch Tina mit ihren Freunden auf dem Platz zelebrieren. Damit sie diese in der Menge finden, liess sie sich von ihrem Neffen den roten Heliumballon organisieren, der an ihrem Stuhl festgebunden ist. «Das Herz ist Zufall, aber passt irgendwie zum Stück.»

Den sonnigen Tag nahm auch Winnie zum Anlass und trommelte zum zweiten Mal eine Truppe zum Picknick mit Oper zusammen. Sie sitzt auf Plastikstühlen am Platzrand um den Klapptisch mit Tischdecke mit allerlei Käse- und Wurstwaren, Brot und einer Flasche Wein. «Ich gehe sonst nicht in die Oper, weil ich wenig Bezug dazu habe», sagt Winnie, «aber so zu einem Picknick mit Freunden finde ich es einfach nur toll.» Stück und Inszenierung gefällt der Truppe heuer jedenfalls weit besser als Aida letztes Jahr.

Wen man auch fragt: Die Wertschätzung des Angebots ist riesig, egal auf welcher Altersstufe. Tanja Walliser dachte im Voraus, sie gehöre mit 30 zu den Jüngeren auf dem Platz. «Nun bin ich total überrascht, wie viele Junge es hier hat.» Sie war zwar auch schon in der Oper, gesteht aber: «Ich würde öfter gehen, wenn es billiger wäre.» Doch es spricht aus ihrer Sicht vieles für die Live-Übertragung: «Man sieht die Darsteller in Nahaufnahmen und mit dem eingeblendeten Text versteht man das Stück viel besser.»

Mit dem Brautstrauss

Luka Piskorec hat sein Sushi-Essen mit Freunden ebenfalls kurzerhand auf den Platz verlegt. Eine Decke hat er in der Hektik vergessen, dafür hat er an das Japanmesser gedacht, um die Rollen in die richtige Form zu schneiden, und an das Holzbrett als Unterlage. «Wir schätzen den Anlass, die Atmosphäre, da spielt die harte Unterlage keine Rolle.»

Für Andrea und Michael Siebenmann ist die Oper nur der zweitwichtigste Anlass an diesem Samstag. Sie hält einen hübsch arrangierten Rosenstrauss in der Hand, er hat passend dazu eine Rose am Revers. Direkt von ihrer zivilen Trauung und dem ausgedehnten Mittagessen kamen sie auf den Sechseläutenplatz. «Wir dachten spontan, ein bisschen Oper ist die ideale Fortsetzung für uns und unsere Gäste», sagt der Bräutigam. Nur, als Metapher für die eigene Beziehung, will Siebenmann das Stück keinesfalls sehen. «Dafür taugt wohl keine Oper», sagt er und lacht.

Die Stimmung auf der Bühne wird dramatischer, gleichzeitig verdüstert sich der Himmel zusehends, - so, als hätte Opernhausintendant Andreas Homoki das Stück dem Wetter angepasst. Als es zu regnen beginnt, ziehen Siebenmanns von dannen (und lassen sich vom Fotografen nicht mehr einfangen.)

Der Härtetest

Die Mehrheit lässt sich vom Nass aber nicht beirren. Sie packen Regenpelerinen aus, spannen Schirme auf. «Bald gewöhnen wir Schweizer uns an das Schottische Wetter», hört man jemanden sagen. Roger, Sarah und ihre Freunde haben sich genau für diesen Zeitpunkt gewappnet. Um vier Uhr waren sie auf dem Platz und haben sich vier Stuhlpaare unter dem Vordach der Garage reserviert, schliesslich soll auch ihr Picknick nicht nass werden.

Ebenfalls unter den Zuschauern ist SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr. Sie harrt im Regen aus und hat nur lobende Worte für den Anlass. «Andreas Homoki hat mit dieser Veranstaltung einen Weg gefunden, die Hemmschwelle für Nicht-Operngänger dieser Kunstart gegenüber zu senken.» Um ihn dabei einen Schritt zu unterstützen, hat sie eine Gruppe junger Leute für den Anlass motiviert. Samuel Bachmann, einer von ihnen, sagt: «Kulturinstitutionen sollten ihre Kunst noch viel öfter auf die öffentlichen Plätze hinaustragen.»

Über eine Stunde und drei Todesszenen später bedankt sich Intendant Homoki vom Balkon des Opernhauses aus bei den Zuschauern und ruft ihnen zu: «Das war ein Härtetest für die nächste Ausgabe an Weihnachten.» Die Zuschauer johlen. Tina lässt ihren Ballon fliegen.

Wer weiss, vielleicht fühlt sich der nächste Juni ja wie Winter an. Dann wird jedenfalls bei jedem Wetter Verdis «Un ballo in maschera» gegeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2016, 12:55 Uhr

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